Fall Snowden und die US-Medien: Gleichschritt der Mitläufer

Von , New York

"Guardian"-Reporter Greenwald: Kritik an den Überbringern Zur Großansicht
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"Guardian"-Reporter Greenwald: Kritik an den Überbringern

In Amerikas Mainstream-Medien spielt die NSA-Schnüffelei kaum noch eine Rolle. Stattdessen finden sich Whistleblower Edward Snowden und der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald im Kreuzfeuer der Kommentatoren.

Walter Pincus, 80, ist ein Skandalveteran. Der Kolumnist und Ex-Reporter der "Washington Post" schrieb schon über Watergate und Iran-Contra, etliche Geheimdienstaffären und gewann den Pulitzerpreis. Doch selbst Kollegen kritisieren ihn: Pincus stehe der US-Staatsmacht oft zu nahe - vor allem der CIA, für die er in jungen Jahren selbst spionierte.

Diesmal aber muss Pincus extra viel Kreide fressen: Vorige Woche versah die "Washington Post" eine zwei Tage zuvor erschienene Pincus-Kolumne über den NSA-Skandal mit einer drei Absätze langen Korrektur, die die meisten Kernaussagen darin hinfällig machte. Es war eine beispiellose Maßnahme in der 136-jährigen Geschichte der US-Hauptstadtzeitung.

Pincus hatte spekuliert, dass Whistleblower Edward Snowden sowie "Guardian"-Reporter Glenn Greenwald und Dokumentarfilmerin Laura Poitras - die die meisten NSA-Enthüllungen an die Öffentlichkeit brachten - eine politische Agenda hätten und heimlich von WikiLeaks-Gründer Julian Assange "gesteuert" würden. Pincus' "Belege" waren nachweislich falsch. Die "korrigierte" Kolumne - oder was davon übrig ist - war nichts als üble Nachrede.

Greenwald, seit längerem im Kreuzfeuer der US-Medien, protestierte sofort in einem offenen Brief ("Lieber Mr. Pincus") gegen die "haltlosen Unterstellungen". Die "Washington Post" nahm sich mehr als 48 Stunden Zeit, den eklatanten Flop kommentarlos richtigzustellen.

Kritik am Enthüller, nicht an den Enthüllungen

Mit der Breitseite gegen Snowden und seine Pressekontakte schwimmt Pincus sowohl auf Regierungslinie - wie längst auch im Zeitgeist. Immer mehr Mainstream-Medien kritisieren statt der eigentlichen Enthüllungen lieber die Enthüller. Snowden in Moskau, Greenwald in Rio: Nicht die immer neuen Details dieses scheinbar endlosen Skandals beherrschen die US-Schlagzeilen - sondern ihre Überbringer.

Bei der "Post" begann das schon, als Snowden sein Material zuerst dem für Sicherheitsthemen zuständigen Reporter Bart Gellman anbot. Gellman diskreditierte Snowden sofort als "melodramatisch", auch wegen seiner kompromisslosen Bedingungen. Snowden hat seither nichts mehr an die "Post" lanciert.

So ging es weiter. Die finanziell angeschlagene "Post", die einst Watergate aufdeckte, verhöhnte den "Guardian" als "finanziell angeschlagen" - "klein und leichtgewichtig, selbst für britische Maßstäbe". "Warum enthüllt ein Londoner Medium so viele Geheimnisse über die amerikanische Regierung?", nörgelte sie, als stünde das nur US-Journalisten zu.

Ein kürzlicher Leitartikel der "Post" hätte sogar vom Weißen Haus geschrieben sein können. Snowdens Leaks, hieß es da, schadeten "dem Kampf gegen den Terrorismus" und "legitimen Geheimdienstoperationen". Verqueres Fazit der Großmutter des Enthüllungsjournalismus: Die Enthüllungen müssten unverzüglich "enden". Kolumnist Richard Cohen hielt ebenfalls nicht hinter dem Busch: Snowden sei "narzisstisch", Greenwald ein "Aufschneider".

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NSA-Enthüllungen: Chronologie der Snowden-Affäre
Damit stand er nicht alleine. David Brooks von der "New York Times" bezichtigte Snowden, "Ehrlichkeit und Integrität verraten" zu haben. Roger Simon, Chefkolumnist der Website "Politico", titulierte Snowden als "Nichtstuer, der aus der Kälte kam". Jeffrey Toobin, Edelfeder beim "New Yorker", nannte ihn einen "Narzisst, der ins Gefängnis gehört". Und Melissa Harris-Perry vom sonst so progressiven Kabelsender MSNBC kritisierte Snowdens Handlungen als "gefährlich für unsere Nation".

