Dutschke und die Teilung 1968: Kain und Abel in West-Berlin

Als Rudi Dutschke im April 1968 lebensgefährlich von Kugeln getroffen wurde, lebte er erst seit sieben Jahren im Westen. Wie sein Attentäter kam der Studentenführer aus der DDR. Eine Geschichte über die Berliner Mauer und die große Koalition; über deutsche Träume und Albträume.

Von Claus Christian Malzahn


Revolutionär Dutschke "Komisches Gefühl"
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Revolutionär Dutschke "Komisches Gefühl"

1958 steht ein junger Mann in der voll besetzten Aula der Gerhard-Hauptmann-Oberschule in Luckenwalde. Der 18-jährige Gymnasiast soll gleich seine erste Rede vor Publikum halten - beziehungsweise ein Schuldbekenntnis ablegen. Er hat den Dienst in der Nationalen Volksarmee verweigert. Die Lehrer erwarten, dass der kräftige Kerl mit dem Bürstenschnitt nun Selbstkritik übt. Solche Rituale kommen oft vor in der DDR, und wer sie über sich ergehen lassen muss, findet sie nicht angenehm. Doch der junge Mann in Luckenwalde ist nicht einmal nervös. Anstatt sich Asche aufs Haupt zu streuen, verteidigt er seinen Entschluss. Die Lehrer sind baff. Damit hatten sie nicht gerechnet. Der Schüler Rudi Dutschke geht als Sieger vom Platz.

In einem ausführlichen Brief an den Direktor begründet er seine Wehrdienstverweigerung noch einmal schriftlich: "Meine Mutter hat uns vier Söhne nicht für den Krieg geboren. Wir hassen den Krieg und wollen den Frieden. Wenn ich auch an Gott glaube und nicht zur Volksarmee gehe, so glaube ich dennoch, ein guter Sozialist zu sein."

Der Auftritt des jungen Dutschke läuft unter der Überschrift: "Hier stehe ich und kann nicht anders!" Er weiß, dass sein Verhalten schwer wiegende Konsequenzen haben wird. Weil er den Dienst an der Waffe verweigert, wird seine Abiturnote heruntergestuft. Der Preis für seinen Mut ist hoch: Seiner Überzeugung muss er einen Traum opfern. Dutschke wollte Sportreporter werden, doch ein entsprechendes Studium in Leipzig wird ihm nun verwehrt. In seine Kader-Akte ist der Makel des Pazifismus eingetragen. Dutschke gibt nicht auf. Sein Bruder bringt ihn nun regelmäßig mit seiner Sport AWO nach Teltow. Von dort fährt Dutschke dann mit der S-Bahn nach West-Berlin. Die Sport AWO verdient eine Randbemerkung: Es handelt sich um ein im Osten sehr begehrtes Motorrad mit 250 Kubik und einem 4-Takter-Motor, das verdächtig einer 250er BMW ähnelt - nicht der einzige Fall vom lizenzlosen Nachbau eines West-Modells im Osten.

Rudi Dutschke will das Abitur an der Askanischen Oberschule in Tempelhof noch einmal machen. Seine Familie in Luckenwalde besucht er, sooft es geht. So pendelt der junge Mann zwischen der großen Stadt und der ostdeutschen Provinz, zwischen dem Abiturkurs in der Kaiserin-Augusta-Allee und dem Leichtathletik-Verein in Luckenwalde. Am 11. August 1961 befiehlt die Mutter Sohn Helmut, dem die Sport AWO gehört: "Bring Rudi nach West-Berlin." Es gibt Gerüchte über eine Abriegelung der Halbstadt. Dutschke tröstet die weinende Mutter: "Du, ich bin mit Sicherheit schnell wieder zurück." Dann verschwindet Rudi, das schwarze Motorrad surrt die Straße hoch nach Norden. Nach 40 Kilometern erreichen Helmut und Rudi Dutschke Teltow. Die Brüder nehmen Abschied. Den DDR-Grenzern erklärt Rudi, "Ostsee-Urlaub" machen zu wollen, deshalb nehme er die Abkürzungsroute durch West-Berlin. Seine Mutter sah Dutschke nur noch einmal wieder, die Brüder traf er sechs Jahre später erst wieder an ihrem Grab. Der Rückweg von Tempelhof nach Luckenwalde wird ihm am 13. August von der Mauer abgeschnitten.

