East Side Gallery Berlin Schluss mit Bruderkuss

Honecker und Breschnew beim Sozialistenbussi - das berühmteste Gemälde an der Berliner Mauer wurde jetzt entfernt. Der Künstler ist entsetzt, doch die Verantwortlichen wiegeln ab: alles nur Sanierungsmaßnahmen. Der Mann soll das Bild einfach neu malen.

Von Malte Göbel


Berlin - Das Bild ging um die Welt: Honecker und Breschnew beim etwas verrutschten sozialistischen Bussi, überdimensional festgehalten auf Resten der Mauer in Berlin. Der "Bruderkuss" ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Mauer-Freiluftgalerie East Side Gallery.

Oder besser gesagt: war.

Denn das Bild wurde entfernt. Zurück bleibt nur grauer Beton - und ein entsetzter Künstler. "Mein Bild ist zerstört!", klagt der Moskauer Maler Dmitri Vrubel, 48.

Im Frühjahr 1990 hat er das Bild aufgetragen, wenige Monate nach der Öffnung der Mauer. Mit ihm bepinselten 117 weitere Künstler aus 21 Ländern den 1316 Meter langen Mauerabschnitt in der Mühlenstraße parallel zur Spree zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke. Auf 106 großformatigen Wandbildern stellten sie ihre Sicht des Umbruchs der Jahre 1989/90 dar. Wenige Tage nach der Eröffnung der East Side Gallery am 28. September 1990 hörte die DDR auf zu existieren.

Seitdem hat sich die Freiluft-Gemäldesammlung auf Beton zu einer Touristenattraktion entwickelt. Sie ist das längste erhaltene zusammenhängende Stück Mauer und steht seit 1993 als Gesamtkunstwerk unter Denkmalschutz.

Die East Side Gallery heute: ein Bild des Elends

Doch die Zeit nagt an ihr. An einer Hauptausfallstraße in den Berliner Südosten gelegen, setzen ihr saurer Regen und Abgase zu. Touristen verewigen sich mit eigenen Graffiti oder meißeln sich Andenken aus der original erhaltenen Mauer. Die Farbe blättert ab. Breschnew und Honecker hatten 1990 noch rosige Wangen. Zuletzt sahen sie aus, als seien sie stundenlang Kettenkarussell gefahren. Ein Bild des Elends.

"Wir haben damals mit billiger Farbe gearbeitet", sagt der Künstler Kani Alavi, der auch an der East Side Gallery mitgewirkt hat, SPIEGEL ONLINE. Heute ist er Vorsitzender der Künstlerinitiative East Side Gallery, die sich um den Erhalt des Kunstwerks kümmert. Im vergangenen Oktober konnte er endlich Erfolge vorweisen: Mit Geld von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie und aus öffentlichen Töpfen sollte die Galerie restauriert werden.

Nur: Es ist weniger eine Restaurierung als eine Totalsanierung. "Alles muss weg", sagt Alavi - um die Substanz zu schützen, müssten alle Farbreste mit 80 Grad heißem Wasserdampf entfernt werden, auch das ursprüngliche Gemälde. Der nackte Beton wird ausgebessert, dann müssen die ursprünglichen Künstler ran und ihr Bild neu aufmalen. "Diesmal mit spezieller Farbe", sagt Alavi, "damit es länger hält." Ein Speziallack soll die Entfernung von nachträglich aufgetragenen Graffiti erleichtern.

Dmitri Vrubel ist mit diesen Erklärungen nicht zufrieden. Er hat nie seine Einwilligung gegeben, dass sein Gemälde gelöscht wird. "Ich habe kein Problem mit einer Restaurierung", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Aber das wäre ja ein neues Bild. Ich kann doch nicht einfach das Gleiche nochmal malen!"

Von der geplanten Restaurierung der Mauer habe er in Russland aus der Zeitung erfahren. Erst als er sich in Berlin meldete, um Genaueres in Erfahrung zu bringen, bekam er einen Vertrag zugeschickt, der ihm eine Aufwandsentschädigung von 3000 Euro zusicherte. "Aber warum 3000 Euro? Warum nicht 30.000 oder 300?", fragt der russische Maler. Er erzählt, dass er sein Motiv in Berlin auf Tassen, Postkarten und Tellern gesehen habe. "Das wird verkauft, aber ich habe noch nie einen Cent davon gesehen!"