In dieser Frage gleiche MSNBC dem "offiziellen Network des Weißen Hauses", fand Medienkritiker Jeff Cohen in der "Huffington Post". Ein Weißes Haus unter US-Präsident Barack Obama, das Whistleblowern bekanntlich schon seit Jahren den Krieg erklärt hat.

Noch etwas anderes erklärt die Front der medialen Mitläufer: Der "Guardian" macht ihnen daheim massiv Konkurrenz. So wurde die US-Ausgabe des "Guardian" mit dem ersten Snowden-Videointerview fast sieben Millionen Mal angeklickt. "Sie setzen die US-Nachrichtenagenda", twitterte AP-Starreporter Matt Apuzzo neidisch.

Warum? Janine Gibson, Amerika-Chefin des "Guardian", warf der gesamten US-Konkurrenz in der "Huffington Post" vor, bei Fragen der nationalen Sicherheit an einem "generellen Mangel an Skepsis" zu leiden: Kritisches Hinterfragen gelte seit 9/11 als "unpatriotisch".

Die schlimmste Demütigung wäre es, wenn der britische Eindringling sich mit den NSA-Scoops auch noch einen Pulitzerpreis ergatterte. Um den dürfen sich zwar nur US-Medien bewerben. Doch schon letztes Jahr akzeptierte das Preiskomitee eine Einreichung des "Guardian": Er habe in den USA "eine unverkennbare Präsenz".

Lesen Sie hier eine Chronologie der gesamten NSA-Affäre

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insgesamt 192 Beiträge
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1. Gefährlich für die Nation?
lemmy01 15.07.2013
Aha. MSNBC kritisierte also die Enthüllungen von Snowden als "gefährlich für unsere Nation". Ist Microsoft jetzt schon die amerikanische Nation?
2. die offizielle Demokratie in den USA
mhwse 15.07.2013
drückt sich im Augenblick durch gemeinschaftlich abgehaltene Gottesdienste und dem Absingen der Nationalhymne aus.
3. distinctive...
TheRealNik 15.07.2013
...bedeutet so viel markant, ausgeprägt. Wieder ein Fall von Denglisch. Zum Kernthema: Mir scheint, dass SPON Kritik an Snowden und seinen Enthüllungen als unbotmässig betrachtet. Snowden gut, NSA böse. Aber so macht man es sich doch etwas zu einfach. Nicht jedes Geheimnis einer Regierung besteht zum Schaden der Zivilgesellschaft. Die NSA verfolgt sicher nicht böse Absichten, sondern eher das Gegenteil ist der Fall. Darf die Absicht von Snowden nicht hinterfragt werden? Darf man nicht der Ansicht sein, dass die Arbeit der Geheimdienste nützlich und richtig ist?
4. Seit dem Irak-Krieg
tiit 15.07.2013
ist den US- Medien sowieso nicht mehr zu trauen. Sie sind mitschuldig an einer "Gehirnwäsche" der US- Bevölkerung, die den Irak-Krieg für die Bush- Regierung erst möglich gemacht hat. Die US- Medien sind "Gleichgeschaltet", dies hat unter Bush angefangen und setzt sich unter Obama fort. Obama ist ein US- Präsident und kein "Heilsbringer".
5.
epic_fail 15.07.2013
Zitat von sysopAPIn Amerikas Mainstream-Medien spielt die NSA-Schnüffelei kaum noch eine Rolle. Stattdessen finden sich Whistleblower Edward Snowden und der "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald im Kreuzfeuer der Kommentatoren. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/edward-snowden-und-die-us-medien-a-911097.html
Das verwundert nicht! Die großen amerikanischen Leitmedien sind durchtränkt vom Filz der Korruption. Die USA sind ein Fall für´s Lehrbuch, denn dort kann man wunderbar betrachten, welche Auswüchse es annehmen kann, wenn man jahrelang erfolgreich den Lobbyisten fördert. Die USA sind ein sehr krankes Land, mit einem sehr kranken Verständnis für Patriotismus, Demokratie und Menschenrecht.
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