E-Mail aus Hollywood Professor Schnaubers Gespür für Goethe

Cornelius Schnauber ist einer der umtriebigsten Intellektuellen in Los Angeles. Der Buchautor und Universitätsprofessor widmet sich leidenschaftlich der Pflege deutschen Kulturguts und bemüht sich um die Aufarbeitung der Emigration.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Literaturprofessor Schnauber: "Was, wer ist dieses Weimar?"
Volker Corell

Literaturprofessor Schnauber: "Was, wer ist dieses Weimar?"

Eine göttliche Erleuchtung, endlich. Der Papst wird zur Päpstin und der mächtige Kardinal, erzkonservativ wie Joseph Ratzinger und verschlagen wie manch anderer im Schatten des Heiligen Stuhls, wehrt sich gegen sie - eine Satire, die in diesem Jahr im von Maria Schells ehemaligen Ehemann Veit Relin geleiteten Torturm-Theater in Sommerhausen nahe Würzburg uraufgeführt werden soll. Dort wo in den letzten Jahren bereits zwei Komödien von Cornelius Schnauber vorgestellt wurden.

Der Verfasser, protestantisch getauft, ist ein Multi-Talent und ein Vielschreiber dazu - Schnauber, Jahrgang 1939, geboren in Freital-Rabenau bei Dresden, hat bislang 25 Bücher geschrieben. Die Themen sind so gegensätzlich wie der Autor selbst: Eine Biografie über Placido Domingo, eine Kriminalgeschichte ("Der Mord bei der Kartause"), ein Roman über eine - erfundene - sächsische Jüdin namens Lucie Lienhardt alias Rose Mandelbaum ("Spaziergänge durch das Hollywood der Emigranten"), "Wo ist Dein Silber" oder auch das im Econ-Verlag herausgegebene "Die Hausmanns", eine fiktive Film- und Familiengeschichte Hollywoods zwischen 1909 und 1960.

Schnauber mit L.A.Besucher Klaus Wowereit am Billy Wilder Square in Hollywood: "So ein Preis ist wie 'ne Hämorrhoide"
Volker Corell

Schnauber mit L.A.Besucher Klaus Wowereit am Billy Wilder Square in Hollywood: "So ein Preis ist wie 'ne Hämorrhoide"

Einen Bestseller konnte Schnauber indes noch nicht verbuchen. Keiner seiner Stoffe ist zu einem Film geworden, obwohl er mit den "Hausmanns" "dicht dran war", wie er sagt. Allein die deutschen und amerikanischen Produzenten konnten sich letztlich nicht einigen, wer die Regie führen sollte.

Doch Cornelius Schnauber muss von seinen Büchern nicht leben - er ist Professor für deutsche Literaturgeschichte, Rhetorik, Ausdruckskunde, Oper und Film an der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Der 1968 in die USA übergesiedelte Gelehrte hat 1972 sein erstes Buch geschrieben, die "Psychologie der faschistischen Rhetorik" über Hitler und seine rednerische Begabung. Da Schnauber seinen Doktor in Phonetik, Literatur und politische Wissenschaften machte, hatte er "mit diesem Thema kein Problem".

Wie kaum ein anderer Gelehrter einer US-Universität hat Schnauber sich mit der deutschen Emigration auseinandergesetzt, mit den Streitigkeiten etwa zwischen Bertolt Brecht und Fritz Lang, die 1943 gemeinsam ihren Film "Hangmen Also Die" umsetzten. Oder mit dem von antideutschen Ressentiments bewirktem Niedergang deutscher Literatur im Ausland seit dem Ersten Weltkrieg. Besteht noch großes Interesse Hollywoods an Deutschland und deutscher Kunst? "Eigentlich nicht", sagt Schnauber. Nur die Musik, Beethoven, Wagner, sei "als deutsches Produkt nicht zu verleugnen." Walser, Grass, "den kennt die Elite, sonst niemand". Hermann Hesse kam zu Ehren, "nachdem die Hippie-Bewegung ihn entdeckte und umarmte". Doch Schnauber will das intellektuelle Desinteresse an Deutschland nicht allein den Amerikanern anlasten.

