"Einen an der Klatsche" ProSieben feuert Christian Anders

Christian Anders hat bei ProSieben ausgedient. Gestern wurde der 60-jährige Esoteriker als "Burg-König" gefeiert, heute ist er Persona non grata bei dem Münchner Sender. Der Sänger mit den langen blonden Haaren hatte George W. Bush mit Adolf Hitler verglichen und einen antisemitischen Klassiker neu gereimt.

Von Henryk M. Broder


Sänger Anders: "Das war nie geplant"
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Sänger Anders: "Das war nie geplant"

"Das Glück gleicht dem Balle, es steigt zum Falle", hat schon Gottfried Benn gedichtet. Wie wahr der Satz ist, hat soeben Christian Anders erfahren müssen. Gestern war der Gewinner der jüngsten Reality-Show noch der "Burg-König" von ProSieben, heute will man bei dem Münchener Privatsender nichts mehr von ihm wissen und distanziert sich von dem Künstler, der vor 30 Jahren mit dem Lied "Es fährt ein Zug nach nirgendwo" bekannt wurde. Jetzt scheint der Zug am Ende der Reise angekommen zu sein.

Anders sollte am "Red Nose Day", der großen ProSieben-Benefiz-Show mit vielen Prominenten teilnehmen. So stand es zumindest seit Wochen auf seiner Website (www.christiananders.de), wenn auch unter einem falschen Datum. "Das war nie geplant, die Aussage ist falsch.", sagt die Pressesprecherin von ProSieben, Silke Bernhardt. Sie hat sich Anders' Website angesehen und kam zu dem Ergebnis: "Der Mann hat einen an der Klatsche."

Anders' Verlegerin und Promoterin, Elke Straube in Geising, die auch die Website betreut, bestätigt, dass sie "bereits einen Anruf des Senders bekommen" hat, mit der Aufforderung, den Hinweis von der Website zu entfernen. "Ich weiß nur, dass er vor kurzem eine Aufzeichnung für ProSieben gemacht hat." Für Anders' Auftritte sei dessen Manager zuständig, der sei aber zurzeit nicht zu erreichen.

"Ein Auftritt war nie geplant"

Wolfgang Scherer in Neuwied freilich, der außer Anders auch exklusiv seine eigene Tochter Corinna, 25, den Sänger Frank Lars exklusiv und gelegentlich Bata Illic und Nino de Angelo managt, weiß von nichts: "Ich gehe davon aus, dass Christian Anders wie geplant am 'Red Nose Day' teilnimmt." Zumindest habe er nichts Gegenteiliges vom Sender gehört.

Vor zwei Wochen habe man mit Christian Anders und Ex-Modern-Talking-Sänger Thomas Anders auf dem Münzplatz in Koblenz einen Beitrag für den 'Red Nose Day' zusammen mit dem Sender Antenne Koblenz produziert, berichtet Scherer. Vier Stunden hätten die Arbeiten gedauert und am Ende seien alle "sehr zufrieden" gewesen. Christian Anders habe sich "im Rahmen seines Vertrages für 'Die Burg' verpflichtet, an zwei weiteren Events teilzunehmen", einer davon sollte eben der 'Red Nose Day' sein. Pressesprecherin Bernhardt besteht jedoch darauf, dass "ein Auftritt von Herrn Anders in der Sendung nie geplant gewesen" sei. Ob man mit ihm etwas vorproduziert habe, das könne sie aus dem Stand nicht sagen: "Da muss ich noch mal nachfragen." In jedem Fall werde Anders am 11. März nicht beim "Red Nose Day" dabei sein, weder live noch als Einspielung.

