Drogenbuch auf dem Index Legalisiert Leary!

Vor zehn Jahren starb Timothy Leary, LSD-Propagandist und Missionar der psychedelischen Religion. Seine 1968 veröffentlichte Drogen-Gebrauchsanleitung "Politik der Ekstase" ist in Deutschland immer noch indiziert. Warum eigentlich?

Von Frank Schäfer


In einem langen Interview mit dem "Playboy" von 1966 wird Timothy Leary auch nach den Dingen gefragt, die dieses Magazin am meisten interessieren. "Wir haben gehört, dass manche Frauen, die normalerweise nur mit Schwierigkeiten einen Orgasmus erreichen, unter LSD mehrfache Orgasmen erleben können. Stimmt das?" Leary weiß, wie man sich verkauft: "In einer sorgfältig vorbereiteten, liebevollen LSD-Sitzung kann eine Frau mehrere hundert Orgasmen haben." Ungläubiges Staunen. "Mehrere hundert?" "Ja, mehrere hundert." Man hört förmlich, wie der Journalist durch die Zähne pfeift...

Drogen-Vertreter Leary (1987): Hätten Sie von diesem Mann einen LSD-Trip gekauft?
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Drogen-Vertreter Leary (1987): Hätten Sie von diesem Mann einen LSD-Trip gekauft?

Bei der Zusammenstellung seines zwei Jahre später veröffentlichten Buches "Politik der Ekstase" ironisiert Leary das ganze dann wieder etwas und fügt gleich am Anfang eine Fußnote ein: "Wäre dieses Interview für eine Sportzeitschrift gemacht worden, so hätte sich der gewissenhafte Interviewte selbstverständlich auf die Frage konzentriert, wie LSD die Torquote steigern kann." Aber gesagt ist nun mal gesagt.

Timothy Leary, vor genau zehn Jahren 76-jährig verstorben, trat immer ein wenig auf wie ein Scharlatan, einer aus der Gilde der Wunderheiler, Magnetiseure und Mesmeristen, und war dabei doch von seiner Mission hundertprozentig überzeugt. Unter Acid-Einfluss hatte er offensichtlich gesehen, was den Kosmos im Innersten zusammenhält, und seitdem versuchte er, mit Hilfe der Droge dem modernen Menschen seine verlorene Spiritualität zurückzugeben. "Politik der Ekstase" war nicht sein erste Werbeschrift zum Thema, aber seine bis dahin eingängigste; das Buch bündelt ausgewählte Vorträge, Essays und Interviews zu einem kleinen Katechismus der psychedelischen Revolution.

Flachköpper in die glücksverheißende Ursuppe

In seiner Emphase verklärt er LSD zum Allheilmittel. Sexuelle Perversionen, Homosexualität, Frigidität, psychische Erkrankungen? Alles kein Problem mehr. Die psychotherapeutische Wirkung der Droge ist aber nur ein hübscher Nebeneffekt. In erster Linie macht sie einen alten Menschheitstraum wahr: Sie erlaubt dem Drogenesser, die phylogenetische Leiter hinabzusteigen, zurück zum Anfang, zur göttlichen Alleinheit. LSD wird zum Sprungbrett – für den Flachköpper in die glücksverheißende Ursuppe.

Dorthin also, wo Subjekt und Objekt noch zusammenfallen, wo noch kein Verstand ist, der uns von dem göttlichen Urzustand immer weiter entfernt: "In Ihrem DNS-Code haben Sie die genetische Geschichte Ihres Vaters und Ihrer Mutter. Sie geht zurück, zurück, zurück durch die Generationen, durch die Äonen. Ihr Körper trägt einen Protein-Bericht über alles, was Sie seit dem Augenblick erlebt haben, in dem Sie als einzelliger Organismus empfangen wurden. Es ist eine lebende Geschichte über jede Form der Energie-Umwandlung auf diesem Planeten, bis zurück zu dem Blitzstrahl im präkambrischen Schlamm, der den Lebensprozess vor über zwei Billionen Jahren angefacht hat."

Diese in den Zellen gespeicherten Informationen können, so Leary, "während einer LSD-Erfahrung in das Bewusstsein geblitzt werden" – ein überwältigendes transzendentales Erlebnis, das den "Tripper" nachdrücklich verändert, sein Bewusstsein dekonditioniert und erweitert. Er erkennt nunmehr die kleinlichen, ephemeren Zwänge, Prinzipen und Repressionen seiner Gesellschaft als das, was sie sind.

"Turn on, tune in, drop out"

So kommt Leary zu seiner zentralen Lehre, die dieser große PR-Stratege zum griffigen Slogan "Turn on, tune in, drop out" eindampft: "'Turn on' bedeutet, Verbindung mit den alten Energien und Weisheiten aufzunehmen, die in das Nervensystem eingebaut sind. 'Tune in' heißt, sich diese Perspektive nutzbar zu machen und in einem harmonischen Tanz mit der äußeren Welt zu verbinden. 'Drop out' bedeutet, sich vom Stammesspiel zurückzuziehen", endlich klarzusehen, "dass die amerikanische Gesellschaft zu einem Ameisenhaufen mit Klimaanlage wird." Die Aussicht war ja auch tatsächlich mehr als verlockend: "Eine Generation schöpferischer Jugendlicher lehnt es ab, im Gleichschritt zu marschieren, weigert sich, ins Büro zu gehen, Ratensparverträge zu unterzeichnen, sich in die Tretmühle zu begeben", phantasiert Leary.

