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E-Mail aus Hollywood: Die Armee der Underdogs

Von Helmut Sorge, Los Angeles

Die US-Army ist ein Auffangbecken für die Armen und Unterpriviliegierten Amerikas: Immigranten, die ihre Einbürgerung vorantreiben wollen, Afro-Amerikaner, Latinos, arme weiße Außenseiter - sie alle kämpfen im Irak für den Glanz einer Nation, die ihnen daheim nicht viele Chancen lässt.

Befreite US-Soldatin Lynch: Heldin wider Willen
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Befreite US-Soldatin Lynch: Heldin wider Willen

Der Sarg endete an der Grenze. Vergebens versuchte der Fahrer des Leichenwagens die Wachen an der tschechischen Grenze umzustimmen. Die Kommunisten wollten den Leichnam nicht in ihrer Erde, obwohl die "menschlichen Überreste" (so ein Begleit-Dokument), die eines Bürgers ihres Landes waren, der in die USA ausgewandert war. Er war in Vietnam gefallen - ein Fremder in US-Uniform.

Kein Einzelfall, dieser GI, den die Amerikaner vor mehr als 20 Jahren letztlich einäscherten und via Diplomaten-Post an die US-Botschaft in Prag und dann an die Familie des Verblichenen weiterleiteten. Noch immer symbolisiert das Militär für so manchen Einwanderer Zukunft und Stabilität im neuen Land. Folglich kämpften Einwanderer im Korea-Krieg oder Indochina, in Afghanistan und - heute - im Irak. Etwa 32.000 Fremde, rund zwei Prozent der 1,4 Millionen Soldaten zählenden Gesamtstreitmacht, dienen als US-Soldaten, obgleich sie nicht US-Staatsbürger sind.

Sie marschieren für die so genannte Green Card ins Gefecht, jenem Dokument, das für die Zugereisten gleichbedeutend ist mit unbegrenzter Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. So manche Ausländerin bettet sich mit US-Männern, weil sie mit einer Ehe der begehrten Green Card näher kommen könnte. Amerikanische Anwälte kassieren Zehntausende, um die zahlreichen Anträge für das begehrte Dokument durch die Bürokratie zu treiben.

"Das größte Opfer"

Jene Immigranten, die sich freiwillig für die Streitkräfte melden, können ohne bürokratisches Störfeuer US-Staatsbürger werden: Von den ersten zehn US-Gefallenen im aktuellen Irak-Krieg, waren fünf Ausländer, GIs mit Namen wie Jose Antonio Guitierrez, 22, Jose Angel Garibay, 21, Jorge Gonzales, 20. Er fiel am 21. März, 18 Tage nach der Geburt seines Sohnes. Der Gedanke, dass sie womöglich kämpfen und sterben müssen, zählt für diese GIs normalerweise nicht zur Lebensplanung. "Ich bin mir nicht sicher, dass er damit gerechnet hat", sagt Margarita Hernandez, eine Einwanderin aus Mittelamerika, über ihren im Irak kämpfenden Sohn Sergio, 25. Am Sonntag kniete sie in der Dolores Mission Church im ärmlichen L.A.-Viertel Boyle Heights und betete für ihren Soldaten.

GIs im Irak-Krieg: "Ultimate sacrifice"
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GIs im Irak-Krieg: "Ultimate sacrifice"

Der amerikanische Fernsehsender Fox, der Journalismus im Gleichschritt mit Propaganda marschieren lässt, veröffentlicht täglich unter der Rubrik "The ultimate sacrifice" (etwa: das größte Opfer) Fotos, Namen, Alter und Heimatorte der US-Gefallenen sowie das Versprechen: "Never forget". Diese Verlustlisten machen deutlich: Amerikas Generäle kommandieren nicht nur Fremde an die Front, sondern - vor allem - Kids aus den ländlichen, von der Hoffnung verlassenen, ärmlichen Amerika, aus Tuba City (Arizona), Tonopah (Nevada), Comfort (Texas), Roscoe (Illionois), Roswell (Georgia), Santa Rosa (Kalifornien) oder aus Palestine (West-Virginia), dem Heimatort der von US-Sondereinheiten aus einem irakischen Krankenhaus befreiten Kriegsgefangenen Jessica Lynch, eben 19 Jahre alt.