Esoterik, Größenwahn und Propaganda

Die Gründe für den plötzlichen Liebesentzug können frei besichtigt werden. Irgendjemand bei ProSieben muss sich die Website des Sängers näher angesehen haben. Da räsoniert der "Burgkönig" über sich und die Welt und produziert dabei eine gruselige Mischung aus Esoterik, Größenwahn und rechtsradikaler Propaganda. Zum Bush-Besuch in Deutschland schrieb er einen "Kommentar", in dem es hieß:

"Nun kommt er also nach Deutschland, George Bush, einer der ganz großen Verbrecher dieses Jahrhunderts. George Bush ist viel schlimmer als Adolf Hitler, denn Hitler hat die Juden im Geheimen ermordet, Bush mordet die Iraker und andere Völker öffentlich. Sein dummdreistes Grinsen hätte sogar einen ansonsten friedlichen Menschen wie mich motiviert, ihm alle Zähne einzuschlagen. Stattdessen hofiert unser dunkelgetönter Operettenbuffo, Staatsschauspieler und Pleitegeier Kanzler Gerhard Schröder auch noch diesem Kriminellen. Bushs einziges Problem ist sein nicht vorhandenes Gehirn, welches er sich im Laufe der Zeit weggesoffen hat und sein dominanter Vater, dem das Papasöhnchen Bush immer was beweisen will. Aber ihr, Leute, die ihr diesem Verbrecher zuhört, ihr habt es nicht anders verdient. Wäre ich nicht Komponist, Sänger und Autor, dann hätten Leute wie Bush es fertig gebracht, auch mich zum Terroristen zu machen."

Diesen Text hat Anders vor ein paar Tagen von seiner Website genommen. Was man dort allerdings noch immer findet, ist ein Lied mit dem Titel "Der Hai", in dem Anders einen Antisemitismus-Klassiker, die "Protokolle der Weisen von Zion", in Reime umgesetzt hat. Da heißt es u. a.:

"Deutschland ist pleite, wir sind am Ende,
der Hai reibt sich vergnügt die Hände,
da kann ich manchmal schon versteh'n,
wie Leute auf die Barrikaden gehen,
sie werfen Bomben, rufen "du Schwein",
doch der Hai, der grinst: "Ich sperr euch ein!"
Ich hab die Macht, ich hab das Geld,
ich bin der Herrscher dieser Welt.
Ich schick euch täglich auf die Rolle,
ihr kennt sie nicht, "die Protokolle".
Auf sieben Säulen ruht die Welt,
sieben Familien haben das Geld,
Ob Rothschild, Cohn oder Donati,
man nennt uns auch Illuminati.
Mit Aids verseuchen wir die Welt,
und machen mit der "Heilung" Geld.
Du zahlst und zahlst und wirst verrecken,
so war's geplant wie mit den Decken,
die mit Pocken wir verseuchten,
um die Indianer zu verscheuchen,
die einst Amerika allein bewohnt."

Erstaunlicher noch als die Seelenverwandtschaft zum "Stürmer" ist der Umstand, dass es eine Weile dauerte, bis jemand darüber stolperte. So war es auch im Falle des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann. Und weil große Geister ähnlich ticken, findet man auch die Skandalrede von Hohmann auf der Seite von Anders, ergänzt um die Feststellung:

"War die Hohmann-Rede wirklich so schlimm? Oder hat man uns Deutsche bereits politisch so kastriert, dass wir im Land der Redefreiheit nicht mehr unsere Meinung kundtun dürfen, sondern nur noch als Sündenböcke und Steuerdeppen benutzt werden?"

Der einzige Deutsche, der politisch nicht kastriert ist und sich weder als Sündenbock noch als Steuerdepp benutzen lässt, ist offenbar Christian Anders. Er weiß, wie das Aids-Virus gezüchtet und planmäßig auf Homosexuelle und Schwarze angesetzt wurde. Und er kann beweisen, dass George Bush die Terrorangriffe vom 11. September angeordnet hat. Beinahe hätte er auch in einer Benefiz-Sendung für Not leidende Kinder mitgemacht.

Wenigstens diese Gefahr ist gebannt: ProSieben-Sprecherin Bernhardt: "Es wird keinen Auftritt und keinen Einspieler geben. Es wird gar nichts geben. Christian Anders wird bei ProSieben überhaupt nicht stattfinden."



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