Alavi von der Künstlerinitiative bestätigt, dass die Vermarktung der East Side Gallery noch ein Problem darstellt. "Es gibt in Deutschland ein Gesetz, nach dem ein Gemälde, das im öffentlichen Raum erstellt wurde, nicht dem Urheberrecht unterliegt. Wir bereiten einen Musterprozess vor, um das in die Öffentlichkeit zu bringen."

Touristenattraktion East Side Gallery

Wie wichtig die East Side Gallery als Stadtattraktion ist, bestätigt Christian Tänzler von der Berlin Tourismus Marketing. "Alle Touristen in Berlin wollen die Mauer sehen, und die East Side Gallery ist der längste noch erhaltene Abschnitt", sagt er SPIEGEL ONLINE. Außerdem sei sie die größte Freiluftgalerie der Welt. Tänzler ist froh, dass endlich saniert wird, denn manche Motive sind in der ganzen Welt bekannt - eben der "Bruderkuss" von Vrubel, aber auch der die Mauer durchbrechende Trabi "Test the best" von Birgit Kinder.

Alavi und die Künstlerinitiative würden am liebsten noch ein Informationszentrum neben die East Side Gallery bauen. Kein reines Museum, sondern eine Lehr- und Lernstätte, an der sich Künstler aus aller Welt mit der Vergangenheit und Gegenwart von geteilten Ländern und realen sowie geistigen Mauern auseinandersetzen.

Das Gelände ist sowieso gerade im Wandel - nebenan wurde kürzlich eine multifunktionale Mehrzweckarena fertiggestellt, Pläne für Stadtumstrukturierung ("Media-Spree") liegen bereit. Das ist ein weiterer Grund dafür, dass endlich Geld für die Sanierungsmaßnahmen gefunden wurde: Eine schmuddelig-ruinierte Betonmauer hätte nicht ins saubere Stadtbild gepasst.

Die Sanierung der East Side Gallery soll eigentlich bis zum symbolträchtigen 9. November dieses Jahres abgeschlossen sein. Dmitri Vrubel will sich nicht sperren, also überlegt er, einen anderen Kuss zu malen. Obama und Putin vielleicht? "Nein, das wäre zu aktuell", sagt er. Vielleicht eine andere Perspektive, aber der Knutscher von Breschnew und Honecker soll es bleiben. "Eigentlich ist es ein kein politisches Bild", sagt Vrubel nachdenklich. "Es handelt von Liebe."



