Gemälde von Egon Schiele Die Nazi-Hypothek

Zwei unterschiedliche Fälle des Umgangs mit NS-Raubkunst: Sotheby's und Christie's versteigern jeweils ein Werk Egon Schieles - dabei zeigt sich, dass Restitution sich auch für das Auktionshaus lohnt.

Kunstsammler Fritz Grünbaum, hier 1925: Tod in Dachau
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Kunstsammler Fritz Grünbaum, hier 1925: Tod in Dachau


New York/Hamburg - Zwei Schiele-Bilder, zwei hohe Gebote - und zwei gegensätzliche historische Einordnungen: In New York sind jetzt unabhängig voneinander zwei Bilder des Malers Egon Schiele versteigert worden, die sich bis 1938 in Besitz des Kabarettisten Fritz Grünbaum befunden haben. Grünbaum war aufgrund seiner jüdischen Konfession während der NS-Zeit massiver Verfolgung ausgesetzt. Mit der Frage nach Restitution gingen die Auktionshäuser Christie's und Sotheby's unterschiedlich um.

Die Zeichnung "Sitzende mit angezogenem linken Bein (Torso)" von 1917 wurde laut Sotheby's für 1,325 Millionen US-Dollar versteigert. Vorher war das Bild auf 1,2 bis 1,8 Millionen Euro geschätzt worden. Anschließend wechselte das Landschaftsbild "Stadt am blauen Fluss (Krumau)" bei Christie's bei einem Schätzpreis von 1,2 Millionen US-Dollar für 2,965 Millionen US-Dollar den Besitzer.

Der deutliche höhere Betrag für "Die Stadt am blauen Fluss (Krumau)" kam dadurch zustande, dass der Kaufpreis unter den Verkäufern und den Grünbaum-Erben aufgeteilt wird: eine nicht unübliche Regelung bei Restitutionsfällen. Das Landschaftsbild konnte vom Käufer sozusagen ohne historische Hypothek gekauft werden - eine Tatsache, die mit Sicherheit den deutlich höheren Preis begründet. Restitution lohnt sich also auch für das jeweilige Auktionshaus.

Fritz Grünbaum wurde 1938 nach Dachau deportiert

Wie Der SPIEGEL berichtete, hatte Christie's bereits 2005 den Auftrag erhalten, das Gemälde zu versteigern. Bei der Erforschung der Provenienz fiel den Experten aber der Name des einstigen Besitzers auf: Fritz Grünbaum, in den Zwanzigerjahren in Wien eine Berühmtheit, wurde 1938 ins Konzentrationslager Dachau deportiert, wo er 1941 an Tuberkulose starb. Seine Kunstsammlung, die unter anderem rund 80 Werke Schieles umfasste, wurde 1938 eingelagert.

Was anschließend mit ihr passierte, ist nicht geklärt. Ab den Fünfzigerjahren, sagt Herbert Gruber, der für die Grünbaum-Erben den Verbleib der Sammlung erforscht, seien Bilder vom Schweizer Kunsthändler Eberhard Kornfeld verkauft worden. Den Christie's-Experten reichten diese Informationen. Sie nahmen Kontakt zu Grünbaums Erben auf. Daraufhin einigten sich Besitzer und Erben auf die beschriebene Regelung, den Erlös der Versteigerung aufzuteilen.

Sotheby's verweist auf ein Gerichtsurteil von 2012

Sotheby's dagegen ging mit der Vergangenheit des zweiten Schiele-Bildes komplett anders um, das ebenfalls einst Grünbaum gehörte: In der Provenienz des Gemäldes ist für die Zeit nach Grünbaums Tod dessen Schwägerin Mathilde Lukacs-Herzl angegeben. Ob Lukacs-Herzl, die selbst Jüdin und während des "Dritten Reichs" interniert war, tatsächlich im Besitz der Bilder war und diese an den Kunsthändler Kornfeld veräußern konnte, wird von den Erben bezweifelt. Zudem sei unklar, ob Lukacs-Herzl überhaupt rechtmäßige Erbin Grünbaums gewesen ist. Im Lost-Art-Register der Koordinierungsstelle für Raubkunst von Bund und Ländern ist die fragliche Zeichnung gelistet.

Sotheby's selbst verweist aber auf ein Urteil des Berufungsgerichts New York von 2012, in dem festgestellt wurde, dass die Familie Grünbaum zu lange mit der Forderung gewartet habe und es zudem nur unzureichende Beweise dafür gebe, dass das Bild gestohlen worden sei. "Nach acht Jahren Rechtsstreit haben die US-Gerichte klar festgestellt, dass die Arbeit nicht von den Nazis geraubt wurde", kommentierte Sotheby's-Sprecherin Selei Serafin Auktion.

kku

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