Echtzeit-Serie "24" Terroristen-Hatz für Verschwörungsfreaks

Mittendrin im Kampf gegen Killer und Verschwörer: Die preisgekrönte amerikanische TV-Serie "24" zeigt einen Tag im Leben eines Terroristenjägers, eine Hatz bis in die Zentralen der Geheimdienste, verteilt auf 24 Folgen. Zum Deutschlandstart der revolutionären Serie heute Abend baute RTL2 sein komplettes Programm um.

Von Daniel Haas


Actionserie "24", Hauptdarsteller Sutherland: Sekunden donnern mit Paukenschlägen
RTL2 / ddp

Actionserie "24", Hauptdarsteller Sutherland: Sekunden donnern mit Paukenschlägen

"Ich bin Special Agent Bauer, und heute ist der längste Tag meines Lebens", sagt die Stimme aus dem Off, und schon geht's los: vierundzwanzig Stunden mit Jack Bauer (Kiefer Sutherland), dem Leiter einer Anti-Terror-Einheit des CIA, voll gepackt mit Action, Mord, Intrigen. 24 Stunden, 24 Folgen - die in Amerika hoch gelobte und mit zahlreichen Preisen dekorierte Serie präsentiert das Geschehen in Echtzeit, selbst die Werbepausen sind mit einkalkuliert. Immer wieder wird die Digitaluhr sekundengenau eingeblendet; nach dem Werbeblock ist die Story um ein paar Minuten vorgerückt: Mittendrin statt nur dabei im Kampf gegen Terroristen, Killer und Verschwörer.

Bauer soll das Attentat auf den ersten schwarzen Präsidentschaftskandidaten der USA verhindern, ein Komplott innerhalb des Geheimdienstes aufdecken und seine Frau und Tochter retten. Die wurden von Terroristen entführt, um den Top-Agenten zu erpressen. Von null bis zwölf Uhr geht die Tour de Force, und um den Effekt der Gleichzeitigkeit zu verstärken, kommt neben der unerbittlichen Zeiteinblendung auch noch Split-Screen-Technik zum Einsatz. Bis zu vier Fenster zeigen mehrere Figuren an verschiedenen Orten oder eine Person aus verschiedenen Perspektiven.

Komplizierter Plot, weit reichender Spannungsbogen, aufwändige Ästhetik: Deutsche Fernsehsender taten sich schwer mit der Übernahme des amerikanischen Quotenschlagers. Die komplexe Handlung fordert ein hohes Maß an Loyalität vom Zuschauer - ein Risiko für Programmplaner und Werbetreibende. Dabei macht es RTL2 den deutschen Zuschauern leicht. Der Sender stellte für das gewagte Unternehmen sein gesamtes Abendprogramm auf den Kopf. Im Gegensatz zu den USA, wo Fans von Folge zu Folge eine Woche warten müssen, wird die Terroristen-Hatz hier ab dem 2. September dreimal pro Woche ausgestrahlt, jeweils zwei Folgen hintereinander zur besten Sendezeit.

Wem auch das noch zu lange dauert, kann mit originalsprachigen Video- und DVD-Ausgaben das Echtzeitszenario Wirklichkeit werden lassen. Einziges Problem: Das Wegfallen des Werbeblocks und die damit verbundenen logistischen Schwierigkeiten bei der Pinkelpause. Der Gang zur Toilette ist übrigens auch den Figuren der Serie untersagt; Profanes wie essen oder schlafen fällt ebenso weg. Denn der Gegner, gegen den Agent Bauer antreten muss, ist die Zeit, sie spielt die eigentliche Hauptrolle in "24".

Mit dem Zusammenfallen von Erzähl- und erzählter Zeit, dem notorischen Erscheinen der LED-Anzeige, auf der die Sekunden mit Paukenschlägen weiterdonnern, und der Auffächerung des Geschehens in mehrere Bildfenster lenkt das Medium die Aufmerksamkeit auf seine eigene Struktur. Inhaltlich ist "24" routinierte Genre-Ware, formal jedoch eine Innovation.

Agentenserie "Akte X", Darsteller Duchovny, Anderson: Traue niemandem
AP

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Und so spielt es letztlich keine Rolle, dass bis auf Sutherland die meisten Darsteller erstaunlich blass und beliebig wirken und das private Dilemma Bauers nicht wirklich berührt. Die Figuren in "24" sind funktionale Größen, sie halten die Mechanik einer Dramaturgie am Laufen, nicht die psychologische Vertiefung einer Geschichte.

Dafür sind im formalistischen Projekt "24" politische Implikationen auszumachen, sie beziehen sich vor allem auf den Wandel des Genre-Fernsehens, wie er in Amerika derzeit vonstatten geht. Agentengeschichten sind nicht erst seit "24" erfolgsverdächtig, vergleichbare Serien wie "The Agency" und "Alias" gehören zu den festen Größen des US-amerikanischen TV-Geschäfts. Gewandelt hat sich allerdings das Bild der Geheimdienste und ihrer Mitarbeiter. Sie werden nicht mehr nur als verbrecherische Drahtzieher porträtiert, sondern als integre Ermittler, die Land und Leute schützen wollen. "Die alte Art, uns als Haufen gaunerhafter Drahtzieher zu präsentieren, verfängt nicht mehr", zitierte die "New York Times" unlängst den ehemaligen Agenten Chase Brandon, eine Art PR-Mann der CIA mit besten Kontakten zu Film und Fernsehen.

Grund hierfür mag der Rollenwandel der Dienste im Allgemeinen sein. Schienen die Schlapphüte nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch des Kommunismus mehr oder weniger überflüssig, wurde ihre Aufgabe zu Beginn der neunziger Jahre neu definiert. Terrorismus-Bekämpfung und -Prävention statt Feindbespitzelung lautete nun die Direktive.

Auf die zunehmende politische und ideologische Unsicherheit reagieren Filmemacher und Autoren mit einer Flut von Verschwörungsmodellen - sie bieten Orientierung angesichts hoch komplexer, nicht mehr überschaubarer Zusammenhänge. "24" greift diese Bewegung auf und steigert es ins Extrem. Traue keinem, die alte Prämisse, die schon "Akte X" in Gang hielt, verbunden mit Echtzeit-Verfahren und multiperspektivischer Darstellung: die perfekte Mischung für den längsten kurzweiligen Tag des Lebens.


"24" (1. Staffel), USA 2001. Produktion: Joel Surnow, Robert Cochran, Imagine Entertainment, 20th Century Fox. Darsteller: Kiefer Sutherland, Dennis Haysbert, Sarah Clarke, Elisha Cuthbert, Carlos Bernard, Penny Johnson. Ab 2. September immer dienstags, freitags und sonntags um 20.15 Uhr bei RTL2



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