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
alfons mumm, 26.03.2009
1. Die bildende Kunst
Zitat von sysopIm Zuge der Sanierung der Berliner East Side Gallery soll unter anderem auch das weltberühmte Bruderkuss-Bild entfernt werden. Anschließend dürfe es der Künstler neu malen. Was denken Sie - soll öffentliche Kunst mit der Zeit altern dürfen?
Die bildende Kunst hat in Deutschland ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Nachdem sich in den letzten 10 Jahren namhafte deutsche Künstler durch Verkäufe an Banken, Börsianer, Spekulanten, Kriminelle gesundgestossen haben, sollten unsere Kunstakademiker arbeiten gehen wie jeder anständige Bürger dieses Staates auch.
Muffin Man, 26.03.2009
2.
Zitat von sysopIm Zuge der Sanierung der Berliner East Side Gallery soll unter anderem auch das weltberühmte Bruderkuss-Bild entfernt werden. Anschließend dürfe es der Künstler neu malen. Was denken Sie - soll öffentliche Kunst mit der Zeit altern dürfen?
"Altern" ist etwas, das unsere Gesellschaft de facto längst nicht mehr duldet... wenn anläßlich der "Sanierung" eines der letzten erhaltenen Stücke der ehemaligen Berliner Mauer nun noch die erhaltene Bemalung durch neue ersetzt wird, und um nichts anderes handelt es sich bei dieser Aktion (http://www.manager-magazin.de/life/freizeit/0,2828,589041,00.html), dann wird das Phänomen "Erinnerungskultur" endgültig ad absurdum geführt. An die Stelle einer ohnehin schon künstlerisch wenig ergiebigen Reaktion auf ein historisches Faktum soll nun, mit Fortfall des Faktums, auch gleich noch das Bild ausgetauscht werden? - Das ist - mit Verlaub - so, als würde man im VW-Museum den VW-Käfer, einst ein Symbol der Volksmotorisierung und des Wirtschaftswunders, durch einen Smart ersetzen, der ja gewiß ein sehr viel zeitgemäßeres Fahrzeugkonzept verkörpert, niemals aber auch nur eine vergleichbare Bedeutung erlangt hat... Odo Marquard, der Philosoph (http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018049-5?query=Odo+Marquard) hat das unsrige einst als "Das Zeitalter des Aussortierens" bezeichnet, und genau so stellt es sich auch dar...
Wurzbacher, 27.03.2009
3.
Zitat von alfons mummDie bildende Kunst hat in Deutschland ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Nachdem sich in den letzten 10 Jahren namhafte deutsche Künstler durch Verkäufe an Banken, Börsianer, Spekulanten, Kriminelle gesundgestossen haben, sollten unsere Kunstakademiker arbeiten gehen wie jeder anständige Bürger dieses Staates auch.
Die Arbeit der Künstler besteht in den Bildern. Um den Lebensunterhalt bestreiten zu können,werden sie verkauft. Ergo: Künstler arbeiten,also sind sie anständige Bürger.Wer hingegen nicht arbeiten gehen kann,ist kein anständiger Bürger. Bald sinds wieder an die vier Millionen. Wie wärs,wenn Sie sich mal ein bißchen Kunst an die Wand hängen würden?
NorQue, 27.03.2009
4.
Diese Bilder wurden zu einer ganz bestimmten Zeit in einem ganz bestimmten Kontext gemalt. Malt man sie jetzt einfach neu hat man zwar ein hübsches Stück Disneyland Mauer, aber ganz sicher nicht mehr das Original von 1990. Da man sich damals keine Gedanken um Konservierung und um den Schutz der Gemälde gemacht hat gehört die Verunstaltung durch Graffiti und der Verfall mit zum Gesamtwerk. In der Form, in der es derzeit ist sollte es konserviert werden. Nicht als Attrappe. Was sind das denn für seltsame "Künstler", die dieses Projekt East Side Gallery Restauration vorantreiben? 1990 ein Bild gemalt und seitdem hängt man in der Vergangenheit fest?
hansen19, 27.03.2009
5.
Zitat von Muffin Man"Altern" ist etwas, das unsere Gesellschaft de facto längst nicht mehr duldet... wenn anläßlich der "Sanierung" eines der letzten erhaltenen Stücke der ehemaligen Berliner Mauer nun noch die erhaltene Bemalung durch neue ersetzt wird, und um nichts anderes handelt es sich bei dieser Aktion (http://www.manager-magazin.de/life/freizeit/0,2828,589041,00.html), dann wird das Phänomen "Erinnerungskultur" endgültig ad absurdum geführt. An die Stelle einer ohnehin schon künstlerisch wenig ergiebigen Reaktion auf ein historisches Faktum soll nun, mit Fortfall des Faktums, auch gleich noch das Bild ausgetauscht werden? - Das ist - mit Verlaub - so, als würde man im VW-Museum den VW-Käfer, einst ein Symbol der Volksmotorisierung und des Wirtschaftswunders, durch einen Smart ersetzen, der ja gewiß ein sehr viel zeitgemäßeres Fahrzeugkonzept verkörpert, niemals aber auch nur eine vergleichbare Bedeutung erlangt hat... Odo Marquard, der Philosoph (http://www.reclam.de/detail/978-3-15-018049-5?query=Odo+Marquard) hat das unsrige einst als "Das Zeitalter des Aussortierens" bezeichnet, und genau so stellt es sich auch dar...
Und recht hat er. Wobei unser Zeitalter im Grunde keine Ausnahme macht. Es ist das übliche Der- Pharao- hackt- den- Statuen- seines- Vorgängers- die- Gesichter- aus und löscht ihn aus allen Büchern, als hätte es ihn niemals gegeben. Effekt: wir lernen nichts dazu.
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