East-Side-Gallery-Proteste Die große "Neinsager"-Koalition

"Die Mauer bleibt stehen!", "Schämt Euch!": Mit Parolen gehen einige hundert Protestler gegen den Abriss von Mauerteilen der berühmten Berliner East Side-Gallery vor. Darunter sind DDR-Nostalgiker, Künstler und Kapitalismus-Kritiker. Entsprechend ist ihr gemeinsamer Nenner sehr klein: "Nein!"

Demonstration gegen den Mauerabriss: Die Reichen wollen sich hier breit machen!
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Demonstration gegen den Mauerabriss: Die Reichen wollen sich hier breit machen!

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Berlin - Mit einem Knirschen schließt sich die eiserne Klammer um die Oberkante des Mauerstücks, das Stahlseil des Krans spannt sich. Für die insgesamt rund 300 Aktivisten das Startsignal. Mit Geschrei stürmen sie über die breite Straße vor der East Side Gallery. "Die Mauer bleibt stehen" skandiert das eine Grüppchen lautstark. "Schämt euch", fordert ein anderes weiter hinten im Pulk.

Die Menge kommt erst auf der anderen Straßenseite kurz vor dem Bürgersteig zum Stehen. Nun drängelt sich alles an den Absperrgittern, die die Polizei aufgestellt hat. Einzelne pöbeln gegen die Beamten, andere filmen die Szenerie oder machen Fotos.

Vieles wirkt improvisiert an diesem Protest - kein Wunder, schließlich wurden die Aktivisten überrascht. "Niemand hat uns mitgeteilt, dass die Bauarbeiten heute beginnen", beschwert sich Jörg Weber, der im Auftrag der Initiative East Side Gallery Künstler betreut. Die Nachricht hatte sich über die sozialen Netzwerke verbreitet. Am Donnerstagabend war in Posts erstmals von Vorbereitungen der Abrissarbeiten zu lesen. "Vor diesem Hintergrund werte ich den Protest als echten Erfolg", prahlt Weber.

Die East Side Gallery an der Spree gehört zu den bekanntesten Touristenzielen Berlins. Hunderttausende pilgern jedes Jahr zu dem längsten noch erhaltenen Stück Mauer in der Hauptstadt: Gut 1,2 Kilometer stehen nach Angaben von Weber hier noch. Sie wollen eine Ahnung davon bekommen, wie sich die Teilung der Stadt von 1961 bis 1989 anfühlte. Und sie wollen die weltberühmten Bilder sehen, die Künstler 1990 auf die Betonwand malten: den "Bruderkuss" ebenso wie den Trabi, der durch die Mauer bricht. Nach dem Fall der innerdeutschen Grenze hatten Künstler den Mauerabschnitt an der Spree bemalt. Jetzt kämpfen sie um seinen Erhalt.

Polizei regelt den Verkehr

Doch der Kampf gleicht eher einem Rückzugsgefecht, denn in dem Mauer-Denkmal klaffen längst große Lücken. Der Protest an diesem Freitag richtet sich gegen zwei weitere Schneisen, die jetzt geschlagen werden und den Zugang zu einer Fußgängerbrücke über die Spree ermöglichen sowie zu zwei geplanten Wohnhäusern ermöglichen sollen.

Trotzdem wirken die Minen der Protestler entspannt an diesem Morgen, die Polizisten - geübte Deeskalationsstrategen - stehen beinahe gelangweilt um den Pulk herum und regeln den Verkehr. "Wenn schon 'ne Demo kurz vor dem Wochenende, dann so eine", berlinert ein schwer beplankter Hüne. Er wisse eigentlich gar nicht, um was genau es den Demonstranten gehe.

Vermutlich ist er nicht der einzige, der die Gründe für den Protest bestenfalls mit Mühe zusammenfassen kann. Einig sind sich die Aktivisten eigentlich nur darin, dass sie die Mauer um jeden zu erhalten wollen. Doch warum es sie zu erhalten gilt, darüber gehen die Meinungen sehr schnell und sehr weit auseinander.

Die East-Side-Galeristen sprechen von den Bildern und dem Gesamtkunstwerk, das als Denkmal für die glückliche Wiedervereinigung stehe. Teresa Casanueva, deren Bild "Ohne Namen" zu denen gehört, die künftig in der zweiten Reihe stehen werden, will dabei jedoch nicht auf ihr Recht als Künstlerin pochen. Urheberrecht? "Nein", sagt die Kubanerin. Das sei nicht ihr Anliegen. Es sei vielmehr die Mauer, die sie bewege, weil sie ein System repräsentiere, dass in ihrer Heimat noch immer an der Macht sei.

Bauarbeiter machen Feierabend

Ein junger Mann, dick eingepackt in einen pechschwarzen wollenden Schal und mit tief ins Gesicht gezogener Mütze, holt dagegen weiter aus. Das letzte erhaltene Mauerstück erinnere an die Grausamkeit der Teilung in Ost und West und mache dies eben dadurch deutlich, dass es den freien Durchgang zur Spree behindere. Und ein älteres Ehepaar wiederum stört sich daran, dass mit der Mauer wieder "ein Bauwerk aus DDR-Zeiten geschleift wird. Das haben sie auch mit dem Palast der Republik so gemacht, bis nichts mehr da ist."

Die meisten scheinen sich jedoch über die Bauvorhaben auf dem schmalen Areal zwischen Mauer und Spree zu ereifern: Luxuswohnungen würden dort entstehen, für Reiche, die sich hier breitmachen und bald gegen die Clubs in der Nachbarschaft klagen würden. Das Wort Gentrifizierung macht die Runde.

Derweil haben die Bauarbeiter die Eisenkralle wieder von dem Mauerteil entfernt. Sie haben die Arbeiten nach Beginn der Demonstration eingestellt. "Um die Gefahr einer Eskalation zu vermeiden", heißt es von Seiten des verantwortlichen Bauunternehmens. Die Demonstranten betrachten den Baustopp dagegen als ihren Erfolg und jubeln. Die Gitter werden weggeräumt, die zahlreichen Fernsehteams brauchen jetzt Platz für ihre Aufsager.

Kaum 50 Meter weiter prangt ein Bild von Elisa Budzinski an der Mauer. Es zeigt eine Grafik, die einem Baum ähnelt, dazu ein Zitat von Erich Fried: "Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt." Die Demonstranten gehen daran vorbei.



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