Schnauber mit Maximilian Schell bei Proben zu "Faust" (1999 in Los Angeles): "Schon ein bisschen entgeistert und deprimiert"
Volker Corell

Schnauber mit Maximilian Schell bei Proben zu "Faust" (1999 in Los Angeles): "Schon ein bisschen entgeistert und deprimiert"

In einem seiner letzten Semester, erinnert er, waren viele deutsche Studenten in seinem Kurs "Age of Goethe" eingeschrieben - das Zeitalter Goethes. Als der Professor auf das thüringische Weimar zu sprechen kam, wollten die deutschen Studenten von ihm wissen: "Was, wer ist dieser Weimar?" In "solchen Schrecksekunden" ist Schnauber, der als 14-Jähriger in der DDR sein erstes Theaterstück vorlegte (das abgelehnt wurde, weil er einen utopischen, sozialistischen Staat zur Zeit der Griechen beschrieb, der an der Korruption scheiterte) "schon ein bisschen entgeistert und deprimiert".

Über Jahrzehnte hat sich der Gelehrte, dessen Vater als Nazi-Offizier deutsche Truppen im besetzten Turin befehligte, auch um die deutsch-jüdische Aussöhnung bemüht. Keine Einladung zu Podiumsdiskussionen, in denen "deutsche Schuld und Sünde" diskutiert würden, ließ er aus. "Der Cornelius", lobt sein Freund Eric Braeden, der Norddeutsche, der in der amerikanischen TV-Soap "The Young And The Restless" seit Jahrzehnten vor allem Damen der älteren Jahrgänge verzaubert, "leistet einen unermesslichen Dienst bei der Aufarbeitung deutscher Vergangenheit."

Kein Zweifel, Cornelius Schnauber ist der Intellektuelle in der deutschen Kolonie in und um Los Angeles, mit Maximilian Schell so vertraut wie mit Steven Spielbergs Shoa-Foundation. In frühen L.A.-Zeiten war er ein enger Vertrauter von Fritz Lang, später von Friedrich Dürrenmatt, den er zu einem Universitäts-Seminar eingeladen hatte. In diesem Sommer will er der Berliner Akademie der Künste seinen literarischen Nachlass ganz offiziell überreichen. Darin finden sich beispielsweise mehr als 3000 Seiten Korrespondenz zwischen der einst in Paris angesiedelten Berliner Filmkritikerin Lotte Eisner und Fritz Lang, der auch in der kalifornischen Emigration noch das Deutschland der Literatur beschwört: "Ich kann nicht verstehen, dass Du Deutschland so hasst. Weißt Du denn nicht, dass Goethe ein Deutscher war? Und den Faust, den lieb ich tief und innig", schrieb der emigrierte Meister-Regisseur in einem der Briefe an Eisner.

Schnauber-Roman "Die Hausmanns": Beinahe verfilmt

Schnauber-Roman "Die Hausmanns": Beinahe verfilmt

Immer wieder, verriet der Filmemacher, sitze er am Swimming Pool und sage deutsche Gedichte auf: "Wie kann man nur Kleist und Schiller vergessen", mahnte er. Lang war entgegen seines Images ein "sehr feinfühliger, menschlicher Typ", erinnert Schnauber. Billy Wilder hingegen ein Zyniker, der sich gegen die Überreichung eines österreichischen Ordens - kurzfristig - mit der Begründung wehrte: "So ein Preis ist wie 'ne Hämorrhoide, über kurz oder lang kriegt ihn jedes Arschloch."

Der Professor sehnt sich inzwischen nach seiner Pensionierung, der Befreiung von Universitäts-Diensten in wenigen Monaten, denn dann bleibt ihm endlich "mehr Zeit zum Schreiben", statt wie bisher von 22 Uhr bis 2 Uhr morgens, bis zum Morgengrauen. Immerhin sitzt er gerade an der Fortsetzung seiner "Hausmanns". Seine Buchagenten warten, wie Schnauber glaubt, schon "ganz ungeduldig" auf das Manuskript.



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