Zeitungssterben Das Jahr 2019 wird bitter

Journalismus in der Krise: Geschäftsmodelle von Traditionshäusern wie DuMont brechen weg, jungen digitalen Angeboten fällt es schwer, neue zu entwickeln. Was geschieht, wenn sich die gedruckte Zeitung verabschiedet?

Neven DuMont Haus in Köln
imago/ Future Image

Neven DuMont Haus in Köln

Ein Kommentar von


Der Presse geht es schlecht. Seit Jahren weiß man das und hört man das. Überall müssen Zeitungen sparen, die Auflagen der gedruckten Ausgaben schrumpfen. Journalist ist immer noch ein Traumjob, aber schon lange kein sicherer Beruf mehr.

Allein, außer den Journalisten selbst spürt den Niedergang kaum jemand. Die Blätter erscheinen ja weiter. Wer sie kaufen will, der kann das. Es machen bloß immer weniger. Und zugleich sind Journalisten, sind Redaktionen so präsent wie nie, so erreichbar wie nie. Sie sitzen und reden bei "Anne Will" und bei "Markus Lanz". Sie schreiben auf vielen Kanälen. Sie enthüllen Skandale, und manchmal pusten sie auch kleine Affären auf, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie twittern. Sie werden angefeindet, und sie werden verteidigt. Einige Journalisten sind eigene Marken geworden, die unabhängig von ihren Blättern funktionieren.

Wen also soll die Krise der Zeitungshäuser interessieren außer diese selbst, wenn das journalistische Angebot nicht wirklich schlechter geworden ist? Wenn das Getöse nicht leiser geworden ist - und man als Konsument eher das Gefühl hat, es gebe nicht zu wenig Angebot, sondern eher zu viel? Weil im Digitalen alles an einem Ort zusammenkommt, die alte Zeitungsmarke und das junge Nachrichtenportal, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und Buzzfeed.

Ein Geschäftsmodell, das wankt

Doch das ist eine Phase des Übergangs, und es spricht viel dafür, dass sie vorbei ist. Vor zwei Wochen meldete die Funke-Gruppe, dass sie für ihre Thüringer Blätter an Szenarien arbeite, "wie eine Versorgung der Leserinnen und Leser in ländlichen Gebieten mit digitalen Angeboten gewährleistet werden kann" - was nichts anderes bedeutet, als über den Abschied von der gedruckten Zeitung nachzudenken. Heute berichtet das Branchenmagazin "Horizont", dass der Verlag M. DuMont Schauberg seine Tageszeitungen verkaufen will, darunter die "Berliner Zeitung", der "Kölner Stadtanzeiger" und der "Express". Vor ein paar Jahren soll das gesamte Paket mal eine Milliarde Euro wert gewesen sein. Heute wären die Eigentümer froh, wenn sie ihre Titel überhaupt im Paket loswürden. Journalismus, das ist die bittere Wahrheit hinter alldem, ist ein Geschäftsmodell, das wankt.

Das Jahr 2019 wird für den Journalismus noch viele solcher schlechten Nachrichten bereithalten. Die Anzeigenmärkte brechen weg. Die Tageszeitungen verlieren Abonnenten. Und nur wenigen Häusern gelingt es, digitale Angebote zu machen, für die die Leser bereit sind, zu bezahlen.

In den kommenden Jahren werden Zeitungen verschwinden. Es werden Titel eingestellt und Redaktionen nicht mehr berichten. Und diese Lücke werden nicht mehr nur Journalisten zu spüren bekommen. Sondern Stadträte, über deren Arbeit niemand mehr berichtet. Bürger, die über ihre Gemeinde nichts mehr erfahren. Es wird Räume geben ohne Öffentlichkeit. Räume, die sich der Kontrolle entziehen, die Öffentlichkeit bedeutet. Räume ohne öffentliche Debatte, ohne öffentliche Politik. Eine WhatsApp-Gruppe macht noch keinen Journalismus.

Neue journalistische Dienste füllen diese Lücke bislang nicht. Sie sind im Kleinen, im Kommunalen, so gut wie nie erfolgreich, weil ihnen das ökonomische Modell fehlt. Sie sind im Großen meist nur erfolgreich, wenn sie weniger auf Journalismus setzen und mehr auf Vermarktung. Die Digitalplattformen "Vice", "Buzzfeed" und "Huffington Post", die für einen neuen Journalismus stehen wollen, müssen gerade Hunderte Stellen streichen. Auch ihr Problem: das Geschäftsmodell.

Man muss deshalb am Journalismus nicht zweifeln oder gar verzweifeln. Man darf deshalb vor allem eins nicht aufgeben: die Suche nach neuen Geschäftsideen, nach neuen Möglichkeiten, Redaktionen und ihre Arbeit zu finanzieren. Die Lösung für diese Krise ist es sicherlich nicht, Journalismus künftig von Staats wegen oder durch Stiftungen zu finanzieren, oder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diese Lücke vorstoßen zu lassen.

