Ehemaliger Kindersoldat Beah: "Wer ihn kennen lernt, will ihn beschützen"

Schrieb Ishmael Beah die Wahrheit über sein Leben als Kindersoldat? Kann man die grausamen Details nachrecherchieren? Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die Verlegerin Sarah Crichton über die Zusammenarbeit mit ihrem Erfolgsautor.

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Afrika: Der Kinderkrieg
SPIEGEL ONLINE: Frau Crichton, das Buch "A Long Way Gone – Memoirs Of A Boy Soldier" wird von "Starbucks" verkauft, schaffte es auf Platz eins der amerikanischen Bestsellerlisten. Warum?

Crichton: Weil es eine liebevolle Geschichte erzählt. Weil es Afrika erklärt. Weil es den Menschen keine Angst macht. Und weil Ishmael ein wunderbarer Junge ist und ein begnadeter Autor. Er erinnert sich an jeden Tag seines Lebens, er hat ein außergewöhnliches Gedächtnis, er schreibt mit Erfahrung und Herz, und er schafft es, im Rückblick aus der Sicht dieses Zwölfjährigen zu schreiben, der in den Krieg gerät.

SPIEGEL ONLINE: Ishmael Beah kam aus dem Bürgerkrieg von Sierra Leone nach New York. Mussten Sie ihn führen, ihm erklären, wie Medien funktionieren?

Crichton: Ich hatte gedacht, dass ich seine Co-Autorin sein würde, aber so kam es dann nicht. Es ist das Buch eines Jungen aus Afrika, und ich bin eine 50-jährige Frau aus Manhattan – kein Wort in dem Buch ist von mir. Meine Rolle war eher die einer Reporterin: Ich habe ihm Fragen gestellt, ich habe Ishmael dabei geholfen, sich seine Leser vorzustellen, sich darüber klar zu werden, was er sagen wollte und wie er es sagen konnte. Er kam morgens in mein Büro, zeigte mir, was er geschrieben hatte, das besprachen wir eineinhalb Stunden lang, und dann ging er, überarbeitete den Text und kam am nächsten Morgen wieder. Das war hart für ihn, bitter und grausam, all die Dinge immer wieder zu erleben, die er hinter sich hatte.

SPIEGEL ONLINE: Sie mussten Therapeutin und Seelsorgerin sein?

Crichton: Jeder, der Ishmael kennen lernt, will ihn beschützen. Er hat etwas Magisches, und er ist nicht zerbrechlich: Er hat unfassbare Ereignisse überlebt und ist dort herausgekommen, er ist sehr zäh und stark, aber er hat genug gelitten, und wir alle wollen, dass er endlich aufgefangen und in Sicherheit ist.

SPIEGEL ONLINE: Woher wissen Sie, dass seine Geschichte stimmt?

Crichton: Durch ständiges Fragen. Immer wieder von vorne und von allen Seiten.

SPIEGEL ONLINE: Das genügte?

Crichton: Nein, aber man kann durch ständiges Fragen herausfinden, wer eine wahre Geschichte erzählt. Da kam dann noch vieles hinzu: Ich war lange Zeit Journalistin, bei "Newsweek" und anderswo, und ich kannte deshalb Korrespondenten, die über den Krieg berichtet hatten; ich konnte vieles überprüfen. Botschafter habe ich angerufen, alle Experten, die ich finden konnte. Und auch Unicef und die Vereinten Nationen würden Ishmael ja nicht für die Anliegen von Kindersoldaten sprechen lassen, wenn sie nicht wüssten, dass seine Geschichte wahr ist. Wichtig war allerdings auch, die Stellen, die offen sind, zu benennen, und es offen auszusprechen, wenn er sich mal an einen Namen nicht erinnert. Kein Gehirn eines Zwölf- oder Dreizehnjährigen kann all die Drogen aushalten und trotzdem immer klar denken. Gesagt habe ich ihm: "Du glaubst, die Rebellen waren grausam, aber wenn ein Wort in dem Text gelogen ist, wirst du erfahren, wie grausam ich sein kann."

SPIEGEL ONLINE: Ungewöhnlich ist der Aufbau des Buches. Nach 100 Seiten Kindheit und Flucht kommen wenige Seiten Krieg, dann schon die Rettung, und erst in der Therapie erinnert Beah sich an all die Details.

Crichton: Das war seine Idee. Zum einen ist es wichtig, dass die Leser ihn kennen lernen, bevor er in die Kämpfe hineingeht, dass sie verstehen, dass da sehr viel mehr ist als die Morde. Ja, er war ein Killer, aber er hatte vorher seine Würde, und er war in der Lage, diese Würde hinterher wieder zu finden, und er wurde zum nettesten jungen Mann, den Sie sich vorstellen können. Zum anderen war es ja wirklich so: Während er Kindersoldat war, stand er unter Drogen, er blendete aus, was er tat, um es zu überleben. All das wurde ihm erst in der Therapie wirklich klar.

SPIEGEL ONLINE: Wird es eine Fortsetzung geben, ein zweites Buch?

Crichton: Vielleicht. Viele Leser fragen, wie er nach New York kam, wie er Amerika erlebt, wie es weiter ging. Vielleicht wird er es aufschreiben. Er denkt auch über einen Roman nach. Aber vielleicht macht er am Ende etwas ganz anderes: Ishmael ist im Moment auf einer Mission, er möchte Sierra Leone helfen, und ihm ist wichtig, dass Kindersoldaten nicht einfach aus dem Krieg herausgenommen werden können und geheilt sind – sie sind traumatisiert, sie brauchen Zeit und Fürsorge. Vielleicht macht er eher auf dem politischen Weg weiter.

SPIEGEL ONLINE: Überrollt Ishmael Beah nun der Erfolg?

Crichton: Er genießt den Erfolg, und das Echo wundert ihn, das hatten wir ja alle nicht erwartet. Ich hatte gedacht, das Buch würde etwas für Studenten sein, darum wollte ich es ja auch kurz halten: "Streiche, streiche, streiche", das waren die Worte, die ich ihm immer wieder gesagt habe. Und ich hatte gehofft, der Text würde etwas für Menschen sein, die sich für Afrika interessieren, ich hatte gehofft, dass Filme wie "Blood Diamond" eine Atmosphäre der Neugierde geschaffen hätten. Aber so? Über 20 Auslandsausgaben, Platz eins in Amerika? Keiner hatte das erwartet, und manchmal denke ich, ihm ist das alles zu viel: Er wollte sich schon die Haare abschneiden, weil die Menschen ihn inzwischen auf der Straße erkennen. Wie groß das alles geworden ist, ahnt er noch nicht einmal.

SPIEGEL ONLINE: Auch Mohammed, sein Freund aus der Zeit vor dem Krieg, kam heil heraus, er lebt inzwischen in Australien.

Crichton: Ja, die beiden telefonieren. Ishmael hat Mohammed Turnschuhe geschickt. Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis er herausfindet, dass er sich inzwischen ein Flugticket nach Sydney leisten kann.

Das Interview führte Klaus Brinkbäumer

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Zur Person
Ishmael Beah, war zwölf, als er seinen ersten Mord für die Regierungstruppen Sierra Leones beging. Nach seiner Befreiung wurde er nach New York City adoptiert und schrieb den Bestseller "Rückkehr ins Leben" über seine Erlebnisse als Kindersoldat. Lesen Sie hier die ganze SPIEGEL-Geschichte.