Von Peer Schader
Tag 16 im australischen Dschungel: Alle Sylvester-Stallone-Witze sind gemacht, sämtliche Ochsenknecht-Sohn-Fantasienamen wurden erfunden und auch der dramatischste Regenguss ist längst im Boden versickert. Was kann jetzt noch kommen? Na klar: Bevor alle nach Hause dürfen und RTL sein Programm wieder auf Autopilot umschaltet, muss noch dieser Dings gewählt werden, dieser: Dschungelkönig.
Oder wie Brigidde Nielsen sagen würde: "Oh mein Gott", "Oh mein Gott" - und natürlich: "Oh mein Gott".
Trotz großer Anstrengung, sich ganz kurz vor der Zielgerade noch um den Titel zu hyperventilieren, hat nun also eine 49-jährige Dänin die vorübergehende Herrschaft der offiziellen RTL-Quatschfestspiele übertragen bekommen. Überraschung war es allerdings keine mehr, als die bisher ungekrönte Queen internationaler Reality-Shows am Samstag kurz nach Mitternacht als letzte aus dem Camp geholt wurde, nachdem sie in ihrer finalen Prüfung noch schnell einer Raupe den Kopf abbeißen und einen Haufen Eingeborenenallerlei verzehren durfte.
Die Nielsen ist Dschungelkönigin der sechsten Staffel von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Und man kann eigentlich bloß sagen: endlich!
Schon seit ein paar Tagen hatte sich abgezeichnet, wen das Publikum diesmal favorisieren würde. Viel länger wäre es auch nicht mehr zu ertragen gewesen, Nielsen ununterbrochen "Wuhuuuu!", "I feel good!" und "Ich danke soviel die deutsche Leude!" jubeln zu hören, so begeistert, wie sie sich in jede neue Herausforderung stürzte und Kuschelkoalitionen mit den verbliebenen Leidensgenossen schmiedete.
Wenn das jetzt mit der neuen Karriere trotz Krönung nichts wird, kann Nielsen sich ja Ex-"DSDS"-Kandidatin Kim Debkowski und Schauspielersohn Rocco Stark schnappen und augenblicklich mit Florian Silbereisen auf Tour gehen - bei soviel volksmusikhafter Gutgelauntheit, wie sie die drei in der Abschlusssendung versprühten.
Es ist nicht ganz klar, wer sich bei wem mit der chronischen Übereuphorisierung angesteckt hat: der Sender bei seinen Kandidaten oder andersherum. Für RTL war der Fernsehausflug ans andere Ende der Welt dank überragender Quoten jedenfalls auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg.
Und das, obwohl die Exzesse sich diesmal in Grenzen hielten. Auf dramatische Intrigen, eine Beinahe-Meuterei und spektakuläre Scheinliebschaften musste die Show - anders als im Jahr zuvor - nämlich weitgehend verzichten.
Stattdessen dachte Modeldarstellerin Micaela, sich mit immer knapper werdendem Körperkleid den Sieg erstrippen zu können. Rabenmagier Vincent und Ex-Fußballprofi Aílton lieferten sich zeitweise ein Wettrennen darum, wer am lautesten darum betteln kann, endlich rausgewählt zu werden. Und die frühere Fernsehgärtnerin Ramona Leiß bewies, dass sie gar kein Moderationsroboter ist - sondern bloß anstrengend.
Dass es bei "Ich bin ein Star" dazu gehört, Eskalationen dankbar aufzunehmen, sie abzubilden und süffisant zu kommentieren, aber nicht künstlich zu befördern, ist ein wunderbares Prinzip - vor allem, weil diese Art des Nichteinmischpakts im RTL-Programm sonst eher selten praktiziert wird. Aber so läuft die Show eben auch Gefahr, dass die Luft früher raus ist als die Sendezeit zu Ende. Nach anderthalb Wochen waren diesmal alle interessanten Lagerfeuergespräche abgehakt, alle Nacktheiten dokumentiert und genügend Witze beim Ablesen von Moderationskärtchen vergeigt.
Hätte es so kurz vor Schluss nicht noch den Dauerregen gegeben, der das Camp kurzzeitig von der Außenwelt abschnitt und wieder für ein wenig Spektakel sorgte, wären die Autoren vermutlich arg in Bedrängnis geraten.
Dass Brigidde Nielsen vor ihrem Auszug noch mal vom gefürchteten Dschungel-Buffet kosten musste, Rocco im Treibsand baden und Kim Krokodile ertasten, war jedenfalls nur noch Routine. Im Dschungel kommt eben erst die Kür und dann die Pflicht.
Obwohl die Gewinnerin das freilich anders sehen dürfte: "Das ist soviel für mich", sagte Nielsen am Ende, "Oh danke", und - "Oh mein Gott." Sichtlich gerührt und den Tränen nahe verharrte sie nach ihrer Wahl noch für ein paar Minuten alleine im Camp, schickte Dankessalven in den bewölkten Himmel, als säßen dort die Zuschauer mit ihren Telefonen, und begriff ihren Sieg tatsächlich als eine Art Karrierehöhepunkt - den sie sich nach den Auftritten bei "Celebrity Big Brother", bei "Celebrity Rehab", der OP-Doku "Aus alt mach neu" und "Let's Dance" redlich verdient hat.
Seine Stars formt sich das Reality-Fernsehen eben am liebsten immer noch selbst.
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