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Eine Woche nach dem Sieg: Bye-bye, Obamania

Von , New York

Ernüchterung erfasst die USA. Eine Woche nach Barack Obamas spektakulärem Triumph beginnt die Nation, sich auf ihre monumentalen Probleme zu besinnen: Manche fürchten eine Enttäuschung - und fragen, was der neue Präsident wirklich ändern kann.

Upper West Side, in der Pizzeria "Patsy's". Es hat ein paar Tage gedauert, aber die fünf New Yorker haben es schließlich doch noch geschafft, sich zu einer privaten kleinen Siegesfeier für Barack Obama zu treffen. "Ich habe geheult wie ein Kind", berichtet einer.

Die Runde nickt. Alle haben sie geheult.

"Yes, we did!" Man prostet sich zu, die Stimmung ist ausgelassen. Einer ruft: "Endlich gehört New York wieder zu Amerika!"

Da fragt einer: "Und was wird jetzt anders für uns?

Die Runde ist verdutzt. Schweigen. Dann zögerlich: George W. Bush ist weg. Die Demokraten sind an der Macht. Und natürlich, ein Afroamerikaner ist im Weißen Haus.

Was die Frage nicht beantwortet.

Vor genau einer Woche wurde Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA gewählt. Es war ein historischer Abend, an dem das "Obama-Zeitalter" ("Newsweek") respektive die "Ära Obama" ("Nation") begann.

Und das Nachdenken darüber, was Obama wirklich ändern kann.

Was wird der neue mächtige Mann bewirken - hier in New York, aber auch "in den Hinterhöfen von Des Moines und in den Wohnzimmern von Concord", wie es Obama bei seiner Jubelparty im Grant Park formuliert hat? Was wird bleiben von jenen erhebenden Momenten seines Triumphs?

"Generation O"

Die USA haben in Woche 1 nach Obamas Wahlsieg einen Rausch der Gefühle durchgemacht, einen Medien-Hype um seine ersten Schritte als "President-elect". Die Bilder der neuen First Family beim Antrittsbesuch im Weißen Haus ließen viele Kolumnisten im siebten Himmel der Superlative schweben: "Dies ist nicht derselbe Ort, der es mal war", schrieb Bob Herbert in der "New York Times" über das "neue Amerika".

"Nie zuvor zu unseren Lebzeiten hat uns ein einzelnes Ereignis stolzer auf unser Land gemacht", verkündete Kurt Andersen im Magazin "New York". Dessen Cover zierte am Montag ein Baby im Obama-T-Shirt: Grace Isabela Mills, geboren am 4. November 2008, Symbol der "Generation O". Die spirituelle Autorin Marianne Williamson sprach gar von "Amerikas geistiger Erweckung".

Doch in das Aufbruchsgefühl mischen sich zusehends auch andere Töne. "Es ist Zeit, das Obama-Glühen hinter sich zu lassen", schreibt "New York Times"-Meinungsredakteur Lawrence Downes. Wray Herbert hält es in "Newsweek" eine Woche nach dem Sieg für angebracht und "nur fair, sich zu fragen, wie wir die Begeisterung und den guten Willen in die Zukunft retten können. Ist es möglich, das aufrechtzuerhalten - oder tappen wir damit nur in die Falle der Enttäuschung?" Für die kommenden Wochen prophezeit das Magazin eine "unvermeidliche Ernüchterung".

"Diese Wahl zeigt ein Verlangen des amerikanischen Volkes, die sterilen Dämlichkeiten des Rassismus hinter sich zu lassen", notiert der britische Dramatiker Johann Hari im Politblog Huffington Post. "Doch dies ist erst die Mitte der Geschichte, nicht das Ende."

