Ehe für alle Bastion der Liebe und der Träume

Kaum ist die Ehe für alle da, meckern in entlegenen Ecken des Internets Menschen über diese überholte Institution. Warum macht man anderen mies, was man lediglich für sich ablehnt? Antwort: Kränkung.

Gay Pride
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Eine Kolumne von


Lassen sie uns heute über Kränkungen sprechen. Also ich spreche. Sie nicken begeistert. Alles wie immer. Wenn man ab und zu Fernsehen schaut, sie wissen schon, Arte, 3Sat wegen der Dokus, wenn man also Dokumentationen über die Welt sieht, die immer von einem Mann mit getragen tiefer Stimme kommentiert werden, den man einmal richtig ins Gesäß kneifen möchte, damit er aus seinem sonoren Tonfall gelangt, dann regen sich beim Betrachter Fernweh und Liebe für die Menschheit.

Aus welchem Teil der Erde die Dokus auch stammen mögen, immer sind herzensgute Menschen am Folklore- und Traditionmachen. Sie fischen mit Stangen, machen Kartoffeldruck und Urban Gardening, sie ergehen sich in Volkstänzen, Volksfesten, Gärtnern oder sind sonst wie liebevoll mit der Erde unterwegs. Alles sieht authentisch und putzig aus in den Filmen, die auch hochgradig authentischen Menschen betonen, dass sich genau der Ort, aus dem sie stammen, durch seine Lieder auszeichnet. Seine Nahrung, den Wein und die tollen Familien, die irgendwie wichtig sind. Früher, also vor einiger Zeit, als man die Welt noch bereiste, schnappte man sich seinen Kulturbeutel und fuhr in diese einzigartigen Länder, und was man antraf, waren meistens Industriebrachen, verstopfte Straßen, dreckige Luft, gehetzte Leute.

So, jetzt fällt mir bei aller Anstrengung keine Überleitung zum Thema Kränkung ein. Ich wollte irgendein Universum auftun, um philosophisch zum Thema Ehe für alle überzuleiten. Das ist logisch schon möglich, aber genauso sinnlos wie die Diskussionen die mir unbekannte Menschen in großer Zahl gerade im Internet führen. Ehe für alle, ja klar. Aber!

Ohne das Feuer einer persönlichen Niederlage regt man sich doch nicht so auf

Sie kennen dieses Aber, es deutet immer darauf hin, dass irgendjemand irgendetwas besser weiß. Entweder weil er davon las, oder schlechte Erfahrungen gemacht hat: "Ich habe nichts gegen Juden, aber - meine Bank hat mir keinen Kredit bewilligt." Oder: "Ich habe nichts gegen die Ehe für alle, aber - ist es nicht an der Zeit, die Ehe generell abzuschaffen?" Von finanzieller Bevorteilung ist die Rede (selbst in Ländern wie der Schweiz, in denen man als verheirateter Mensch mehr Steuern zahlt) von Spießigkeit und Verstaubtheit, darauf ein herzliches: WTF! Das Netz scheint voller Ehehasser zu sein, die in Tausenden Kommentaren die Hölle dieser Vereinbarung beklagen, mit einer Vehemenz, der eine Kränkung zugrunde liegen muss. (Ich hab den Anschluss zu den Dokus immer noch nicht.)

Ohne das Feuer einer persönlichen Niederlage regt man sich doch nicht so auf. Oder macht die Erfindung des Hosenumsäumens genauso wuschig? Der seltsame Sattel beim Westernreiten, die Angewohnheit einiger, ihren Balkon zu bepflanzen oder Hamster zu halten? Wenn ein Mensch in der westlichen Welt nicht heiraten will, kann er es doch einfach für ein schrulliges Hobby von drolligen Leuten halten und ruhig sein. Einfach mal die Klappe halten. Und die anderen beherzt heiraten lassen.

