Edel-Architektur in London: Da steht ein Sarg im Park

Von , London

Highlight im Architekturkalender: Einmal im Jahr errichten Spitzenbaumeister im Londoner Hyde Park den Serpentine-Pavillon, ein Gebäude, das nur wenige Monate stehen bleibt. Der Schweizer Star Peter Zumthor hat jetzt einen schwarzen Gruft-Klotz geschaffen, der mit bunten Innenansichten überrascht.

Serpentine Pavillon: Ein Kasten Astern, bitte Fotos
Peter Zumthor/Walter Herfst

Es ist eine Ehre, um die sich Architekten reißen: Jedes Jahr beauftragt die Londoner Serpentine Gallery einen Baumeister damit, einen Pavillon für ihren Vorgarten zu entwerfen. Die einzige Vorgabe: Das temporäre Bauwerk muss in sechs Monaten fertig sein. Ansonsten darf der Kreativität freier Lauf gelassen werden. Mitten im Hyde Park entsteht so seit 2000 jeden Sommer ein neues originelles Gebäude.

Stars wie Daniel Libeskind, Rem Koolhaas und Jean Nouvel haben in den vergangenen Jahren bereits ihre Handschrift hinterlassen. Dieses Jahr war Peter Zumthor dran, den elften Serpentine-Pavillon zu bauen. Der 68-jährige medienscheue Schweizer blieb seinem Ruf treu, ein Minimalist zu sein: Er hat einen großen, schwarz gestrichenen Holzkasten in den Park gestellt. Schön ist das nicht, auf den ersten Blick wirkt er wie ein zu groß geratener Sarg, von der Sorte, in der Studenten gern die Bildung zu Grabe tragen.

Doch wer durch einen der drei Eingänge ins Innere der Holzbox tritt und einen stockdusteren Gang bis zum Ende geht, der findet sich in einem Garten Eden wieder. Im rechteckigen Innenhof hat der holländische Landschaftsgärtner Piet Oudolf (der auch die High Line in Manhattan begrünt hat) einen zwei Meter breiten, langgestreckten Blumengarten gepflanzt. Auf allen vier Seiten ist er umgeben von schwarzen Wänden, an denen eine Holzbank entlangläuft. Davor stehen kleine runde Tischchen und einfache Hocker. Es ist ein Platz zum Verweilen und zum Meditieren.

Von Schweizer Berggärten inspiriert

Außer den Blumen und dem metallfarbenen Mobiliar ist in diesem Pavillon alles schwarz wie Dachpappe. Der eintönige Hintergrund lässt die Anemonen, Astern und Geranien in der Mitte umso stärker hervortreten, wie auf einer Bühne. Durch die rechteckige Öffnung direkt über dem Beet leuchtet der blaue Himmel.

Idee und Material dieses Hortus Conclusus könnten nicht simpler sein - und sorgen doch für maximalen Effekt. Zumthor sagt, er habe sich von den Berggärten in den Schweizer Alpen inspirieren lassen, jenen rechteckigen Gemüsebeeten, die aus der Almwiese ausgestochen und mit einem Zaun gegen Tiere geschützt werden.

Man könnte einwenden, dass er seinen Geheimgarten besser auf einem betonierten Platz mitten in der Stadt angelegt hätte. Dann wäre der Überraschungseffekt größer gewesen und die Idee der Flucht vor dem Großstadtlärm einleuchtender. Doch selbst im idyllischen, mit Blumen reich gesegneten Hyde Park entfaltet der Garten seine Wirkung.

Am Freitag wurde der Pavillon eröffnet, und schon am Morgen war er gut besucht. Die Serpentine-Pavillons haben sich im Laufe der Jahre zu einer Touristenattraktion im Londoner Sommer gemausert, und Zumthors Bau scheint da keine Ausnahme zu machen. "Gute Blumenauswahl", lobte ein Besucher. Andere fotografierten oder saßen auf den Bänken und ließen den Blick über die Blumen schweifen.

Zumthors Entwurf unterscheidet sich deutlich vom letztjährigen Pavillon von Jean Nouvel. Der Franzose hatte ein knallrotes Spielecafé in den Hyde Park gesetzt, inklusive Hängematten und Tischtennisplatten. Es sollte ein Ort der Lebensfreude sein, an dem die Besucher ihren Spieltrieb ausleben konnten. Bei Zumthor geht es nüchterner zu, in seinem Pavillon kann man nur sitzen - und beten, dass das Handy nicht die quasi-klösterliche Ruhe stört. Wer länger in dem Garten sitzt, fühlt sich unweigerlich an die Londoner U-Bahn erinnert: Über die Blumen hinweg starrt man die Menschen auf den gegenüberliegenden Bänken an.

Bekannt ist Zumthor, der 2009 mit dem Pritzkerpreis, einer Art Nobelpreis für Architekten, ausgezeichnet wurde, vor allem für seine Luxustherme aus Granit im schweizerischen Vals und die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf. Der Serpentine-Pavillon ist sein erstes vollendetes Bauwerk in Großbritannien. Doch schon im nächsten Jahr kommt ein zweites hinzu: Ein Ferienhaus in der Grafschaft Devon für das Projekt "Living Architecture" seines Landsmanns Alain de Botton. Der Pavillon ist dafür schon mal ein gelungener Empfehlungsbau.


Serpentine Pavillon, Serpentine Gallery, Hyde Park, bis 16. Oktober 2011

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