"Der Jubel wird verblassen, die Rezession bleiben"

Die Wahrheit ist: Die USA sehen in Woche 1 nach Obamas Wahlsieg genauso aus wie davor. Vor der Suppenküche der katholischen Kirche St. Francis Xavier in Manhattans 16th Street stehen Dutzende Obdachlose Schlange, wie jeden Tag - die meisten von ihnen Schwarze. Auf dem Union Square, wo in der Wahlnacht spontan die Nationalhymne angestimmt wurde, sind es wieder die Gemüsehändler, die mit ihrem Preisgeschrei den Lärm machen. Der Verkehr quält sich chaotisch wie immer über den Times Square, man hupt, brüllt, zeigt gelegentlich den Stinkefinger.

Kaum zu glauben, dass sich hier kürzlich Jung und Alt, Schwarz und Weiß, Fremde und Freunde heulend in den Armen lagen. Die Normalität ist zurück, und manches erinnert dabei an die Zeit nach dem 11. September 2001. Auch da sah man in New York plötzlich Solidarität und Idealismus; die Leute grüßten sich, erkundigten sich gegenseitig nach dem Wohlbefinden. Diesmal hielt das Gemeinschaftsgefühl nur Tage, nicht Wochen.

Wer verstehen will, warum so schnell Zweifel an der neuen Euphorie aufkommen, muss sich die Größe von Obamas Aufgabe vor Augen führen.

Die Wirtschaftslage in Woche 1: Die Börsen gerieten schon am Tag nach der Wahl wieder ins Trudeln, Unternehmen wie GM stürzten noch tiefer in die Krise als davor, die Post-Tochter DHL kündigte die Entlassung Zehntausender Mitarbeiter an, um nur drei desaströse Nachrichten zu nennen - und mit derlei Meldungen dürfte es noch länger weitergehen.

"Der Jubel wird verblassen", schreibt David Remnick, Chefredakteur des Intellektuellen-Magazins "New Yorker". "Bleiben wird eine wachsende globale Rezession, Kriege im Irak und in Afghanistan, eine bröckelnde Infrastruktur, ein klappriges, ungerechtes Gesundheitsversorgungssystem, schmelzende Polkappen - ganz zu schweigen von der Krise, die aus dem Nichts kommt."

Zur Erinnerung: 45 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Vier von zehn US-Kindern wachsen in Armut auf. Noch immer gibt es segregierte US-Schulen - und schwierige gesellschaftliche Debatten zu führen wie den Streit um die Homo-Ehe, die an jenem historischen 4. November 2008 per Volksabstimmung in Kalifornien, Florida und Arizona verboten wurde.

"Wir stimmen für den Nigger!"

Corey Booker, der 39-jährige Bürgermeister der maroden Stadt Newark in New Jersey und ein Freund Obamas, drückt es so aus: "Amerikas Verheißung ist längst nicht für alle real."

Künftig ist das Obamas Problem.

Sicher, der Hauch der Geschichte ist in dieser Woche 1 zu spüren gewesen. Dass sich grundlegend etwas geändert hat, ist unumstritten, vor allem was die Rolle der Rasse in der US-Gesellschaft betrifft. "Obamas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten verspricht eine neue Ära der Rassenbeziehungen", schreibt das konservative "Wall Street Journal".

"Ich merke, wie sich die Leute anders anschauen", sagt James Scott, ein Fitnesstrainer im New Yorker Greenwich Village. Der Schwarze berichtet, dass ihn neuerdings Weiße ansprechen, ihn fragen, wie er sich fühlt - und ihm sagen, dass sie für Obama gestimmt haben. "Als hätte man auf einmal eine gemeinsame Connection."

"Wir haben jetzt keine Ausreden mehr", sagt der schwarze Sozialarbeiter Craig Franklin. "Wir haben unseren Präsidenten und können nun nicht mehr behaupten, dass wir unterdrückt werden. Wir können nicht länger die Opfer spielen."

Franklin fügt hinzu: "Ich gehe jetzt etwas aufrechter."

Aber es gibt auch andere Regionen im Land. Der Umfrageblog FiveThirtyEight notierte kurz vor der Präsidentschaftswahl eine groteske Szene, in der ein Obama-Wahlhelfer angeblich in Pennsylvania an eine Tür klopfte und die Hausfrau fragte, wen sie wählen wolle. Darauf soll der Gatte aus dem Inneren des Hauses fröhlich gerufen haben: "Wir stimmen für den Nigger!"