Sie wollte Lehrerin werden, als Alternative freilich blieb ihr zunächst nur der Waffendienst. Heute ist sie Heldin - wider Willen. Aber blond ist sie, schön dazu. Und sie hat auf Irakis geschossen, bis zur letzten Patrone, sagt sie. Ihre 23 Jahre alte Freundin Lori Ann Piestewa, eine Hopi-Indianerin, war in der Armut eines Navajo-Reservats in Arizona aufgewachsen. Nach der Scheidung engagierte sich die Mutter eines vierjährigen Sohnes und einer drei Jahre alten Tochter, beim Militär. Lori Ann Piestowa ist die erste Frau, die in diesem Irak-Konflikt fiel. 19 Jahre alt wurde der Afro-Amerikaner Brandon Sloan, dessen Vater Pastor ist. Sein Kamerad Ruben Estrello Sato, der sich gegen den Rat seines Vaters zur Truppe meldete, weil er sich eine Karriere als Computer-Spezialist erhoffte, wurde 18 Jahre alt. 21 ist die Witwe des Lynch-Waffenbruders James Kiehl, 22, dessen Kind in wenigen Wochen geboren wird.

In den Gettos der Städte fallen mehr Bürger als Soldaten im Krieg

58 Prozent der US-Bürger, sind, so Meinungsforscher laut "L.A. Times", trotz dieser menschlichen Dramen für den Krieg, zumal die US-Panzer nun vor den Präsidenten-Palästen des Diktators stehen und Oberst David Perkins, der Kommandeur der Panzer-Truppe, über "Fox" verkündete, er werde sich unter einem der goldenen Wasserhähne im Saddam-Badezimmer waschen.

Kaum ein Hollywoodstar erhebt dieser Tage noch die Stimme gegen den Krieg - "support the troops" ist nun das Motto - unterstützt die Soldaten. Die "L.A. Times" nannte die Reaktion "the traditional rally-around-the-flag-effect", die Stunde der Patrioten, vereint ums Sternenbanner - America the beautiful. An den Universitäten regt sich - anders als während des acht Jahre dauernden Vietnamkonflikts - kaum Protest. Warum auch? Bis jetzt zählen die Amerikaner knapp 100 Gefallene, vielleicht werden es 200 oder 300 bis zur endgültigen Kapitulation des Irak. In den Großstädten Amerikas, in genau jenen Vierteln, in denen die Pentagon-Werber so manchen Rekruten überzeugen, den Dienst an der Waffe als Notausgang aus dem Elend zu nützen, fielen in den drei Kriegswochen mehr US-Bürger als GIs an der Front.

US-Marines im Vietnamkrieg (während der Tet-Offensive im Februar 1968): Die Vergessenen Amerikas
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US-Marines im Vietnamkrieg (während der Tet-Offensive im Februar 1968): Die Vergessenen Amerikas

In den USA sind allein im letzten Jahr nahezu 30.000 Menschen durch Schusswaffen getötet worden. Mehr noch: Seit 1933 wurden etwa so viele Amerikaner mit Pistolen und Gewehren ermordet, wie Soldaten in allen Gefechten der Nation seit 1775 fielen insgesamt 650.858 - Revolutionskrieg wie Bürgerkrieg, Weltkriege und Vietnam inklusive. Patrouillieren deshalb Truppen in South East Central von L.A. oder in der Bronx? Natürlich nicht - die Gettodramen werden in den Gazetten nur mit wenigen Zeilen registriert. Alltag eben. In den Krankenhäusern dieser urbanen Kampfgebiete stehen Militärärzte an der Operationstischen und lernen, wie Schusswunden zu behandeln sind. Die Gerichte strafen die Zigaretten-Hersteller zu Megaschadenersatzzahlungen, während die Waffenfabrikanten immer neue tödliche Schießgeräte auf den Markt bringen - ohne wirklichen juristischen Widerspruch.

Die Wehrpflicht ist in den USA 1973 aufgehoben worden, weil die Streitmacht nach dem Desaster in den Dschungeln von Indochina auch die Verachtung des Volkes verarbeiten musste. Tausende der traumatisierten Vietnamveteranen endeten im Zuchthaus oder obdachlos auf der Straße. Seit 1980 werden Wehrpflichtige wieder vom "selective service system" registriert, bei einem nationalen Notstand könnten sie eingezogen werden. Nur: nach ihrem Vormarsch im Irak sind die US-Generäle einmal mehr überzeugt, dass keine Macht der Welt mit ihren GIs konkurrieren kann. "Wir verfügen über die besten Soldaten", behauptet der Oberst, dessen Truppen die Präsidentenpaläste einnahm.

Boutique-Verkäuferinnen in Piloten-Overalls

70 Prozent der Bürger, so die Meinungsforscher, sind indes der Meinung, dass ihre Nation das "moralische Recht" für den Militäreinsatz hatte. Der absehbare Sieg im Irak ist nun der Triumph der Macht - die US-Fernsehsender halten sich allerdings mit der Veröffentlichung von Bildern der gefallenen GIs zurück. Selbst die kritische "L.A. Times" zieht es vor, auf dem Titelblatt einen uniformierten US-Sanitäter zu zeigen, dessen Arme sich schützend um ein irakisches Kind legen - Schutzmacht Amerika. Plötzlich ist auch in Hollywood der Krieg en vogue - zumindest in den Modeboutiquen. Hosen, Kleider im Militär-Look, olivgrün, wurden kürzlich auf Modenschauen in L.A. und Las Vegas gefeiert, in einer Schuh-Boutique an der La Brea Avenue tragen die Verkäuferinnen Piloten-Overalls - ein Trend, der den PR-Vorstellungen des Pentagons entspricht.

