Brief an Eagles of Death Metal "Du bist ein Verbreiter des Hasses geworden, Bruder"

Seit den Terroranschlägen von Paris verbreitet Eagles-of-Death-Metal-Sänger Jesse Hughes Verschwörungstheorien und Hassbotschaften. Nun antwortete ihm ein arabischstämmiger Fan in einem offenen Brief.

Jesse Hughes
AFP

Jesse Hughes


Er unterstützt die Waffenlobby in den USA, ist Abtreibungsgegner, wünscht sich Donald Trump als Präsident und steht evangelikalen Kreisen nahe. Auf der Bühne mag Eagles-of-Death-Metal-Frontmann Jesse Hughes den wilden Rock'n'-Roller geben - privat sind seine Ansichten ultrakonservativ.

Dem rechten US-Blog "Taki's Magazine" gab er jüngst ein besonders bizarres Interview zu den Anschlägen in Paris, während derer viele Fans der Band bei ihrem Konzert im Veranstaltungssaal Bataclan ermordet wurden.

Darin wiederholt Hughes frühere Anschuldigungen, das Sicherheitsteam sei an den Anschlägen beteiligt gewesen. Anders sei nicht zu erklären, dass sich die Attentäter so früh unter das Publikum hätten mischen können. Er wisse, dass sich Muslime unter den Türstehern befunden hätten. Schon im März hatten die Betreiber des Bataclan diese Anschuldigungen als haltlos und verleumderisch zurückgewiesen.

Während des Angriffes habe er Muslime in den Straßen tanzen sehen, gibt Hughes weiter zu Protokoll: "Wie konnten die wissen, was im Bataclan vor sich ging? Das muss koordiniert gewesen sein." Im Verlauf des Interviews stellt Hughes die Opfer als Feiglinge dar, die sich aus Angst nicht bewegen konnten und deshalb zu leichten Zielen der Attentäter wurden. Er hingegen sei durch seine "praktische" Erziehung in der Lage gewesen, klar zu denken.

Auf die Frage des Interviewers "Kann man sagen, dass die liberale Denkweise dieses Bedürfnis, sich zu unterwerfen, erst geschaffen hat?" antwortet Hughes: "Natürlich trägt sie die Schuld."

Jetzt hat ihm ein arabischstämmiger junger Mann mit einem bewegenden offenen Brief auf Facebook geantwortet. Ismael El Iraki ist ein Fan der Band und war an dem verhängnisvollen Abend bei ihrem Konzert im Bataclan. Er schreibt: "Ich habe gerade Dein schäbiges Interview gelesen, und um die Wahrheit zu sagen: Mein Herz blutet."

Er habe nie gedacht, Hughes würde Angst verbreiten wie der US-Sender Fox News oder Donald Trump, schreibt El Iraki. Er habe ihn immer für einen Rebellen gehalten, aber jetzt wisse man: Das sei Hughes nicht.

"Deine Kommentare haben eine hässliche Wunde neu geöffnet", schreibt El Iraki. "Du sagst also, die Türsteher seien an dem Attentat beteiligt gewesen und hätten Araber im Publikum gewarnt. (...) Ich lebe und atme Rock'n'Roll. Gleichzeitig sehe ich verdammt muslimisch aus. Aber offenbar hat die große muslimische Verschwörung vergessen, mich zu warnen. Sie vergaßen auch Djamila und all die anderen Araber zu warnen, die an diesem Abend erschossen und getötet wurden."

El Iraki schreibt, er wolle seine eigenen Erfahrungen dieser Nacht nicht öffentlich machen, eine weitere blutige Bataclan-Geschichte helfe niemandem. Aber: "Ich glaube, die Menschen, denen ich in dieser Nacht geholfen habe, war es egal, dass ich Araber bin, genauso wie es mir egal war, woher sie kamen. Wir alle bluten rot, Bruder."

Es habe einen echten Helden gegeben an diesem Abend, einen Muslim namens Didi, der viele Leben gerettet habe. Nicht der Islam sei das Problem, sondern bigotte Eiferer, die sich weigerten, andere als komplexe menschliche Wesen anzuerkennen. "Dies ist die Welt, in der wir jetzt leben, und wir stecken alle gemeinsam in dieser Scheiße. Muslime und Araber sind mit Dir gefangen."

El Iraki bendet seinen Brief mit den Worten: "Rock'n'Roll ist Liebe. LIEBE. Schau Dich an: Du bist ein Verbreiter des Hasses geworden, Bruder."

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