Edgar Selge als "Peer Gynt" Spielball der Frauen

Der hochgehandelte Nachwuchs-Regisseur Christopher Rüping inszeniert in Stuttgart Henrik Ibsens "Peer Gynt". Das Sinnsuche-Drama zerfällt bei ihm in effekthascherische Momente. Hat der Regisseur am Ende Angst vor dem Autor?

Conny Mirbach

Peer Gynts Problem sind die Weiber. Das hat ihm nicht etwa Henrik Ibsen eingebrockt, sondern Christopher Rüping. Der junge Regisseur, als Talent gehandelt und dieses Jahr mit "Das Fest" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, zeigt von Beginn seiner Stuttgarter Inszenierung an dieses nie erwachsen werdende Kind aus dem hohen Norden als Spielball feiner bis feister femininer Tücken und Macken.

Die Damen und Mädchen sind überall: Sie raunen seinen Namen aus dem Off, sie lauern ihm auf, umsäuseln und begrapschen ihn, sie äffen ihn nach, und manchmal schlüpfen sie sogar ganz in ihn hinein, werden selber Peer, so dass der echte gar nicht mehr weiß, wo und wie ihm sein Selbst steht.

Bis Edgar Selge, der den jungen Helden als älteren Herrn gibt, also quasi im Rückblick noch mal sein Leben durchläuft ("Ich komm auf Umwegen!"), bis also Selge, der Star des Abends, überhaupt seinen ersten Gynt-Satz sagen kann (der bekanntlich mit "Nein, nein, ich lüge nicht" auch schon die erste Lüge ist), vergeht einige Zeit mit Rufen und Suchen, mit Fluchen und Schnattern, und man ahnt schon: Leicht wird es dieser Bruder Leichtfuß der Flunkerei fortan nicht haben.

Die Frauen haben seine Schwindeleien längst durchschaut, sind immer einen Tick schlauer als der Luftikus selbst und nehmen ihn sowieso nicht so richtig ernst. Und obwohl er also schon seine liebe Not mit den Solvejgs und Ingrids, Aases und der Troll-Fettel hat, holt sich Gynt (eigentlich mehr der charmebolzende Selge) aus dem Publikum noch 24 Zuschauerinnen, mit denen er aus dem Saal verschwindet und die er ein paar Akte lang im Foyer gefangen hält, was man per Videoschalte immer wieder mal sieht.

Seltsames geht dort vor: Ein mächtiger Männerchor umgarnt die Entführten, die zu einer Art Massenhochzeit wieder auf der Bühne auftauchen. Wer im Parkett verblieben war in Stuttgart, fragte sich, was das denn nun wieder sollte...

Es blieb ein Rätsel, wie so manches an diesem Abend. Der 30-jährige Rüping, der gerne auf die Konvention pfeift, Stücke durcheinanderwirbelt, Rollenzuweisungen ignoriert, multiple Persönlichkeiten liebt und auch sonst viel theatralischen Schabernack und szenischen Unsinn im Sinn hat, biegt sich das rätselhaft versponnene Drama so zurecht, dass es zu seinen Einfällen passt.

Das heißt, ihn interessiert das verstörte Kind Peer in seiner sich überschlagenden Zeit nicht, er zeigt nicht, dass Gynt auf die Überforderungen seiner Umwelt mit Flucht ins Fantastische, Hanebüchene und Mystische reagiert. Er knüpft da nicht in der Vergangenheit an und findet keinen Pfad in die Gegenwart, aus der sich ja schließlich auch wieder viele in Richtung Mittelerde und Zwielicht realitätsverdrossen verabschieden.

Blühender Blödsinn ist gefragt

In Stuttgart geht es allein um Effekt und Hascherei, hier wird keine Geschichte mehr erzählt, hier soll man über Bühnenzauber und bombastische Verwandlungen staunen - und wird doch nur auf wackligem Niveau unterhalten.

Die Inszenierung zerfasert und zerfällt in viele kleine (zum Teil nette) Szenen, immer wieder bricht die Handlung ab, wird der Faden gesucht und nicht gefunden, die Schauspieler sprachspielen und verhaspeln sich, die Luftschlösser entstehen und krachen zusammen, die Illusionen flirren durch den Raum, und die wahren Abenteuer finden nur in den Köpfen statt. Wände werden eingerissen bis nach hinten zur Brandmauer, Container hereingewuchtet, Licht- und Donnergrusel verbreitet.

Mitunter ist das sogar pfiffig und verblüffend, wie Rüping aus der Bühnenleere etwas erschafft, wie er Sternenhimmel glitzern lässt und im Handumdrehen normale Menschen in skurrile Fabelwesen verhext, mit viel Farbe und Schmodder. In Maßen ist es auch noch lustig, wenn er sein Publikum zum Mittun animiert.

Mit der Zeit aber merkt man, dass all diese Kapriolen nur Stückwerke des Übermuts sind, möglicherweise aus der Furcht geboren, man könnte dem Autor hier auf den spätromantischen Erzähl-Leim gehen. Also bleiben die Mythen in den Tüten, stattdessen wird die Plauderstunde eröffnet: Während der Pause kann man im Saal verweilen und mitstricken an einer Endlos-Geschichte, blühenden Blödsinn verbreiten, wenn er nur gyntartig ist, also keineswegs irgendeiner Wahrheit entspricht.

So schreibt Rüping den Ibsen fort und verliert ihn dabei ganz aus dem Auge. Derweil kauert seine treue Solvejg rechts am Bühnenrand und wartet artig auf ihren Peer, der noch ganz beschäftigt ist mit Sinnsuchen und Häuten.

Dessen Zukunft aber legt der Regisseur nun ganz in die Hände der Zuschauer. Er lässt darüber abstimmen, ob der verhinderte Held als Liebender erlöst werden oder sich gänzlich im Nichts auflösen soll. Bei der Premiere gab es beim Handzeichen zunächst ein Patt, beim Phonvotum klar die Entscheidung gegen die Liebe. Da zeigte Selge den Peer aber schwer sauer und beleidigt, und nur verzweifelt gekrümmt fügte er sich brüllend seinem Schicksal.


Henrik Ibsen: Peer Gynt. Regie: Christopher Rüping. Am 29.6., 2.7., 10.7. und 17.7 am Schauspielhaus Stuttgart (Staatstheater). Tickets unter 0711 20 20 90 oder auf der Homepage vom Schauspielhaus.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.