Militär-Mode: Auch in Hollywood ist der Krieg en vogue
Volker Corell

Militär-Mode: Auch in Hollywood ist der Krieg en vogue

Jugendliche, denen die Finanzierung einer College-Ausbildung unmöglich ist, die sich keine Berufsschulen leisten können, setzen, trotz der Verlustmeldungen aus dem Irak unerschüttert auf die Streitkräfte als Zukunftsperspektive. In den Rekrutierungs-Büros der Nation, in den verlorenen Kaffs jenseits des aufgeklärten Amerikas, wo Hamburger noch als Gourmetkost gelten, und "Bud"-Bier oder "Miller Light" Champagnerstatus haben, sitzen kernige Soldaten - kurzhaarig, mit gestärkten Hemdkragen, scharfen Bügelfalten, glänzenden Schuhen und kräftigem Händedruck. Echte Soldaten, verbal geschulte Veteranen, psychologisch ausgebufft, Typen, die in Hollywoods Kriegsfilmen immer siegen.

Eine Ausbildung zum Koch? Natürlich. Abenteuer in der Navy, die Eroberung der weiten Welt? Versprochen. Ein Kredit für die Uni-Ausbildung? Die Marineinfanterie macht's möglich. Einsatz bei den Special Forces? Eine Chance für Dich, mein Junge, Charakterentwicklung unter Männern, der Elite. Kein Wort verraten die Werbe-Prospekte vom Tod, vom Kriegseinsatz, von den 6000 Dollar, die Angehörige der Gefallenen als Soforthilfe erhalten, und später 250.000 Dollar aus der vom Pentagon für alle Krieger abgeschlossenen Lebensversicherung. Traurig, aber wahr: die Familien gefallener GIs leben - materiell gesehen - sicherer als zu Lebzeiten des Soldaten: kostenlose Uni-Ausbildung für die Kids, monatliche Rente für die Witwe, ein Orden, vielleicht zwei, die gerahmt das Wohnzimmer schmücken. Unser Held.

Im Krieg, so hat ihnen auch Hollywood suggeriert, überleben die Mutigen - meistens jedenfalls. Nun weinen schwangere Frauen vor den Kameras, äußern sich verstörte Väter und erschütterte Mütter. Kaum ein Wort von ihnen fällt gegen den Krieg oder George W. Bush, bis auf einen Vater, der auf ein Plakat malte: "Bush, you killed my only son". Die Gefallenen werden im Tod zu Helden der Nation, obwohl Amerika ihnen einen kargen Sold zahlt - so manche Familie der im Irak kämpfenden Soldaten existiert daheim am Rande der Armutsgrenze. Kein Wunder, schon während des Vietnamkriegs entzog sich so mancher Uni-Student aus gutem Hause, darunter mehr als 100 Kinder von Kongressabgeordneten und Senatoren, dem Wehrdienst - bereits damals verbluteten in den Reisfeldern Indochinas die Vergessenen Amerikas: Afro-Amerikaner und verarmte Weiße.

Im Irak sterben sie wieder, die Außenseiter, die Unterklasse, Die Minderheiten. Die unterprivilegierten Latinos machen 25 Prozent der US-Gesamtbevölkerung aus, aber satte 34,4 Prozent des Militärpersonals. Folglich bleibt der Protest gegen den Einsatz, der Zorn über die Verluste bislang begrenzt, können konservative Hollywood-Stars wie Clint Eastwood, Mel Gibson oder Arnold Schwarzenegger den Krieg in Arabiens Wüste propagieren - der Geist der Krieger entspricht dem Weltbild dieser Schauspieler. Bruce Willis, Jahrgang 1955, soll sogar George W. Bush im Weißen Haus angerufen und erklärt haben, er sei bereit, im Irak zu kämpfen. Die Antwort: das Höchstalter für Rekruten sei 34.

Jose Guitierrez und Jose Garibay, die an den ersten Tagen des Krieges fielen, wurden posthum zu amerikanischen Staatsbürgern erklärt. Der 20-jährige Jesus Suarez del Solar hingegen, so hat sein Vater erklärt, habe nie davon geträumt, Amerikaner zu werden. Er sei stolz darauf gewesen, Mexikaner zu sein - und das soll er nun auch bleiben. Sein Sarg endete nicht an der Grenze. Die Heimaterde hat ihn wieder.

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