Dylan, Amendt und die 68er Krieger der wahren Coolness

Bob Dylan ist 60 Jahre alt geworden. Aus der Bücherflut zum Geburtstag des Folk-Poeten sticht Günter Amendts "Back to the Sixties" hervor. Mit der bunten Sammlung aus Reportagen und Essays schreibt der 68er-Vormann ganz nebenbei auch die Geschichte seiner Generation.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Bob Dylan 1969: Vom Parade-Pazifisten zum Panzer-Patrioten?
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Bob Dylan 1969: Vom Parade-Pazifisten zum Panzer-Patrioten?

Jahrestage kann man sich nicht aussuchen, die Zeit spült sie heran. Trat Bob Dylan am 13. Oktober 1990 im "Eisenhower Hall Theater" vor den Elite-Kadetten der nahe gelegenen US-Militärakademie Westpoint deswegen auf, weil das der Vorabend des 100. Geburtstags von General Dwight D. Eisenhower war? Und wenn ja: Was hatte das zu bedeuten? Ein zynischer Kommentar zu jenem Militärstaat, der seine Heimat ist, oder nur eine neue paradoxe Kehrtwende Dylans - vom Parade-Pazifisten zum Panzer-Patrioten?

Zu Bob Dylans 60. Geburtstag erreicht die Debattierfreude einen Höhepunkt. Willi Winkler spricht Dylan in seinem jetzt erschienenen Buch "Bob Dylan. Ein Leben" für das Westpoint-Konzert schuldig. Günter Amendt, 61, findet dagegen etwas anderes wichtig: "Was zählt, ist doch, dass er vor den Kahlgeschorenen genauso 'Masters of War' gespielt hat, wie vor den Alt-Hippies im Rest des Saales und im ganzen Land."

68er Günter Amendt: "Ungeheure Bestärkung"
Phoenix

68er Günter Amendt: "Ungeheure Bestärkung"

Doch wer sich bei Bob Dylan an die Botschaft hält, der begibt sich erst recht ins Dickicht der Widersprüche. Die scheut der Sozialwissenschaftler und Journalist Amendt ("Sexfront") ebenso wenig wie andere Dylan-Deuter. Nur versucht er nicht, sie aufzulösen. Er will offenbar kein Porträt mit Echtheitsanspruch anbieten. Dabei könnte er, anders als die meisten anderen Kommentatoren, Anspruch auf Insiderwissen erheben: Monatelang tourte er 1978 mit Dylan durch Deutschland, führte lange, intensive Gespräche mit ihm und traf Dylan in den Folgejahren mehrmals wieder. Doch in seinem Buch wuchert er kaum mit seinen Erfahrungen.

In einer bunten Kollektion von Reportagen, Essays, Plattenkritiken, Konzertberichten und einem Radio-Feature folgt Amendt dem Star durch die letzten fünf Jahrzehnte. Einerseits als fast teenagerhaft verliebter Fan, andererseits ohne Schonung, wenn es um Dylans Phasen fundamentalreligiöser Umnachtungen in den Achtzigern geht. Das allgemeine Dilemma der Dylan-Chronisten dringt dabei als persönliche Langzeiterfahrung durch: Jedes Nachdenken über Dylan beginnt mit seiner Musik und setzt sich damit auseinander, dass es hier um mehr als Musik geht, um Lyrik, um Politik. Man sucht die Botschaft, versucht den Dichter und Agitator zu greifen und kommt doch wieder nur zu dem Schluss, dass Dylan einfach "nur" ein "Song- and Danceman" ist.

Amendt-Buch "Back To The Sixties": Fan ohne Schonung

Amendt-Buch "Back To The Sixties": Fan ohne Schonung

Doch so sehr er Dylan selbst auf den Fersen bleibt, so sehr schreibt Amendt auch die Geschichte seiner Fans, die fast von Beginn an "Verrat" schrieen, wenn Dylan die E-Gitarre oder den Allmächtigen entdeckte, und die zugleich selbst die Gültigkeit ihrer Ideale immer weiter relativierten. "Diese Floskel vom 'Sprachrohr einer Generation' trifft es nicht. Jeder war damals das Sprachrohr seiner Generation." sagt Amendt. "Aber Dylan war eine ungeheure Bestärkung."

Auch hier kann Amendt Anspruch auf Authentizität erheben. Er war ein 68er noch vor 1968, er war mit Dutschke einer derer, die die Bewegung vorantrieben, er war es, der wie kein anderer die sexuelle Revolution nach Deutschland trug und hier Drogen zum Teil des gesellschaftlichen Gegenentwurfes machte. Auf all das nimmt er in seinem Buch nicht ausdrücklich Bezug. Doch das Lebensgefühl seiner Generation in den Sechzigern charakterisiert er am Beispiel Dylan: "'To be different' galt damals als Gütesiegel." Und "different" war Dylan damals mehr als alle anderen. Gerade mit seinen oft unentschlüsselbaren Botschaften. Und das hat ihn durch alle persönlichen Brüche hindurch gekennzeichnet. Bis zur Unkenntlichkeit. Auch damit ist er ein Repräsentant seiner Generation. Aber war diese radikale Beliebigkeit in den Sixties schon angelegt?

Alt-Star Dylan (1996): Im Dickicht der Widersprüche
AP

Alt-Star Dylan (1996): Im Dickicht der Widersprüche

"Wir waren damals geprägt von dem Gefühl, dass etwas Entscheidendes bevorstand. Wir fühlten uns optimistisch und unschuldig, weil wir es waren, die es erleben würden", sagt Amendt. Gab es das Gefühl, dass man nichts falsch machen kann, weil sowieso alles gut wird? "Wahrscheinlich." Und war es das viel beschworene Spielerische, das Bob Dylan repräsentierte? "Ja. Aber vor allem war er cool. Aber das bedeutete damals nicht, keine Emotionen zu haben, sondern sogar sehr starke. Coolness bedeutete, dass man diese Emotionen mit Attitüde meisterte." Ja, heute bedeutet das etwas anderes. Die Love Parade strahlt auch Unschuld und Verspieltheit aus. Aber diese Coolness ist ernsthafter, weil sie nicht mehr als Gegenentwurf ernst genommen werden will.

Eine Anekdote aus Amendts Buch: Kurz vor dem Kosovo-Krieg wird ihm Rudolph Scharping als Dylan-Fan vorgestellt, und Amendt verspricht, ihm einen Konzertmitschnitt zu schicken, der eine hervorragende Version von "Masters of War" enthielte. Einige Monate später schickt der persönliche Referent des neuen Verteidigungsministers einen Brief: Schönen Dank, der Chef höre das Band oft im Büro. Zur gleichen Zeit führt Scharping den ersten deutschen Angriffskrieg nach dem Zweiten Weltkrieg.

Günter Amendt: "Back to the Sixties. Bob Dylan zum Sechzigsten". Konkret Literatur Verlag, Hannover; 144 Seiten; 28 Mark.



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