Ein Wort und seine Geschichte: Woher kommt das Handy?

Von Dietmar Pieper

Wer hat's erfunden? Nach dem Beginn des digitalen Mobilfunks vor 15 Jahren eroberte ein eigentümliches Wort die deutsche Sprache: Handy. Sowohl Motorola als auch Telekom beanspruchen die Urheberschaft, aber dennoch bleibt der Ursprung des Begriffs im Dunkeln.

Was hat fünf Buchstaben und nervt? Natürlich das Handy. Und wer hat's erfunden (nein, nicht das Gerät, das Wort)? Um es gleich zu sagen: Niemand weiß es genau. Kein Sprachwissenschaftler, Firmenarchivar oder Telefonfetischist hat es bisher geschafft, die Mutter oder den Vater des Wörtchens "Handy" zweifelsfrei ausfindig zu machen.

Neuester Handy-Fetisch: Das iPhone
DPA

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Das ist sehr erstaunlich. Denn erst 15 Jahre ist es her, dass der digitale Mobilfunk in Deutschland den Betrieb aufnahm. Aus ein paar tausend belächelten, verfluchten (und heimlich auch beneideten) Typen, die ihre teuren und klobigen Elektronik-Knochen immer zur falschen Zeit klingeln ließen, ist in dieser kurzen Zeit ein gewaltiges Millionenheer geworden.

Mittlerweile gibt es mehr Handys als Menschen im Lande. So ist das Handy jünger und aufregender als der PC, die CD oder der Punk-Rock. Aber wer um alles in der Welt hatte zuerst die Idee, ein mehrere hundert Gramm schweres Gerät als "Handy" zu bezeichnen, was englisch klingt und also irgendwie international, obwohl es so deutsch ist wie "Bratwurst" oder "Blitzkrieg"? In der englischsprachigen Welt heißen die kleinen Dinger bekanntlich "cell phone" oder "mobile".

Die heißeste Spur führt zur Telekom, die einmal ein Teil der Deutschen Bundespost war. Wir schreiben das Jahr 1988. Es ist eine fremde, kommunikationsfeindliche Welt, in der Funktelefone gewöhnlich in Autos eingebaut werden, weil sie zu schwer sind, als dass ein vernünftiger Mensch sie mit sich herumschleppen würde. Aber es gibt auch Leute mit Visionen, sogar bei der Bundespost. Der Staatsmonopolist ist gerade dabei, in die unendlichen Weiten des Kommunikationszeitalters aufzubrechen. Die Generaldirektion Telekom wird gegründet.

Und hier beginnt die Geschichte von Josef Kedaj, einem leitenden Postbeamten, der heute 72 Jahre alt ist und in St. Augustin bei Bonn lebt. 1988 fällt in der Generaldirektion Telekom der Entschluss, 10.000 Stück des Telefongeräts "Alcatel Poctel C3/SEM 340" anzuschaffen und zu Preisen von rund 10.000 D-Mark an die werte Kundschaft zu bringen. Für Deutschland ist das etwas völlig Neues, denn man kann das "Alcatel Poctel", das ein gutes Pfund wiegt, überall mit sich herumtragen und notfalls in die Jackentasche stecken - im Unterschied zu Autotelefonen oder kiloschweren "Portables". In einigen anderen Ländern, zum Beispiel in England, sind die neuen "Handheld"-Telefone schon etwas länger auf dem Markt.

"Handheld", das ist das Stichwort. "In einer internen Brainstorming-Runde", so erinnert sich Josef Kedaj, sucht man in der Generaldirektion Telekom nach einem griffigen Namen für das neue Mobilfunk-Gerät. Irgendwer, vielleicht eine Sekretärin, murmelt das Wörtchen "Handy". Und damit, sagt Kedaj, wäre also der Name gefunden, der in der deutschen Sprache bald eine enorme Karriere machen wird.

Jedenfalls habe er "in internen Rundschreiben an den Vertrieb" die neue Wortschöpfung offiziell verwenden lassen. "Ich hatte die Möglichkeit, das anzuordnen." Es gibt auch einen früheren Kollegen Kedajs, der diese Geschichte bestätigt.

Wie kam das "Handy" in die Umgangssprache?

Trotzdem hat die Sache zwei Schönheitsfehler. Erstens: Die Post schreibt nicht "Handy" auf ihr schönes neues Gerät, sondern "Pocky". Zweitens: Niemand, weder Josef Kedaj, noch die alten Kollegen, noch die freundliche Pressestelle von T-Mobile, kann irgendein Schriftstück aus der damaligen Zeit auftreiben, in dem ein Funktelefon als "Handy" bezeichnet wird.

Wie also kam das "Handy" in die Umgangssprache? Es gibt noch ein paar andere Vermutungen, die bis auf eine völlig vage bleiben. Diese eine geht so: 1940 stellt die US-Firma Motorola ein neues Funkgerät vor, das vor allem im Krieg zum Einsatz kommt. Weil es relativ leicht ist und an einem Schultergurt getragen werden kann, wird der neue Sendeempfänger als "Handie-Talkie" bezeichnet, im Unterschied zum schwereren "Walkie-Talkie", das für den Rucksack gebaut ist. In der PR-Abteilung von Motorola ist man überzeugt, dass so ein halbes Jahrhundert später auch das deutsche Wörtchen "Handy" in die Welt kommt: "Da ein Handy vom Grundprinzip nicht anderes ist als ein Funkgerät, ist uns der Name erhalten geblieben."

Wirklich? Die Experten des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim haben die Motorola-Geschichte vom "Handie-Talkie" geprüft – und verworfen. "Wir haben nicht geglaubt, dass dieser Zusammenhang Anfang der neunziger Jahre noch bekannt war und demzufolge eine Rolle gespielt haben kann", sagt Doris Steffens vom "Projekt Neologismen" des Sprachinstituts.

Ein bessere Erklärung können die Mannheimer Linguisten aber auch nicht anbieten. Sie mutmaßen nur ganz allgemein, "Handy" sei entweder von dem englischen Adjektiv "handy" abgeleitet, das "praktisch" oder "handlich" bedeutet, oder von englisch "hand" wie "Hand". Schlauer wird man dadurch eigentlich nicht.

Bleibt leider nur noch die schwäbische Theorie. "Handy" kommt danach von der Frage: "Hen die koi Schnur?"

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