Sie sollen sich daran erfreuen, dass sie eine Verpflichtung eingegangen sind und der Mensch an ihrer Seite jetzt ihre Familie ist. Sie sollen doch nicht wegen irgendwelcher imaginärer Kinder heiraten (um Menschen zum ungeschützten Kopulieren zu animieren, wären kostenlose Krippen und Kindergartenplätze und ein netterer Umgang mit Kindern auch geeigneter als die Ehe), sondern wegen der furiosen Idee, mit dem Menschen den sie lieben, hundert Jahre aufzuwachen, gemeinsam im Grab zu liegen und ihn meine Frau oder meinen Mann nennen zu dürfen. Sehr viele macht eine Ehe glücklich, sie berichten von einer neuen engen Verbindung und von der Niedlichkeit des Festes, von Kitsch und Tränen. Und wer seid ihr, notorisch Gekränkte, etwas, das ihr für euch ablehnt, anderen verbieten zu wollen?

Heiraten ist ein seltsam sinnloser Akt. Eine Bastion der Liebe und der Träume in einer düsteren Welt. Menschen, die sich mögen, sollten das Recht auf ihren Traum haben, der niemanden etwas kostet, etwas wegnimmt, der niemandem schadet und genauso Quatsch ist, wie das meiste, was wir im Verlauf unseres Lebens so anstellen. Was ich eigentlich sagen wollte, im Hintergrund läuft gerade eine Dokumentation über ein Familienfest:

Lasst doch alle, die anders sind als ihr, bitte einmal in Ruhe, bitte.

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insgesamt 120 Beiträge
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Seite 1
nesmo 01.07.2017
1. Ehe für die, die anders sein wollen?
Das ist das Fazit des Artikels, lasst sie doch, wenn sie anders sein wollen als die Ehegegner. Nun ist es aber gerade anders herum. Ehebefürworter wollen so sein, wie es zur Tradition gehört. Und Schwule wollen dies nun auch, sie wünschen sich als "höchsten Sinn" für ein erfülltes Leben den gleichen formalen Status, mit den gleichen Zeremonien und gleichen Auszeichnungen. Sie alle wollen gleich und im Einklang mit tiefsten archaischen Traditionen sein. Anders ist anders.
BlackRainbow666 01.07.2017
2. Das Problem ...
... ist doch nicht, dass hier Anderssein verboten werden soll, sondern dass es schwer verständlich ist, warum jemand, der natürlicherweise anders ist als der tumbe Mainstream, gerne näher an ihn heranrücken möchte. Insofern ist es sicher eine "Kränkung", zu sehen, dass das Anderssein in diesem Fall gar nicht gewollt ist. Wie immer habe ich die Menschen einfach überschätzt. Wenn jemand jahrelang von mächtigen Insitutionen unterdrückt wird und diese ihm dann sagen: "Schau mal, ein Leckerli!", sollte er schon Rückgrat haben und anworten: "Nett. Kannste behalten!" Ähnlich ist es z.B. mit der Frauenquote. Voll toll, dass Frauen jetzt auch wichtige Rollen Unternehmen spielen sollen, die in einer ausbeuterisch kapitalistischen Welt nach männlichen Regeln spielen. Um diese Probleme zu ändern, braucht es keine heuchlerischen Zugeständnisse von oben, sondern alternative Lösungen von unten.
morgenmagazin 01.07.2017
3. Danke!
Beitrag
haiti 01.07.2017
4. Wie bitte?
Sie rücken also Kritiker der Ehe in die Nähe von Antisemititen? Schon ein starkes Stück. Vielleicht geht es bei der Ehe für alle darum: Wer zusammen sein will und entsprechende Rechte deswegen genießen möchte, soll dies gefälligst nach christlich-abendländischen Muster tun. Und deswegen ist die Ehe für alle eine im Grunde sehr konservative Sache.
jimbofeider 01.07.2017
5. Bestes
Liebe Frau Berg, wir sind meistens von wohlmeinenden Mitmenschen umgeben. Die einenem sagen wenn man etwas vorhat sagen, tu das tu dies, ich habe es selbst erlebt, das war gut, jenes schlecht u.sw. Glaube mir ich will dochnur dein Bestes. Meine Antwort darauf ist, mein Bestes gebe ich dir nicht, das behalte ich für mich.m.f.G.
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