Fußball-Fotografie der Siebziger: Eintracht Kräuterlikör

Von Felix Bayer

Mit Paule zur Meisterschaft! Eintracht Braunschweig ging in den Siebzigern in die Offensive: Der Sponsor Jägermeister holte Stars wie Breitner von Real Madrid, um den Club an die Spitze zu bringen. Der Fotograf Hartmut Neubauer hielt fest, wie der Kommerz in der deutschen Fußball-Provinz ankam.

"Die Vereinsfarben sind zwar ein kräftiges Dottergelb und ein tiefes Königsblau, aber dessen ungeachtet wieselte Eintracht Braunschweig stets nur als graue Maus durch die Bundesliga." So eröffnete das "Kicker"-Bundesliga-Sonderheft seinen Vorschauartikel für die Saison 1977/78 über den damals einzigen niedersächsischen Fußball-Erstligisten. Auf den ersten Blick mag es also passend erscheinen, dass Hartmut Neubauer seine Fotos rund um Eintracht Braunschweig in den siebziger Jahren, die nun im Museum gezeigt werden, in Schwarzweiß aufgenommen hat.

Doch just zu der Zeit, in der der gebürtige Braunschweiger Neubauer den Fußballverein mit der Kamera begleitete, plante die Eintracht den großen Befreiungsschlag. Der erwähnte "Kicker"-Artikel war überschrieben mit "Jetzt wollen sie Meister werden" - zu diesem Zweck hatte der Wolfenbüttler Kräuterlikörfabrikant und Eintracht-Sponsor Günther Mast mit Paul Breitner einen echten Star von Real Madrid ins Harzvorland gelockt.

Auf einem der Fotos von Hartmut Neubauer, die derzeit im Braunschweiger Museum für Photographie gezeigt werden, sieht man Paul Breitner. Die Mannschaft ist auf dem Weg vom Trainingsplatz, die Spieler gehen am Rande einer überschwemmten Straße, nur Breitner läuft durch die Pfütze - als wolle er zeigen, dass er ein Führungsspieler ist, der auch mal dahin geht, wo's dreckig ist (oder, wie hier, nass). Er gab sich durch und durch als Profi - und forderte das auch von seinen Mitspielern ein: "Die Zeiten der Kumpanei, des Auf-die-Schulter-Schlagens und Bierchen-miteinander-Trinkens sind längst passé", sagte Breitner: "Das haben wohl in Braunschweig einige noch nicht begriffen."

Es war möglicherweise für manche Spieler auch nicht leicht, die nebenbei noch ihre Lehrberufe als Schlosser oder Installateur ausübten, oder als gelernter Schriftsetzer das Stadionmagazin herausgaben, wie Abwehrrecke Dieter Zembski. Paul Breitner wechselte nach einem unbefriedigenden Jahr zu Bayern München. Eintracht Braunschweig wurde 13., weit weg von der Wiederholung der überraschenden Meisterschaft von 1967 - und war graumäusiger denn je.

Ungeschönter Blick auf deutsche Wirklichkeiten

Die Spiele selbst sind auf Neubauers Bildern nicht zu sehen, aber dafür zeigen sie mit großer Genauigkeit einen Fußballclub an der Schwelle - man sieht noch Reste des rauhen Amateursportcharmes, doch die endgültige Kommerzialisierung des Events Bundesliga kündigt sich deutlich an. Da verkaufen noch ältere Herren die Eintrittskarten, die drei Streifen auf den Fußballschuhen werden kurzerhand mit dem Pinsel nachgezogen, und die Tribünen sind bevölkert von Männern mit Hüten, die so auch in den Fünfzigern getragen wurden. Aber zugleich sieht man die Spieler in der Freizeit vor modernen Bungalows und hipper Seventies-Tapete. Und natürlich hat man im Hinterkopf: Eintracht Braunschweig und Jägermeister waren Pioniere der Trikotwerbung.