Doch Dutschke verfällt nicht in Depressionen. Er diskutiert gern und viel mit Freunden, aber von politischer Aktion hält er noch mehr. Mit Kommilitonen der Askanischen Schule schreibt er ein Flugblatt gegen den Mauerbau, in der Nacht des 14. August schreiten sie zur Tat. Mit einem Wurfanker wollen sie das Monstrum aus Beton einreißen. Die Aktion verläuft, sagen wir, suboptimal: Die Mauer hält, das Seil zerreißt und die Aktivisten fallen auf den Hintern. Der spätere Studentenführer Rudi Dutschke aber hatte nach seiner mutigen Rede in der Aula an der Mauer trotzdem seine Abschlussprüfung als Revolutionär hingelegt.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Deutschland, Deutschland. Kurze Geschichte einer geteilten Nation" von Claus Christian Malzahn. Das Buch erschien jetzt bei dtv

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Deutschland, Deutschland. Kurze Geschichte einer geteilten Nation" von Claus Christian Malzahn. Das Buch erschien jetzt bei dtv

Der Bau der Mauer verändert Dutschkes Leben mindestens so wie sieben Jahre später das Attentat auf ihn. Der Rückzug in die vertraute Umgebung seiner Familie und Freunde ist ihm abgeschnitten. Er muss in Berlin ganz allein zurechtkommen. Er will noch immer Sportreporter werden und macht seine ersten Gehversuche als Journalist. Für die "B.Z.", eine Morgenzeitung aus dem Hause Springer, schreibt er erste Berichte über Fußball und Leichtathletik. Sechs Jahre später wird ihn das Blatt zum Teufel wünschen. Dutschke entschließt sich zum Soziologiestudium. Seine Brüder sind darüber etwas enttäuscht. Sie können sich unter "Soziologie" nicht viel vorstellen, und in Rudis Briefen tauchen plötzlich komische Wörter auf. Je länger der ostdeutsche Junge aus der Provinz im Westen lebt, desto merkwürdiger redet er. Der SPIEGEL hat das Sprachphänomen Dutschke im Dezember 1967 in einer Titelgeschichte beleuchtet: "Was Dutschke denkt, ist 'Revolution', 'Konterrevolution', 'Produktion', 'Reproduktion', 'Subsumption', 'Integration', 'Transformation', 'Abstraktion', 'Repression', 'Manifestation', 'Manipulation'. Kein Mensch versteht's, doch die Republik spricht von ihm."

1967 regiert in der Bundesrepublik eine große Koalition aus CDU und SPD. Kurt Georg Kiesinger, ehemaliges Mitglied der NSDAP, ist deutscher Kanzler, der Antifaschist Willy Brandt Außenminister der Republik. Auf der Straße demonstriert die APO, die Außerparlamentarische Opposition. Dutschke, der Athlet aus Luckenwalde, ist der Superstar der Studentenrevolte. Was die Studenten wollen, ist nicht immer ganz klar. Mehr Mitsprache an den Universitäten, Sozialismus, Freie Liebe, Kommunen, Rätedemokratie, Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Vor allem machen sie klar, was sie nicht oder nicht mehr wollen.

Das alles tun die jungen Leute in dieser seltsamen Dutschke-Sprache, an deren Ende immer ein "ion" steht. Manchmal skandieren sie auch "Ho-Ho-Ho-Chi Minh" und rühmen damit den Anführer des militanten, kommunistischen Vietcong in Vietnam, den die Studenten damals für eine Befreiungsbewegung hielten. In West-Berlin hatte man für Sympathisanten von Kommunisten nach dem Mauerbau nicht sehr viele Sympathien. Der 68er-Bewegung gelang es deshalb nie, tatsächlich eine Brücke zur arbeitenden Bevölkerung zu bauen, auch wenn der eine oder andere Genosse freiwillig Hörsaal mit Werkbank vertauschte, um »in die Produktion« zu gehen und zu agitieren.

Repression, Revolution, Transformation, Rebellion - vielleicht war Rudi Dutschkes Transformation der deutschen Sprache und die Forderung nach Veränderung der Verhältnisse nicht viel mehr als der rhetorische Schutzpanzer eines Ostdeutschen aus kleinen Verhältnissen, der sich in den Hörsälen gegenüber all den anderen Bluffern behaupten wollte. War Dutschkes Linkssprech, mit dem er, nebenbei bemerkt, die Hörsäle auf Jahrzehnte in rhetorischen Mehltau einlegte wie Spreewälder Gurken in Essig, nichts als ein aus Phrasen gehäkelter Schutzpanzer? In manchem Hörsaal gammeln die Vokabeln von 68 immer noch. Doch der Ion-ion-ion-Dutschke war nur der halbe Rudi. Denn deutlich werden konnte er freilich auch: "In der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus, in der BRD ist alles real, bloß nicht 'Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit', bloß nicht reale Demokratie."



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