Wie gesagt, er hatte durchaus etwas von einem Scharlatan – oder von einem Künstler. Er hat sich und sein Leben ästhetisiert, sich seine eigene Idealwelt gezimmert und so konsequent wie möglich in ihr gelebt. Dass er sein persönliches Arkadien zum Ort allgemeiner Seligkeit erklärt und sich selbst als so eine Art Behelfs-Guru inthronisiert hat, muss man ihm ankreiden.

Andererseits hat er so eine ganze (Pop-)Kultur maßgeblich mitgeprägt. Auch wenn sich seine sozialpolitischen Prophezeiungen nicht zuletzt wegen des massiven Protests der Konsensgesellschaft kaum bewahrheitet haben, der "psychedelische Kampf" keineswegs gewonnen wurde, LSD sich als "zentrale Erziehungsmethode der Zukunft" nicht ganz durchgesetzt hat, sollte er wenigstens in einem Punkt Recht behalten: "Der LSD-Kult hat in der amerikanischen Kultur bereits revolutionäre Veränderungen hervorgebracht ... Und dieser neue psychedelische Stil hat nicht nur einen neuen Rhythmus in die moderne Musik gebracht, sondern auch eine neue Dekoration in unsere Diskotheken, eine neue Art des Filmens, eine neue kinetische, visuelle Kunst, eine neue Literatur, und er hat damit begonnen, eine Überprüfung unseres philosophischen und psychologischen Denkens zu erzwingen."

Seit 1981 auf dem Index

Dennoch, die Liste seiner Kritiker war schon damals lang – übrigens auch im eigenen Counterculture-Milieu. Robert Crumb machte sich immer wieder und schon früh in seinen Comics lustig über den exaltierten Wirrkopf Leary – und der unbestechliche Hunter S. Thompson, selbst ein Drogenfresser, geißelt in "Angst und Schrecken in Las Vegas" Learys verantwortungslose Missionarstätigkeit für die eigene Drogenreligion: "Er tobte durch Amerika und verhökerte 'Bewusstseinserweiterung', ohne je einen Gedanken an die grimmigen Fleischerhaken-Realitäten zu verschwenden, die auf alle Leute lauerten, die ihn zu ernst nahmen."

So ähnlich argumentierte auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS), als sie die deutsche Übersetzung 1981– davor konnte das Buch immerhin ein ganzes Jahrzehnt unbeanstandet die segnende Wirkung psychedelischer Drogen feiern – auf den Index setzte. "Politik der Ekstase" fordere "auf 220 Seiten zum Gebrauch von LSD auf und verherrlicht gleichzeitig die Droge", heißt es in der Begründung. Damit schade das Buch der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen "zu autonomen, sozialethisch verantwortungsbewussten Persönlichkeiten", "denn es steht aufgrund gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse fest", dass der Genuss von Rauschgift "die Sozialisationsprozesse der jugendlichen Konsumenten erheblich stören kann". Noch 1998 lehnte die BPS einen Wiederaufnahmeantrag durch den Raymond Martin Verlag ab und bekräftigte ihre frühere Indizierung.

Günter Amendt, Sozialwissenschaftler und Deutschlands bekanntester Drogen-Experte, kritisiert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE dieses Verbot. "Die Arbeit mit Drogenkonsumenten und Drogenabhängigen konzentriert sich auf die Wirklichkeit, wie sie ist, und nicht, wie man sich wünscht, dass sie wäre – clean und drogenfrei. Menschen zu befähigen, die Risiken von Drogen einzuschätzen, ist ein wesentliches Element dieser Akzeptanzpolitik. Und das heißt: Aufklärung und Wissensvermittlung sind unverzichtbar. Bei aller notwendigen Kritik an Learys Aktionismus, mit seinen Verhaltensregeln beim Konsum von LSD sollte sich jeder auseinandersetzen, der beabsichtigt, einen Trip zu nehmen. Das Veröffentlichungsverbot von 'Politik der Ekstase' steht also im krassen Widerspruch zu den Erkenntnissen der Präventionsforschung, die der Maxime folgt: 'Just say know'."

Zudem ist die drogistische Evolution längst über das Buch hinweggegangen. Bereits 1981 nahm sich Learys mit beachtlicher Sprachbegabung und imaginativer Energie vorgebrachter Hippie-Spiritualismus – Punk sei Dank! – wie eine Lachnummer aus. Der "gefährdungsgeneigte Jugendliche" wird sich von der avisierten "Lichtjahrreise durch die Galaxen" oder dergleichen nicht mehr anfixen lassen, eher noch reißt er sich eine Seite aus dem Buch und rollt sie auf, um sich diese lange weiße Linie durch die Nase zu ziehen...



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