Hartmut Neubauers Eintracht-Braunschweig-Serie war seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Kassel. Dort war er Teil des von Floris Neusüss begründeten Fotoforum Kassel, das die Fotografie als eigenständige künstlerische Disziplin zu etablieren suchte. Zuvor hatte der 1947 geborene Neubauer schon an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg bei Bazon Brock und an der Folkwangschule Essen bei Otto Steinert studiert.

Als 1979 im Rheinischen Landesmuseum Klaus Honnef und Wilhelm Schürmanndie wegweisende Ausstellung "In Deutschland. Aspekte gegenwärtiger Dokumentarfotografie" kuratierten, war Neubauer vertreten neben künftigen Fotografie-Stars und Becher-Schülern wie Candida Höfer, Heinrich Riebesehl oder Thomas Struth.

Gemeinsam war ihnen die Abneigung gegen das "auf den Effekt hin aufgemotzte Einzelbild", wie es Kurator Honnef ausdrückte, das allem eine Werbeästhetik aufzwinge. Stattdessen suchten diese Fotografen einen neuen und ungeschönten Blick auf deutsche Wirklichkeiten - Wirklichkeiten wie das Innenleben eines Fußballvereins. Hartmut Neubauer lebt heute als Privatier und Kunsthändler in Thailand; nach Ausstellungen und Veröffentlichungen in den siebziger und achtziger Jahren wird seine Eintracht-Fotoserie erstmals wieder in Braunschweig gezeigt.


Hartmut Neubauer: Eintracht Braunschweig in den 1970er Jahren. Museum für Photographie Braunschweig, Torhäuser, Helmstedter Straße 1, noch bis zum 7.4.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir in der Fotostrecke den Spieler auf Foto 17 fälschlicherweise als Abwehrspieler Dieter Zembski identifiziert. Tatsächlich ist Torwart Uwe Hain zu sehen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
barlog 06.02.2013
Sehr schön der Kontrast der Bilder zur "hippen" Tapete auf Bild 17 - Fußballergeschmack eben.
2. Merkwürdig ...
reever_de 06.02.2013
Ich bin mir sicher, der Beitrag und die Bilder waren vor gar nicht so langer Zeit schon mal bei SPON hier zu finden. Im Fernsehen ist das ja nun nichts neues, das altes Kram immer wieder neu aufgewärmt wird und das "Blockbuster" verkauft wird. Gehts nun hier auch so los?
3. Fans
remmbremmerdeng 06.02.2013
Bild 6: "Der Jägermeister-Hirsch auf dem Autogrammbuch und das BMW-Zeichen auf der Gürtelschnalle: junge Fans als Vorreiter der Kommerzialisierung" Wer hat sich denn diesen Summs ausgedacht? Jetzt sind also die Fans selbst an der ganzen Kommerzkacke schuld gewesen? Auweia. In den 70ern/frühen 80ern ging man größtenteils mit selbstgemachten 'Fanartikeln' ins Stadion, weils kaum was anderes gab bzw. man nicht die Kohle dafür hatte. Und das BMW-Logo als Gürtelschnalle dürfte kaum als Indikator der beginnenden Kommerzialisierung im Profi-Fußball taugen. Wer sowas mochte, trug es auch außerhalb des Stadions.
4. Wie sich die Zeiten ändern...
optaeck 06.02.2013
Heute sitzt der Club mit dem potenten Sponsor 40 Kilometer nordöstlich von Braunschweig und verbrennt Jahr für Jahr Dutzende Millionen Euro, während die Eintracht seit Jahren ihre Spieler für lau zusammen klaubt. Im Gegensatz zum Jägermeister-Engagement von 77/78 hat die Kohle dem VW Wolfsburg 2009 wenigstens zur Deutschen Meisterschaft verholfen. Allerdings würde mich mal das Verhältnis interessieren, in dem Aufwand und Ertrag standen bzw. aktuell stehen. Fair Finance lässt grüßen.
5. Mal so ganz am Rande:
lollo76 06.02.2013
Die Fotos sind einfach stark!
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