Als Nicolaus DuMont im Jahre 1802 in das Zeitungsgeschäft einstieg, war es keineswegs ausgemacht, dass damit eine Erfolgsgeschichte beginnen würde. Die "Kölnische Zeitung" hatte eine mickrige Auflage, und die allgegenwärtige Zensur bremste die Freiheit der Presse, wo sie nur konnte. Damals wie heute: Ohne Mut und ohne Risiko geht es nicht.



insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
Pfaffenwinkel 26.02.2019
1. Heute kann jeder die Zeitungen online lesen
Warum also noch als E-Papier kaufen? Und genau das ist das Problem. Die Zeitungen konnten ja nicht schnell genug online gehen und haben damit zu ihrem Untergang selber beigetragen.
Newspeak 26.02.2019
2. ...
"Das Jahr 2019 wird für den Journalismus noch viele solcher schlechten Nachrichten bereit halten. Die Anzeigenmärkte brechen weg. Die Tageszeitungen verlieren Abonnenten. Und nur wenigen Häusern gelingt es, digitale Angebote zu machen, für die die Leser bereit sind, zu bezahlen." Wie lange gibt es das Internet mittlerweile? Die Anzeigen brechen doch nicht erst seit gestern weg. Fragt sich irgendjemand von denen, die nun jammern, irgendwann einmal, was der LESER will? Und wenn ja, wird dem denn entsprochen? Anscheinend nicht. Wenn ich in eine gut sortierte Bahnhofsbuchhandlung gehe, sehe ich jedenfalls mehr als ausreichend Zeitschriften zu allen moeglichen und unmoeglichen Themen. Wobei ich nicht erkennen kann, dass dies grundsaetzlich ein Wert sein soll, wenn es darunter zig Zeitschriften gibt, die im Grunde voneinander abschreiben. Wo ist denn der Mehrwert, den man als Leser hat, wenn man eine Zeitschrift abonniert? Ich sehe keinen. Ich denke, die Pressemedien sind immer noch sehr verwoehnt, man weigert sich immer noch, sich anzupassen, man will die Meinungshoheit behalten, auch wenn die Leser schon laengst kein Interesse mehr daran haben. Und das faengt schon damit an, dass man sich vor allem um seine alten Leser kuemmert. Die jetzigen Abonennten. Die sterben aber weg mit der Zeit. Macht auch nur eine Tageszeitung ein Angebot fuer junge Menschen? Also ausser der einzelnen Seite, die man irgendwo hineinmogelt, in die Wochenendausgabe. Demut...das ist es...was Vielen noch fehlt. Dem Leser auf Augenhoehe begegnend und nicht belehrend, zensierend, einordnend, meinungsmachend.
anitawulfel 26.02.2019
3. Wochenzeitschriften
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/164386/umfrage/verkaufte-auflagen-von-spiegel-stern-und-focus/ Wenn ich mir so den Chart anschaue, dann scheint es der Stern nicht mehr lange zu machen. Spiegel und Focus auch schwach, aber es sieht noch nicht ganz so bedrohlich aus.
crewmitglied27 26.02.2019
4. Dieser Artikel beschreibt die Fakten recht gut.
Leider fehlt eine vernünftige Reflexion. Es gibt zu diesem Thema einen Spruch aus dem Vertriebsbereich. "Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler". Wenn der Journalismus in Deutschland den LeserInnen Texte anbietet, die die Menschen nicht lesen wollen, dann muss mal das Geschäftsmodell überdacht werden.Mir fällt da spontan Einiges ein. Neutrale Berichterstattung und Abwägung von Sachverhalten. Kritischer Umgang mit den Regierungsparteien. Bewertung von Ereignissen nur in Kommentaren. Überprüfung des Regierungshandelns. Investigativer Journalismus statt Framing. Hach,...das waren noch Zeiten. Da gab´s auch noch Menschen, die dafür Geld ausgegeben haben. Am Besten kann man den Niedergang des Mainstreamjournalismus am Rückgang der Käufer der Bild-Zeitung seit 2015 erkennen. Eine Redaktion, die komplett vergessen hat, welchem Fisch der Köder schmecken muss, hat es völlig versemmelt. Vielleicht denkt man ja auch im Haus des Herrn Relotios mal darüber nach.
fachlaie 26.02.2019
5.
"Und diese Lücke werden nicht mehr nur Journalisten zu spüren bekommen. Sondern Stadträte, über deren Arbeit niemand mehr berichtet. Bürger, die über ihre Gemeinde nichts mehr erfahren. Es wird Räume geben ohne Öffentlichkeit. Räume, die sich der Kontrolle entziehen, die Öffentlichkeit bedeutet." Diesem Beispiel kann ich nicht so recht folgen. In fast jeder Gemeinde gibt es (hier heißen sie) Mitteilungsblätter, die monatlich über jede Gemeinderats Sitzungen informieren, in denen fast alles mitgeteilt wird, was für die Kommune von Belang ist. Bezahlt wird dies durch die jeweilige Kommune. Wahr hingegen ist, dass der klassische, gedruckte Journalismus ein massives Problem hat, weil sich immer mehr Bürger mittels Internet aus verschiedenen Quellen informieren. Und ich vermute, dass die Einnahmen aus der Werbung mittels Clickbaiting und Paywalls schon jetzt die noch druckenden Verlage querfinanziert. So wird der Journalismus der Zukunft wohl aussehen, die Nutzung der Internet Medien wird teilweise bezahlpflichtig, vor allem die interessanten Artikel. Nur, dass anstatt für einen einzigen Artikel die gesamten, häufig weniger interessierenden Inhalte mitbezahlen zu müssen scheint bisher kein Erfolgsmodell zu sein. Für mich hieße die Lösung, gut recherchierte Artikel einzeln mit bspw. 50 Cent zu begleichen. Ich denke, dafür wären die meisten User bereit, vor allem, wenn der Verfasser als neutraler, faktenbasierter Journalist (Vorbild: Hanns Joachim Friedrichs) anerkannt ist. Weiterhin Emotionen anstelle von recherchierten Fakten schreiben wird den Niedergang der Presse beschleunigen.
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