US-Fotograf diCorcia: Die verstörten Staaten von Amerika

Von Karin Schulze

Zwei Rassehunde schauen Porno, ein Cowboy reitet durch ein verödetes Tal: Philip-Lorca diCorcia zeigt die USA als Land, das seine Unschuld verloren hat. Jetzt ist hierzulande erstmals eine Überblicksschau des Fotografen zu sehen. Ein Trip in eine Welt des stillen Schreckens.

Ein Hundepaar sitzt vor einer Medienwand in einem luxuriösen, makellosen Interieur. Zwei identische, fast weiße Rassehunde. Sie starren auf ein kopulierendes Menschenpaar auf dem Bildschirm.

Diese irritierende Sitzung ist zu sehen in der Frankfurter Ausstellung zum Werk des US-Fotokünstlers Philip-Lorca diCorcia, die hierzulande erstmals einen großen Überblick zu seinem Werk gibt. Das tierische Porno-Paar ist Teil seiner neuesten, noch unvollendeten Serie, die mit dem Titel "East of Eden" auf das biblische Motiv eines unfruchtbaren Landes jenseits des Paradieses anspielt.

In diCorcias bekanntesten Serien standen bisher Menschen im Mittelpunkt: "Hustlers" zeigte männliche Prostituierte am und jenseits des Santa Monica Boulevards in Los Angeles so, dass ihre verlorenen Hoffnungen im Schatten des Glanzes von Hollywood aufschienen. "Streetwork" ließ zufällige Passanten auf den Straßen von New York, Tokio oder Mexiko-Stadt so wirken, als träten sie sorgsam choreografiert auf.

"Land der Enttäuschung und Frustration"

"Heads" brachte uns Gesichter, herausgefiltert aus den Menschenmassen am Time Square; sie strahlten eine beseelte Selbstversunkenheit aus, die in der Sorgfalt ihrer Inszenierung und ihrem Respekt vor dem Individuum an Renaissance-Porträts erinnern. Und bei "Lucky 13" wurden die Körper von kopfüber hängenden Pole-Dancern zu Chiffren für die Flüchtigkeit des Glücks, für Absturz und Vergänglichkeit.

Diese taumelnden Posen von schönen Körpern sind zugleich Nachbilder des Schreckens. Schon lange hatte der Künstler das Foto eines aus dem World Trade Center stürzenden Mannes über seinem Schreibtisch hängen: "Ich habe Höhenangst, deshalb war ich von dem Bild gebannt. Dort oben auf dem Gesims zu stehen und springen zu müssen, das wäre das Schlimmste für mich. Ich wollte 9/11 nicht direkt zum Motiv machen. Aber ich wollte daran erinnern, wie die USA dieses Ereignis zum Fetisch gemacht haben. Deshalb habe ich in den Bildern Eros und Thanatos zusammengebracht."

Mit "East of Eden", begonnen 2008, weitet diCorcia seinen Fokus und nimmt sein Land in den Blick: die Vereinigten Staaten nach dem Einbruch, der mit der Immobilienkrise begonnen hat. "Ich sehe in diesem Land", sagt er, "vor allem Enttäuschung und Frustration. Es bietet seinen Bürgern keine wirkliche, sondern nur materielle Befriedigung. Und wenn dieses System kollabiert, haben die Leute nichts mehr. Ihnen wurde so viel genommen, und nur die Reichen haben etwas zurückbekommen."

"Bambi" für die Hunde

So zeigt ein Bild der Serie auf den ersten Blick eine ideale Landschaft mit Cowboy. Es zitiert den amerikanischen Hero schlechthin, seinen Auftritt in der Marlboro-Werbung und deren ikonische Adaption durch den Künstler Richard Prince. DiCorcias Cowboy aber reitet durch ein vom Waldbrand verödetes Tal. Und bei "Lacy" steht eine Blondine unter verkohlten Baumgerippen. Die Ranken auf ihrem aprikosenfarbenen Kleid sind die einzigen Blätter weit und breit.

Den Bildern verbrannter Erde stehen aseptisch cleane Innenräume gegenüber. Doch auch in die eiskalten Trutzburgen der Reichen dringt das Unheimliche, das Verunsichernde ein: die sexuelle Überschreitung mit dem Pornos schauenden Hundepaar etwa. Und bei "Iolanda", in dem Edward Hoppers Frauenmotive nachklingen, sitzt eine Frau auf dem Bett und spiegelt sich in der Fensterscheibe, während die Stadtszenerie draußen im TV-Bild eines Tornados ihren bedrohlichen Konterpart findet.

