DSDS-Wettsänger Lach, Breitmaulfrosch, lach!

Wäre da nicht der kleine Benjamin Herd, müsste man Bohlens Castingshow in "Deutschland sucht den Supermigranten" umbenennen. Die Jury hat das deutsche Pop-Prekariat weggedemütigt - jetzt sollen die eingewanderten Talente "auch mal was Deutsches singen".

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Musik ist Leistungschau: Das ist das Erste und Wichtigste, das sie lernen müssen, die zehn Kandidatinnen und Kandidaten, die das demütigende Siebverfahren aus rund 30.000 Bewerbern überstanden haben und sich jetzt auf der großen RTL-Bühne der DSDS "Mottoshows" die Seele aus dem Leib singen.

"Das ist hier kein Spiel", weiß der Afrodeutsche Jermaine Alford und verspricht "500-prozentige Leistung". "Das waren jetzt eher 50 Prozent", nölt Jurorin Anja Lukaseder. "Wir sind hier bei den Mottoshows, da erwarten wir Minimum hundert Prozent."

Lächelnd lässt sich der 21-Jährige aus Langenselbold schuriegeln. Das gehört sich so, wenn man in Deutschland ein Superstar werden will. "Ich hoffe, du hörst auf mit dieser Leistungsdiät", schickt ihm Bohlen hinterher. Zu spät: Das Publikumsvotum kegelt Alford an diesem Abend aus der Show. "DSDS ist meine einzige Chance", hatte er den RTL-Kameras anvertraut. Schön melodramatisch, aber es hilft nichts: Wer nicht genug Leistung bringt, muss wieder zurück ins wahre Leben, als Gabelstapler oder Dachdecker, so wie Alford.

Singen heißt Leistung bringen. Immer volle Prozentzahl, mindestens. Prozente und nochmal Prozente: "Du hast hier alles tausendprozentig im Griff", lobt der Dieter den arbeitslosen Deutschpolen Thomas Godoj. "Ich warte auf hundertprozentig italienisches Feeling", reibt er Stella Salato, 22, hin, laut RTL eine "rassige Mediengestalterin" mit sizilianischen Wurzeln. Und der österreichisch-bosnischen Drogeriemarktverkäuferin Monika Ivkic bescheinigt er: "Du hast hier hundertprozentige Leistung abgeliefert." Aber: "Auch mal was Deutsches singen, trau’ dich mal!"

Auch mal was Deutsches. Wäre da nicht der süße Benjamin Herd mit seinen blonden 16 Jahren, die Show müsste "Deutschland sucht den Supermigranten" heißen. Denn bei allen anderen neun Kandidatinnen und Kandidaten gibt es mindestens einen nichtdeutschen Elternteil. Kriegsflüchtlingskind aus dem Libanon oder aus Bosnien-Herzegowina, Muslima aus dem Sauerland, Ghanaer mit Hauptschulabschluss und Gospelchor: Der bedingungslose Aufstiegwille der Kandidaten hat Einwanderungsgeschichte.

Macht auch Sinn: Nachdem der Dieter und seine Co-Juroren das ganze abgehängte deutsche Sing-Prekariat weggedemütigt haben, bleiben die eingewanderten Talente übrig. Die dürfen nach oben, weil sie zu talentiert für da unten sind. Im Fußball und in den Charts: Deutschland braucht Leistungsträger aus dem Ausland. "Ihr Italiener, ihr habt doch das Gefühl erfunden!" ruft Bohlen der sizilianischen Mediengestalterin zu, denn er weiß: Gegen solche Plattitüden verwahrt sich hier keiner. Die sind robust, die sind nicht zartbesaitet.

"Letzte Woche Seal, diese Woche Lenny Kravitz", sagt Bär Läskers zu Collins Owusu, dem Ghanaer. "Das passt zu deinem Typ." Wo sonst können schlechtangezogene Glatzen so launig mit Afrodeutschen umspringen? "Migrantenstadl" schrieb der Berliner "Tagesspiegel" – und so sieht es dann auch aus: Ein Schwenk über den feurigen italienischen Familienverband, dann rüber zum johlenden Afrikaner-Clan, dann die bosnischen Freudentränen in Nahaufnahme.

"Ich will nicht so nen ernsten Breitmaulfrosch, ich will nen lachenden Breitmaulfrosch", fordert der Dieter von Linda Teodosiu, der 16-jährigen Christina-Aguilera-Interpretin mit dem rumänischen Nachnamen. Ja, so mögen wir sie am liebsten, unsere migrantischen Jugendlichen: als lächelnde, singende Breitmaulfrösche.



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