E-Mail aus Hollywood: Vereint bis in die Ewigkeit

Von Helmut Sorge

Ob am Bauch oder Po, auf dem Oberarm oder im Nacken - in Hollywood brummt die Tattoo-Industrie, denn immer mehr Stars lassen sich ihre Körper mit Tattoos verzieren. Nur tätowierte Brüste sind out.

Angelina Jolie mit ihrem Kollegen Daniel Craig: Tattoo über der Bikini-Linie
REUTERS

Angelina Jolie mit ihrem Kollegen Daniel Craig: Tattoo über der Bikini-Linie

Die Leidenschaft war dahin, die Liebe tot. Julie Cypher hatte der lesbischen Beziehung mit Rockstar Melissa Etheridge abgeschworen. Die war nun wieder allein - ohne Freundin und ohne die beiden Kinder, die Cypher im Laufe der 12-jährigen Beziehung nach einer Samenspende des Kollegen David Crosby (Crosby, Stills, Nash & Young) geboren hatte. Die schöne Illusion von der Familie endete - wie so manche heterosexuelle Ehe auch - im Streit.

Etheridge, so verriet sie in ihrer im Juni 2001 veröffentlichten Biografie "The Truth Is...My Life In Love And Music", verlor sich gleichwohl nicht in Depressionen. Stattdessen entschied sie sich, "das neue Ich zu feiern, die neue Frau, die aus der Asche aufgestanden war" - mit einer Tätowierung.

Eben zehn Minuten benötigte der "tattoo artist" für das in weißer Tinte genadelte Symbol im Nacken der Künstlerin, und schon konnte sie nachempfinden, warum Kollegen, Rocker wie Rapper, Lust verspüren, den eigenen Körper als Gesamtkunstwerk bemalen zu lassen: "Es war sexy und aufregend".

Rund 30 Stunden benötigen Tätowierungskünstler wie Paul Timman, 28, um einen Arm zu nadeln, pro Stunde 125 Dollar Honorar. Timman, Mitarbeiter des etablierten "Sunset Strip Tattoo" (www.sunsetstriptattoo.com), ist einer der Großen seiner Branche, zu dessen Klienten Mark Wahlberg, Pamela Anderson oder Ben Affleck zählen. Für den ehemaligen Kunststudenten (Fachbereich Skulpturen- Glasbläserei) aus Cleveland ist das Tattoo "Symbol des gelebten Gefühls." Er selbst ist eine personifizierte Leinwand - an sein Kinn hat der "tattoo artist" überdies eine Perle geklammert.

Einst raubeinigen Seemännern vorbehalten, sind Tätowierungen heute gesellschaftlich anerkannt
DPA

Einst raubeinigen Seemännern vorbehalten, sind Tätowierungen heute gesellschaftlich anerkannt

Bis zu zwölf Stunden täglich sitzt Timman an seiner Nadelmaschine, mit der er aus Wasser, Pigmenten und Alkohol gemischte Tätowierungstinte unter die Haut bringt. Auch Photomodelle und Studioarbeiter, Polizisten und Bankiers sind inzwischen auf das Tattoo gekommen, eben weil sich Hollywood-Stars mit dem neuen Mode-Trend schmücken. Egal ob Herzchen oder Rosenkränze, japanische Symbole oder lateinische Sprüche - den Körper als Kunstwerk propagieren Stars wie Melanie Griffith, Angelina Jolie, Nicolas Cage oder Kiefer Sutherland, Rapper wie Eminem oder L.L. Cool J. und Rocker wie Steven Tyler von "Aerosmith" oder Tommy Lee von "Mötley Crue", der Timman zum Nadel-Werk sogar in sein Haus in Malibu bestellte.

"Nie", so Timman, "hätte ich gedacht, dass unser business ein solches Ausmaß erreicht." In drei Bundesstaaten (South Carolina, Oklahoma, Massachusetts), ist das Tattoo-Geschäft zwar noch immer verboten, doch derzeit arbeiten geschätzte 10.000 Tattoo-Künstler in den USA. Im September treffen sie sich in Los Angeles zu ihrer "Tattoo-Convention". Tätowierte Brüste, so beobachteten die Nadel-Künstler vor ihrer Industrie-Messe, sind "out", stattdessen schätzen die Schönen, auch die in Hollywood, diskrete japanische Symbole, Blumenmuster oder Schmetterlinge, einige Zentimeter über dem Po, am Rande des Höschens.