DiCorcia, Jahrgang 1951, dokumentiert dabei nicht, er schafft mit subtilen Arrangements und aufwendigen Lichtapparaturen fiktive Ansichten, die Wirklichkeit nicht abbilden, sondern repräsentieren. So ist auch die Hunde-Porno-Szene, maliziös "The Hamptons" genannt, nicht etwa ein Schnappschuss aus irgendeinem Long-Island-Sommerhaus reicher New Yorker.

"Ich habe die Hunde gemietet", sagt der Künstler. "Ihre Trainerin warf Hühnchenstücke in Richtung des Bildschirms, damit sie hochguckten. In dem Moment musste ich auf den Auslöser drücken. Das Fleisch wurde später am Computer wieder entfernt. Und die Szene auf dem Screen auch. In Wirklichkeit haben die Hund 'Bambi' geguckt."

"Bambi", ausgerechnet. Mit Eingriffen wie diesen zeichnet "East of Eden" das Bild eines Landes, das spätestens mit dem Platzen der Immobilienblase seine Unschuld verloren hat und auch seinen Glauben an sich selbst. "Bis dahin glaubten die Menschen, ob manipuliert oder nicht, dass alles gut würde", so diCorcia, "dass wir die Kriege gewinnen würden, dass man fünf Autos und jedes Jahr ein neues Haus haben könnte. Danach waren sie wie vertrieben aus dem Garten Eden."

In seinen früheren Serien hat diCorcia den Menschen aus dem Zufälligen, Belanglosen und Unerträglichen seiner Existenz herausgehoben. Mit "East of Eden" - der Welt, in der das menschliche Dasein in zerstörten Landschaften und eisig kalten Interieurs einfach so vergeht - kämpft er nicht mehr gegen den Schrecken, sondern zeigt ihn uns.

Bis zum 8. September in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, www.schirn.de. Katalog in der Schirn 26,80 Euro, sonst 36 Euro.

Schirn Kunsthalle: Interview mit Philip Lorca di Corcia auf YouTube

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insgesamt 28 Beiträge
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1.
jodohnern 22.06.2013
Die Bildunterschrift unterhalb der Hunde zeigt, was von diesen Bildern zu halten ist: Die Hunde sahen in Wirklichkeit Bambi, und ein Stück Fleisch musste zum Bildschirm geworfen werden, damit sie überhaupt aufblickten. Ich war nicht wirklich überrascht, da ich weiß, dass Hunde nicht an TV interessiert sind, und schon gar nicht wenn dort Menschen zu sehen sind. Diese Bilder sollen nur schockieren und zum Nachdenken anregen, aber sie sind nicht ernst zu nehmen und haben nichts mit der Realität zu tun - obwohl mit Hilfe von Bildbearbeitung alles getan wird, um diesen Eindruck zu vermitteln.
2. optional
Kunstgriffe 22.06.2013
Endlich mal eine Fotoserie mit Anspruch und spannenden Arbeiten. Weiter so!
3.
Joachim Baum 22.06.2013
Zitat von jodohnernDie Bildunterschrift unterhalb der Hunde zeigt, was von diesen Bildern zu halten ist: Die Hunde sahen in Wirklichkeit Bambi, und ein Stück Fleisch musste zum Bildschirm geworfen werden, damit sie überhaupt aufblickten. Ich war nicht wirklich überrascht, da ich weiß, dass Hunde nicht an TV interessiert sind, und schon gar nicht wenn dort Menschen zu sehen sind. Diese Bilder sollen nur schockieren und zum Nachdenken anregen, aber sie sind nicht ernst zu nehmen und haben nichts mit der Realität zu tun - obwohl mit Hilfe von Bildbearbeitung alles getan wird, um diesen Eindruck zu vermitteln.
Maler aller Zeiten haben Bilder "manipuliert" um der gewünschten/empfundenen Wirklichkeit/Realität nahe zu kommen. Ob Tizian, Rembrandt, Lochner, Da Vinci oder all die unbekannten Meister des Mittelalters, um nur einige zu erwähnen, haben so gearbeitet und wurden und werden dafür (zu Recht) bewundert. Genau das zeichnet sie ja als Künstler aus.
4.
pfzt 22.06.2013
Zitat von KunstgriffeEndlich mal eine Fotoserie mit Anspruch und spannenden Arbeiten. Weiter so!
Dem stimme ich vorbehaltlos zu. Tolle Bilder!
5. optional
DjaliZwan 22.06.2013
Klar kann er die Bilder digital bearbeiten, aber irgendwie geht da doch der besondere Anspruch der Fotografie, nach dem perfekten Moment Ausschau zu halten, einfach verloren. Ich selbst werde die Bearbeitung immer weglassen, bin jetzt aber nicht so dogmatisch dass ich sage es wäre nicht legitim.
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