"Gott schütze unseren Präsidenten Obama"

Die Obama-Revolution ist auch in Bezug auf die Rasse bisher mehr ein Gefühl als eine "Bürgerrechtsrevolution" ("Chicago Tribune"). Es hat sich ja nichts daran geändert, dass 70 Prozent der schwarzen Babys in den USA unehelich geboren werden. Dass Schwarze sechsmal schneller hinter Gittern landen als Weiße. Dass Schwarze eher hingerichtet werden als Weiße.

Um derlei zu ändern, braucht es Jahre. Wie weit die "Generation O" dabei kommen wird, das kann jetzt noch keiner sagen.

Präsident Obama spielt Basketball, hat Jay-Z auf dem iPod, ist ein Intellektueller, der das Denken wieder en vogue hat werden lassen. Er mailte seinen Fans noch vor seiner Siegesrede ("Ich wollte Euch zuerst schreiben") und unterschrieb ganz zutraulich mit "Barack". In der Web-Community Facebook hat er mehr als drei Millionen registrierte Unterstützer, auf dem Portal Flickr hat er seine privaten Bilder der Wahlnacht online gestellt.

Buddy Obama.

Doch was bedeutet das für das eigene Leben?

Eine Woche nach dem historischen Moment: Das Leben rast weiter, auch an der Seventh Avenue in Manhattan. "Gott schütze unseren Präsidenten Obama", steht auf der Mitteilungstafel der Methodistenkirche Church of the Village. "Unser Land. Unsere Welt."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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1. Emotionen, Emotionen . .
gallenvogel, 11.11.2008
genau so virtuell wie die überzogenen Hoffnungen ist diese überzogene Ernüchterung, bevor der Präsident überhaupt amtiert.
2. Ernuechterung?
Hoosier 11.11.2008
Von Ernuechterung ob der Wahl kann ich hier im mittleren Westen nichts feststellen. Im Gegenteil. Seine erste Pressekonferenz wurde live uebertragen und abends mehrfach wiederholt. Man muss allerdings eines im Auge behalten. Der jetzige President ist GWB. Obama wird erst am 20. Januar 2009 President sein. Daher haelt sich seine "Macht" mometan auch in engen Grenzen.
3. na ja
Baden-Baden 11.11.2008
Na Ja Ernüchterung macht sich breit Gott sei Dank - Leider - Vergessen Sie es ...
4. Bitte Fehler korrigieren!
kurtwied, 11.11.2008
34% der Hingerichteten waren Schwarze. 57% Weiße. Zwar machen die Schwarzen nur 12% der Bevölkerung aus, allerdings gehen mit 59% der Morde auch überdurchschnittlich viele Morde auf ihr Konto. Also bitte schnell korrigieren. Es werden nicht mehr Schwarze hingerichtet als Weiße! Die Unterstellung von Rassismus ist hier falsch!
5. Das ist gut
baiatul, 11.11.2008
Zitat von sysopErnüchterung erfasst die USA. Eine Woche nach Barack Obamas spektakulärem Triumph beginnt die Nation, sich auf ihre monumentalen Probleme zu besinnen: Manche fürchten eine Enttäuschung - und fragen, was der neue Präsident wirklich ändern kann. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,589653,00.html
Wenn er das tut, was getan werden muss, nämlich viel mehr in Richtung soziale Marktwirtschaft zu schwenken, den Neolibs die Abfuhr zu erteilen, mehr Umweltschutz zu betreiben, das Spielen des Weltsheriffs einzustellen...dann sind die derzeitigen Probleme eigentlich auch ein gutes Pro-Argument, um diesen Richtungsschwenk vollziehen zu können. Daher braucht Amerika diese Probleme. Ohne diese Probleme würde sich Amerika nicht weiter entwickeln.
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