E-Mail aus Hollywood Im Universum der Pappkartons

Für rund 670.000 Menschen ist der amerikanische Traum ein Alptraum. Nacht für Nacht schlafen sie auf der Straße, allein in der Glitzermetropole Los Angeles haben 100.000 Menschen kein Dach über dem Kopf. Hoffnung bieten Stiftungen wie Planet Hope.

Von Helmut Sorge


Kelly und Sharon Stone: Kämpfen um jeden Cent
AP

Kelly und Sharon Stone: Kämpfen um jeden Cent

Kelly hatte weniger Glück im Leben als ihre Schwester: Nach einem Treppensturz blieben Nervenschäden, Schmerzen, sie saß im Rollstuhl, deprimiert und einsam. Dann verlor sie ihren Job, das Haus, den Sinn fürs Leben. Die Fragen nach dem Warum, nach dem Wohin quälten sie.

Ihre Schwester zeigte Kelly einen Ausweg aus ihren Depressionen: Sharon Stone, die begehrte Hollywoodschönheit, die ihren Reichtum und ihre Berühmtheit auch dafür einsetzt, anderen Menschen zu helfen, HIV-Infizierten zum Beispiel in der Los Angeles Aids-Stiftung.

Die Gespräche mit ihrer sozial engagierten Schwester Sharon führten Kelly letztlich zur Entscheidung, Menschen in Not, Menschen, denen es noch schlechter geht, beizustehen. Die Geschwister gründeten die Stiftung Planet Hope, die sich einem Problem widmet, das nicht nur in Los Angeles dramatische Ausmaße angenommen hat: den Obdachlosen. Rund 670.000 Menschen schlafen in Amerika Nacht für Nacht auf der Straße. Rund 100.000 siechen so allein in der Glamour-Metropole dahin, in der es kein Problem ist, für zehn Millionen-Villen Käufer zu finden.

Die Homeless People sind Vergessene des amerikanischen Traums, erbärmliche Nomaden auf der Suche nach ihrer Fata Morgana. Downtown hausen sie, wenige Meter nur von einer Polizeiwache entfernt, in Müllcontainern oder Pappkartons. Hier zeigt "America, the beautiful" seine hässlichen Farben.

Mehr als eine halbe Million Menschen schlafen in den USA jede Nacht auf der Straße
Volker Corell

Mehr als eine halbe Million Menschen schlafen in den USA jede Nacht auf der Straße

Viele der Obdachlosen sind dem Rauschgift verfallen oder dem Alkohol, zuweilen auch beidem. Und nicht wenige unter Kaliforniens geschätzten 360.000 Obdachlosen scheinen psychisch gestört zu sein, von der Gesellschaft als Verrückte abgehakt.

Zum Teil werden die Obdachlosen einquartiert in Kasernen der National-Garde, in verlorenen Motels, vergammelten Hotels, subventioniert von der Sozialfürsorge, versorgt von katholischen Hilfsorganisationen wie der Society of St. Vincent, San Fernando Valley Rescue Mission, Project Angel Food, Los Angeles Coalition To End Hunger And Homelessness, Good Shepherd Center for Homeless Women oder People Assisting the Homeless.

Kelly Stone weiß aus ihrer Arbeit, dass "alles, was wir tun können, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist". Aber, so fragt sie sich "ist das ein Grund nichts zu tun?" Sharon Stones Unterstützung ist ihr sicher, da sie "keine ist, die davor zurückschreckt, sich die Hände schmutzig zu machen". Vor Weihnachten etwa alarmierte Kelly ihre Schwester: "Uns fehlt es an Spielzeug." Der blonde Superstar wendete sich an die Manager des Spielzeugherstellers Matell - schon war die Verteilung an die obdachlosen Kinder gesichert.

Der Name "Sharon Stone" macht den Zugang zu den Mächtigen einfach. Und auch zu den Kollegen: John Travolta ließ aus seiner Produktionsfirma Möbel an das Planet Hope liefern, auch Rosanna Arquette ("Pulp Fiction") meldete sich und bot Hilfe an. Und eben brachte die Assistentin von Minnie Driver ("Good Will Hunting") einen Scheck vorbei. Eine von Catherine Zeta-Jones entworfene Platin-Diamanten-Halskette wurde im Februar zu Gunsten der Stiftung versteigert, 21.000 Dollar. 268.000 Dollar brachte einmal ein Wohltätigkeitsdinner bei "Spago" ein, für das auch Penelope Cruz, Mathew Perry sowie Andie McDowell gern die 250 Dollar Eintritt bezahlten.

Obdachloser in USA: Amerika zeigt seine hässlichen Farben
Volker Corell

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"Wir", so Kelly Stone, "kämpfen um jeden Cent." Dafür werden alle, die sie zu fassen bekommt, eingespannt, auch die Eltern und die Brüder Patrick und Michael. Zum Weihnachtsfest verteilte die Familie rund 1500 Schlafsäcke an die Obdachlosen. Ende Mai werden 150 Kinder sowie 50 Frauen, von denen einige mit Faustschlägen und Fußtritten von ihren Ehemännern aus der gemeinsamen Wohnung vertrieben wurden, von Planet Hope zu einem Sommercamp am feinen Strand von Malibu eingeladen.

Die Kids, so der Plan, werden nicht nur wandern, oder töpfern und stricken lernen, sondern sollen auch gleich von Ohren- und Zahnärzten behandelt und geimpft werden. Nach dem Camp werden sie zurückkehren in ihr Universum der Pappkartons und der Depressionen - zumindest sind dann die Ohren sauber und die Zähne geflickt.



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