Uraufführung in Düsseldorf Herr Mann liebt Mann

"Königsallee" ist ein Flüchtlings- und Liebesdrama, in dem der Dichterfürst Thomas Mann die Hauptrolle spielt. Die neue Aufführung im Düsseldorfer Schauspielhaus beruht auf einem komischen Roman von Hans Pleschinski - und zeigt brutal viel heiligen Ernst.

Reinhart Firchow, Tanja von Oertzen, Karin Pfammatter (v.l.n.r.)
Sebastian Hoppe

Reinhart Firchow, Tanja von Oertzen, Karin Pfammatter (v.l.n.r.)


Was ist nur im schnieken Düsseldorf los? Vor dem Theater steht ein abrissreifes, bunt bemaltes Bürohaus, in dessen Fensterlöchern mit Bierflaschen bewaffnete Gestalten herumlungern. Auf das Pflaster des Gustaf-Gründgens-Platzes sprühen junge Menschen betont scheußliche Graffiti. Aus Lautsprechern dröhnt gruselige, sehr laute Rockmusik. Rund um das Düsseldorfer Schauspielhaus sieht es an diesem Samstagabend so aus, wie sich der kleine Gustaf natürlich nie die New Yorker Bronx vorstellen konnte.

In Wahrheit treffen sich im August 2015 Street-Art-Künstler aus aller Welt zum "Urban Art Festival" in der derzeit brutal von Baustellen zerfurchten Düsseldorfer Innenstadt. Für das Festival lässt man sogar die elegant geschwungene Theaterfassade des Schauspielhauses mit ein paar lustigen Laserprojektionen illuminieren. Drin im Theater aber gibt es an diesem Samstag kein Fest der jugendbesoffenen Spraydosenkunst, sondern eine Feierstunde für einen äußerst vornehmen älteren Herrn.

Der 79-jährige Thomas Mann des Sommers 1954 tritt als Theaterfigur auf in Gestalt eines aristokratisch versteiften Schauspielers. Er heißt Reinhart Firchow und trägt das Grauhaar kurz, die Lesebrille stolz und den Nadelstreifenanzug mit Noblesse. In dem politisch aktuellsten Moment des Theaterabends "Königsallee", mit dem man hier die neue Theatersaison eröffnet, tritt dieser schlaksige Herr vor den roten Theatervorhang und erzürnt sich über die alten und neuen Nazis in Deutschland. Er nennt das braune Pack "Verhunzer der ererbten Werte", beschwört statt eines "teutonischen" ein "europäisches Deutschland" und ruft: "So denn Nachwelt, dir Glückauf!"

"Königsallee" ist ein Liebes- und Flüchtlingsdrama. Der Schriftsteller und Thomas-Mann-Verehrer Hans Pleschinski hat vor zwei Jahren einen Roman veröffentlicht, der einen historischen Moment beschwört: den Düsseldorf-Besuch des vor den Nazis ins Exil geflüchteten, nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz residierenden Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann im Jahr 1954 - und nebenbei auch die Wiederbegegnung Manns mit seiner großen, kurzen Liebe Klaus Heuser. Pleschinski vermischt lustig historische Fakten und schiere Spekulation. Tatsächlich hatte sich Mann 1927 auf Sylt, damals war er 52, in den aus Düsseldorf-Meerbusch stammenden, wohl 17-jährigen Jüngling Klaus verliebt, hatte den Knaben für zwei Wochen in die Mannsche Villa nach München eingeladen und höchstwahrscheinlich sogar ein einziges Mal geküsst. Mehr gestattete sich der berüchtigte Sublimationskünstler gegenüber seinem "Herzensschatz" nicht.

Ein brutal netter, entschieden biederer Abend

Pleschinski lässt Thomas Mann in "Königsallee" am Rande seiner 1954er Düsseldorf-Visite mit Klaus Heuser auf einen kurzen Plausch zusammenkommen. Heuser ist gerade zu Besuch aus Shanghai in der Stadt, wo er viele Jahre (auch einen Teil der Nazizeit) verbracht hat, er reist in Begleitung eines hübschen Liebhabers namens Anwar. Thomas Mann wird von seiner Gattin Katia, seiner Tochter Erika und, sehr am Rande, seinem Sohn Golo eskortiert. Nach allerhand Palaver sehen sich der alte Dichter und sein gealterter Beinahe-Lover in die Augen - "Wir sind beide ein bisschen älter geworden", sagt der Dichter. "Bei Ihnen ist's Reife, bei mir das Eis des Alters".

So steht es im Roman und so wird es in Düsseldorf nun sehr steif von dem Schauspieler Harald Schwaiger in der Rolle des Klaus Heuser und von seinem Kollegen Firchow als Mann-Darsteller aufgesagt. Aus der verklemmten, aber doch auch herzerwärmenden Liebesgeschichte des Romans macht der Theaterregisseur Wolfgang Engel, 72, eine statuarische Kabarettnummer - und das ist schon sehr typisch für diesen brutal netten, aber auch entschieden biederen Theaterabend.

Der Regisseur Engel ignoriert das Standardrezept, nach dem heutzutage fast alle Roman-Bearbeitungen auf der Bühne gemixt werden. Es lautet: Man nehme einen Wälzer von Melville, Dostojewski, Flaubert oder Thomas Mann, verteile die Erzählerstimme und die Dialoge auf drei bis acht Schauspieler, die untereinander die Rollen wechseln und improvisierende Faxen machen dürfen - und fertig ist die aufgekratzte, bewusst löchrige, locker distanzierte Romannacherzählung.

Engel macht es anders. Er lässt "Königsallee" in einer Fassung spielen, als handle es sich um ein Literaturdrama aus dem 19. Jahrhundert. Das ist ehrbar und sehr altmodisch. Als Kulisse hat der Bühnenbildner Olaf Altmann zum Glück nicht das berühmte Düsseldorfer Nobelhotel nachgebaut, in dem große Teile von Pleschinskis Roman spielen, sondern einen Parcours aus vier bis fünf Meter hohen schwarze Blöcken und Stelen. Man kann es auch so sagen: Thomas Mann spaziert in Düsseldorf zwei Stunden lang an einem Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals entlang.

Klar ist es eine naheliegende und charmante Idee, den Stoff des Düsseldorf-Romans "Königsallee" auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses zu holen. Ein bisschen mehr Esprit hätte man dem Team von Theaterhaudegen unter dem Interimsintendanten Günther Beelitz, der dieses Theater der Stadt nach jahrelangem Chaos wieder auf Kurs zu bringen versucht, aber schon gewünscht. Wolfgang Engel hat eine kreuzbrave, durch ein paar krawallige Musikeinlagen aufgemotzte Thomas-Mann-Revue auf die Bühne gestellt. Sie hat leider mit Pleschinskis raffinierter, kokett mit Thomas Manns Werk verschränkter Huldigung wenig zu tun. Das ist nicht schlimm, aber schade. Katia Mann belehrt ihren berühmten Gatten in Pleschinskis Roman einmal: "Ein Theatermuseum ist doch eine gute Sache, Tommy." In Düsseldorf hat ihr Gatte nun einen Platz in diesem Museum gefunden.


"Königsallee" am Düsseldorfer Schauspielhaus. Vorstellungen unter anderen am 4., 11., 15., 23. und 30. September, Start jeweils um 19.30 Uhr.
Tickets und weitere Termine unter www.duesseldorfer-schauspielhaus.de.



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