Gedächtnisstütze: Melanie Griffith hat den Namen ihres Liebsten - Antonio Banderas - immer dabei
AP

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Wegen des stets wechselnden Modetrends oder der amourösen Beziehungen, arbeiten Tätowierungs-Künstler wie Timman häufig an Korrekturen: bei seinem ersten Besuch im Studio am "Sunset" ließ sich Ben Affleck an der Hüfte einen Namen entfernen. An jenem Tag hatte Timman, der seit fünf Jahren in L.A. arbeitet, den Hollywoodstar nicht erkannt sondern als einen der zahlreichen arbeitslosen Schauspieler eingeschätzt: "In welchem Restaurant arbeitest du?", wollte der Nadelmann wissen. Inzwischen hat sich Affleck schon mehrmals unter die Nadelmaschine gelegt und ist, so Timman, "weitaus stärker tätowiert, als man glauben könnte."

Pamela Anderson: Stacheldraht am Oberarm
AP

Pamela Anderson: Stacheldraht am Oberarm

Mark Wahlberg, dessen "Planet der Affen" bis zum vergangenen Wochenende annähernd 200 Millionen Dollar einspielte, hat sich schon im Alter von zwölf Jahren ein "Gang"-Symbol in die Haut nadeln lassen. Jetzt ist das Banden-Emblem überdeckt mit Sylvester, einer Cartoon-Katzenfigur. Vom Hals bis zum Brustkorb schmückt ein tätowierter Rosenkranz den Katholiken, der einst einem Vietnamesen mit einer Metall-Stange ein Auge zerfetzte und daraufhin zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Jetzt besucht Wahlberg regelmäßig in Santa Monica die Messe, damit er das "Versprechen gut zu sein, nie mehr vergisst".

In den Ringfinger von Pamela Anderson hat Timman einmal den Namen ihres Mannes "Tommy" gekerbt, und dann, neue Liebe, neue Tätowierung, wurde aus Tommy "Mommy", und nach einem neuerlichen Krach, ist die Erinnerung von einem Laser getilgt worden. Einige der Körper, die Paul zu sehen bekommt, erinnern ihn an "mit Hoteletiketten beklebte Überseekoffer."

So mancher Matrose ließ, vor einem Jahrhundert bereits, von Heimweh, Einsamkeit und Entbehrung betroffen, unauslöschbare Liebesschwüre auf den Leib pieksen, immer wieder auch das Herz, vom Pfeil der Liebe durchbohrt. Enttäuschte setzten einen Totenkopf dazu. Neuer Hafen, neue Tätowierung. Ein deutscher Einwanderer namens Martin Hildebrandt brachte der Tätowierungs-Kunst Popularität. 1840 eröffnete er das erste Tattoo-Studio von New York, und selbst die Ladies der Gesellschaft ließen sich von dem Deutschen nadeln. Zuchthäuser und auch die Banden in den Armenvierteln von New York und L.A., bekennen sich seit Jahrzehnten über tätowierte Symbole zu ihrer Bruderschaft - zumindest auf der Haut vereint bis in alle Ewigkeit.

"Tattoos", sagt Paul Timman, waren über Jahre vom Image her "negativ besetzt", doch Hollywood sei Dank, das Nadel-Werk hat einen "neuen Stellenwert". Sogar John Irving, der Drehbuchautor und Schriftsteller ("Gottes Werk und Teufels Beitrag"), der mit einer Kanadierin verheiratet ist, hat sich aus Liebe zu seiner Frau das Nationalsymbol, ein Ahornblatt, auf die linke Schulter setzen lassen. Derart fasziniert ist der Bestsellerautor vom Tattoo-Trend in seinem Land, dass sein nächstes Buch ("Until I find you") eben dieses Milieu beschreiben wird.

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