Volkskrankheit Demenz Neuronenmassaker auf der Bühne

Bereits eineinhalb Millionen Deutsche sind dement, die Zahl steigt weiter, das große Gedächtnissterben beschäftigt längst Film, Fernsehen und Literatur. Und was hat das alte Medium Theater zum Thema zu sagen?

Von

Darstellerinnen Eva Derleder (l.) und Lisa Schlegel: Im Säurebad der Erinnerung
Jochen Klenk

Darstellerinnen Eva Derleder (l.) und Lisa Schlegel: Im Säurebad der Erinnerung


Alzheimer, so zeigen Umfragen, ist einer der größten Angstmacher der Deutschen. Nicht zu Unrecht: Schon heute sind etwa eineinhalb Millionen Deutsche dement, 2050 könnten es drei Millionen sein. Demenz ist die Volkskrankheit unseres Jahrhunderts.

Manchmal würde man gerne die Augen davor verschließen, würde am liebsten vergessen, dass einem im Alter selbst Alzheimer droht, aber dann kommt schon der nächste Film oder das nächste Buch oder die nächste Talkshow und erinnert einen daran. Man bekommt die Demenz einfach nicht mehr aus dem Kopf.

Aus dem früheren Tabuthema ist ein Verkaufsgarant geworden. Schon die Demenz-Bücher "Abschied von meinem Vater" von Tilman Jens und "Der alte König in seinem Exil" von Arno Geiger verkauften sich prächtig, nun dominiert Demenz die deutschen Kinocharts: Mehr als vier Millionen Menschen haben sich "Honig im Kopf" angeschaut, einen Film, zu dessen Kinostart im Dezember nicht nur bei Maischberger über Demenz diskutiert wurde. Nun gut, den Dementen spielt Didi Hallervorden und Regie führt Til Schweiger, aber was soll's; eine Mainstream-Komödie über eine Mainstream-Krankheit.

In Karlsruhe wird Demenz nun noch einmal auf einer vergleichsweise kleinen Bühne thematisiert, im intimen Rahmen eines Theaters: Katrin Plötner inszeniert die Uraufführung von Jörn Klares Mutter-Tochter-Drama "Du sollst den Wald nicht vor dem Hasen loben". Kann das alte Medium dem Trend-Thema etwas Neues abgewinnen?

Die Zeit drängt

Der Autor Klare hat bereits ein hoch intimes Sachbuch zum Thema veröffentlicht: "Als meine Mutter ihre Küche nicht mehr fand - Vom Wert des Lebens mit Demenz" ist 2012 bei Suhrkamp erschienen und enthält im Kern die Krankengeschichte von Klares Mutter, inklusive manch komischem Dialog zwischen Mutter und Sohn. Klare berichtet von ihren Ängsten und von seinen eigenen, interviewt aber auch Psychiater, Theologen und Philosophen. Die Erkenntnisse hat er nun in sein erstes Theaterstück gegossen.

Es treffen aufeinander: eine Tochter, etwa 40, und deren Mutter, etwa 75. Die Tochter hat lange im Ausland gearbeitet und ist vor kurzem zurück nach Deutschland gezogen, in die Nähe ihrer Mutter. Die neue Nähe will sie nutzen, um endlich mehr über ihren Vater zu erfahren, einen Mann, aus dem ihre Mutter seit Jahrzehnten ein Geheimnis macht. Je mehr Zeit die Tochter mit ihrer Mutter verbringt, desto klarer wird ihr, dass die Zeit drängt: Die Mutter zeigt erste Symptome einer Demenz; sie droht ihr Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.

"Jetzt, wo ich wieder da bin", klagt die Tochter, "verschwindest du tatsächlich immer mehr." Sie verflucht das "Neuronenmassaker", das im Kopf der Mutter tobt, das "Erinnerungssäurebad", die "riesige Geschichtenheckselmaschine".

Um das Gedächtnis der Mutter zu trainieren, spielt die Tochter ein Spiel mit ihr: Sie nennt den Beginn eines Sprichworts, die Mutter ergänzt das Ende. "Geiz ... allein macht nicht glücklich." "Doppelt genäht ... heilt alle Wunden." "Du sollst ... den Wald nicht vor dem Hasen loben." Alles gerät durcheinander im Kopf der Mutter - und je mehr durcheinander gerät, desto heftiger überschlagen sich die Emotionen in Klares Stück: Wehmut und Witz wechseln im Sekundentakt.

Herrlich ist dieser Dialog, in dem die Mutter das Spiel umdreht: "Schlafende Hunde?", fragt sie die Tochter aus dem Nichts. "Was, schlafende Hunde?", sagt die gereizt. "Schlafende Hunde werden auch nicht an einem Tag erbaut", sagt die Mutter. "Was?" - "Schlafende Hunde graben anderen eine Grube." - "Nein. Schlafende Hunde ..." - "... bringen Morgenstund?" - "Nein. Schlafende Hunde soll man nicht wecken." - "Siehst Du."

Drama der Angehörigen

Klares dramaturgischer Kniff ist einfach, aber wirkungsvoll: Der Versuch, ein Geheimnis aufzuklären, erzeugt einen Sog - und vermittelt im Vorbeigehen die Erkenntnis, dass Demenz nicht selten das größere Drama für die Angehörigen ist und nur das kleinere für die Demenzkranken selbst. Die Mutter verliert ihre Identität, was natürlich schrecklich ist. Aber die Tochter wird die Wurzeln ihrer Identität vielleicht nie klären.

