Alexander Kluge zum Tode Egon Bahrs Abschied von einem Freund und Charakter

Wie schnell konsolidiert sich ein Land nach einem Krieg? Egon Bahr, der kluge Sicherheitspolitiker, fand selbst auf solche Fragen die richtigen Antworten. Drei Gedanken und vier Filme von Alexander Kluge.


Egon Bahr (* 18. März 1922; † 20. August 2015)
AFP

Egon Bahr (* 18. März 1922; † 20. August 2015)

  • DPA
    Alexander Kluge, Jahrgang 1932, ist Schriftsteller und einer der einflussreichsten deutschen Regisseure und TV-Produzenten. Kluge hat den Grimme-Preis, den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis und das Bundesverdienstkreuz erhalten.
Er war einer der großen vertrauenswürdigen Politiker in Deutschland und in der Welt. Mit scharfem Unterscheidungsvermögen zwischen Phrase und Sache. Es gehört zur Sachlichkeit viel Gefühl. Als der Kanzler Willy Brandt 1974 stürzte und ein letztes Mal zum Abschied vor die SPD-Fraktion trat, hat Egon Bahr als einziger geweint. "Das Bohren harter Bretter" war sein Beruf. Charaktere wie Egon Bahr sind unersetzlich. Wenn ich zum Abschied sagen könnte: "Auf Wiedersehen", wäre ich froher.

dctp

Zeitgestalten von Afghanistan

Afghanistan ist ein ungewöhnliches Gebilde, auch ich musste erst lernen, um was es sich handelt, sagte der Sicherheitsexperte Egon Bahr, der sich schon in den Weihnachtstagen 1979 mit Afghanistan befasst hatte.

Geologisch ist dieses "Dach der Welt" (die Bezeichnung konkurriert mit der Hochfläche von Tibet) ein langsames Ereignis. Mir ist berichtet worden, dass in dieser Zone der große Pamir von Nordwesten, der Hindukusch vom Osten und vom Süden die Belutschistanplatte, unter den Sedimenten des Indischen Ozeans, aufeinander zu driften: ein verlangsamtes Erdbeben mit einer Dauer von 10.000 Jahren.

Unglaublich weit zurück liegt die Zeit, ergänzte Bahr, in der die Berliner den Schlager sangen: "Afghanistan, Afghanistan, das geht Dich Aff' gar nichts an!" Das war aus Anlass des Besuchs des Königs Amanullah bei dem deutschen Reichspräsidenten. Ein Foto von Erich Salomon ging um die Welt. Man sah ein erleuchtetes Fenster im Amtssitz von Hindenburg, dahinter, das besagte die Bildunterschrift, war der König zu Gast.

Wesentlich später dann die Äußerung des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß über den Krisengürtel Kabul-Nairobi-Kapstadt. Damals spotteten wir, fuhr Egon Bahr fort, dass man nur bei einem Reisebüro anrufen musste, um festzustellen, dass es zwischen den drei Orten keine Zug-, Schiffs- oder Flugverbindung, ja, überhaupt keine denkbaren Kontakte gab. Das letztere wussten wir durch unsere Geheimdienste. Es war die Zeit, in der in Südafrika noch die Apartheid, in Südrhodesien die Diktatur des Kampfpiloten Smith herrschte. Von uns so weit entfernt wie die Steinzeit. Wie kam Franz Josef Strauß auf Kabul?

Bei dem Einmarsch der Russen, so Bahr, der einen gefährlichen Moment darstellte, weil in jenen Tagen auch der Oberschenkel von Marschall Tito amputiert wurde, also eine Destabilisierung Jugoslawiens drohte, besaßen wir im Auswärtigen Amt einen einzigen Referenten, der für Afghanistan zuständig war.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz, an der Egon Bahr teilnahm, ging es um die Perspektive, in wie vielen Jahren nach dem vermutlichen Rückzug der US-Kampftruppen mit einer Konsolidierung des Landes zu rechnen sei. Was heißt Konsolidierung, war seine Gegenfrage. In jedem Fall, sagte Bahr, handelt es sich um eine Zeitgestalt, die mit dem Lebenslauf eines Einzelmenschen nicht zu vergleichen ist. Der kluge Sicherheitspolitiker, unentbehrlich in seinem Reichtum an Erfahrung, war zu diesem Zeitpunkt 88 Jahre alt. Er bewegte sich rasch.

dctp

Die Politik der Zähne (aus "Das Bohren harter Bretter". 133 politische Geschichten")

In der kambrischen Revolution bildeten sich Knochen und, in den Mäulern befestigt, die Zähne heraus, so dass sich Lebewesen von anderen Lebewesen ernähren konnten, privilegierte Angreifer, Raubtiere.

Seither stehen einander Angriffs- und Verteidigungswaffen gegenüber.

dctp

Eine Jeanne d'Arc des produktiven Zweifels

"Vermiedene Kriege kommen später." Gestützt auf seine statistischen Untersuchungen neigte der Bargfelder Meteorologe Fehse (anknüpfend an den Wetterforscher Richardson) zu depressiven Schlüssen. "Unterlassene Kriege", behauptete er, führten zu einem Stau der Aggressionspotentiale. So dass der später dann doch ausbrechende Krieg umso grausamer sein werde, je länger die Pause zum vorhergehenden gedauert habe.

Dem widersprach die Geliebte eines Philosophen in Frankfurt, die es ablehnte, in solcher Weise zu empfinden. Wissen unterliege nämlich dem Primat der Empfindung. Sie wolle von einer deprimierenden Statistik nichts wissen. Auch hatte sie schriftlich Fragen an den Sicherheitsexperten Egon Bahr zu Händen von dessen Institut in Hamburg gerichtet, die ihr beantwortet wurden. Sie bemühte sich, Konflikte aufzuzählen, die "sich selbst vergessen" hätten.

Sie gebe zu, fuhr die Leidenschaftliche fort, dass MINENFELDER DER GESCHICHTE, würden sie vergessen, sich mit Zufall und nachfolgendem Tun der Menschen aufladen könnten, so dass der Anschein entstünde, das Schicksal hecke Junge und könne sich fortpflanzen. Dies beruhe aber darauf, dass solche historischen Hinterlassenschaften neben und unabhängig von der Aufmerksamkeit von Menschen existierten. Das wolle sie als Gefahr niemals verkennen. Sie hatte auf Reisen, die sie als Model durchführte, männliche Jugend fremder Länder beobachtet, ohne an ihnen eine "primäre Wut" feststellen zu können. Ihrem Geliebten gefiel, was sie vortrug. Sie führte ihre Gedankenskizze als eine große Zahl von mit Heftklammern verbundenen Notizen mit sich. Er ließ sich von ihrer Suada berauschen, ihrer Lebhaftigkeit, auch wenn er auf Gutmütigkeiten von Menschen deutlich weniger vertraute als sie.

dctp


Weiterführendes zum Thema:

Fotos aus Bahrs Lebens: Seine Karriere in Bildern

Fotostrecke

17  Bilder
Nachruf: Das Leben von Egon Bahr

Bahr und die Ostpolitik: Der Mann der geheimen Kanäle von Severin Weiland

Zum Tode Egon Bahrs: Er war ein Glück für uns Persönliche Erinnerungen von Gerhard Spörl

Nachruf: Wegbereiter der Einheit Von Karl-Ludwig Günsche

Überblick: Die Themenseite

Mehr Filme von Alexander Kluge: auf dctp.tv



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.