Als die Tochter sich mit ihrer Mutter alte Fotos anschaut, aus denen der Vater rausgeschnitten ist, zerreißt die Mutter die Fotos, als zerrisse sie ihr Leben. Es ist todtraurig. In der Szene darauf puzzelt die störrische Mutter die Schnipsel wieder zusammen, ihren Kopf auf den Körper der Tochter. Es ist nicht ohne Witz.

Klare geht es um das Drama, dass es bedeutet, wenn ein Mensch geht - und man dem Menschen beim Gehen zuschauen muss. Er schreibt über das Leiden einer Angehörigen, aber anders als in den meisten Demenz-Diskussionen leidet diese Angehörige nicht darunter, dass die Betreuung des geliebten Menschen teuer ist oder zeitraubend. Und auch nicht darunter, dass der sichtbare Verfall des geliebten Menschen emotional belastend ist. All das spielt fast keine Rolle. Die Angehörige leidet darunter, dass auch ein Teil von ihr geht, wenn ihre Mutter geht. Ein Teil von ihrer Geschichte, von ihrer Identität.

Kind im Körper einer älteren Frau

Der Theater-Neuling Klare hat sein Stück fast altmodisch genau gebaut, mit einer genauen Vorstellung des tatsächlichen Theaterabends vor Augen. Die Regie könnte sich ins gemachte Nest setzen - aber welche Regie will das schon?

In Karlsruhe zeigt die Endzwanzigerin Katrin Plötner guten Willen. Sie inszeniert sehr reduziert, sehr uneitel, was umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass der Abend eine ihrer allerersten Arbeiten nach Abschluss am Salzburger Mozarteum ist. Die Regisseurin Plötner versucht erst gar nicht, sich mit einer Überfülle eigener Ideen zu profilieren, sondern arbeitet sehr genau mit den beiden Schauspielerinnen Eva Derleder und Lisa Schlegel. Vor allem Derleder überzeugt, indem sie die Mutter von Minute zu Minute mädchenhafter anlegt: alberner und zappeliger, aber auch verletzlicher. Ein Kind im Körper einer älteren Frau.

Markus Steinkellner hat dazu eine sehr sprechende Musik komponiert: Aus melancholischem Klaviergeklimper wird mit der Zeit elektronische Musik, die Aussetzer enthält. Lückenhafte Klänge, die das Knacken und Knistern und Rauschen der sterbenden Gedanken imitieren.

Jörn Klare: "Du sollst den Wald nicht vor dem Hasen loben". Uraufführungs-Inszenierung von Katrin Plötner am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Nächste Vorstellungen 1., 22. und 28. Februar sowie 12. und 25. März. Karten unter Telefon 0721/933333.

Zum Autor
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

Mehr Artikel von Tobias Becker

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hektor2 29.01.2015
1. Kein Wunder
Kein Wunder - es gibt schon zu lange ein schlechtes Bildungssystem und noch schlechteres Fernsehen.
anne1503 29.01.2015
2. Bitte erklären Sie mir doch
den Zusammenhang zwischen schlechtem Bildungssystem und noch schlechterem Fernsehen und einer Demenzerkrankung. Wer da einen Zusammenhang sieht, weiß definitiv nichts über diese Krankheit.
hektor2 29.01.2015
3. Schön
Zitat von anne1503den Zusammenhang zwischen schlechtem Bildungssystem und noch schlechterem Fernsehen und einer Demenzerkrankung. Wer da einen Zusammenhang sieht, weiß definitiv nichts über diese Krankheit.
Erfreulich, dass Sie so viel darüber wissen. Sie sollten dringend in die Forschung gehen, denn bis heute sind zwar die Wirkungen, nicht jedoch die Ursachen dieser Erkrankung geklärt. Es scheint jedoch einen Zusammenhang zwischen Prägung und Training des Gehirns und dem Ausbruch bzw. der Schwere dieser Erkrankung zu geben. Aber warum fragen Sie überhaupt, wenn Sie eh keine Erklärung wollen - Ihr Weltbild ist ja fertig.
anne1503 29.01.2015
4. Sehen Sie,
Zitat von hektor2Erfreulich, dass Sie so viel darüber wissen. Sie sollten dringend in die Forschung gehen, denn bis heute sind zwar die Wirkungen, nicht jedoch die Ursachen dieser Erkrankung geklärt. Es scheint jedoch einen Zusammenhang zwischen Prägung und Training des Gehirns und dem Ausbruch bzw. der Schwere dieser Erkrankung zu geben. Aber warum fragen Sie überhaupt, wenn Sie eh keine Erklärung wollen - Ihr Weltbild ist ja fertig.
genau diese Art Antwort habe ich erwartet. Ich muss nicht in die Forschung gehen, dazu hätte ich auch keine Lust. Aber ich arbeite an fünf Tagen in der Woche von morgens bis abends mit Demenzkranken, behandelnden Ärzten und entsprechenden Einrichtungen zusammen und muss mich notgedrungen mit der Erkrankung auseinandersetzen. Ich gebe Ihnen Recht, dass geistiges Training unterstützend dabei wirkt, das Fortschreiten der Krankheit ein winziges bisschen zu verlangsamen. Aber Demenz auf das schlechte TV-Programm zu schieben, ist doch etwas einfach. Aber Sie wissen es ja besser, gell ;-)
Didoxion 30.01.2015
5. Das ist leider nur der lustige Anfang ...
... wer sich mit Demenz auskennt, weiß, dass die letzten Monate der Erkrankung alles andere als ulkig sind. Über die dann grauenvollen Schmerzen und Leiden habe ich noch keinen Film gesehen, kein Theaterstück gibt die Leere im Kopf des Endstadiums wieder.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.