Hype um Einzigartigkeit Eine Gesellschaft von Einhörnern

Was haben die Elbphilharmonie, Netflix-Serien und Justin Trudeau gemeinsam? Sie alle zelebrieren Individualität, sagt der Soziologe Andreas Reckwitz - und erklärt, warum das schöne einzigartige Leben auch Kehrseiten hat.

Mensch mit Einhornmaske
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Mensch mit Einhornmaske

Ein Interview von Silke Weber


  • DPA
    Andreas Reckwitz, Jahrgang 1970, ist Professor für Kultursoziologie in Frankfurt/ Oder. In seinem aktuellen Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten" analysiert er, warum in allen Lebensbereichen das Einzigartige reizvoll, das Standardisierte hingegen als wertlos wahrgenommen wird.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reckwitz, was halten Sie von Einhörnern?

Andreas Reckwitz: Das sind Fabelwesen. Mit einem Horn.

SPIEGEL ONLINE: Mit Einhörnern lässt sich heute scheinbar nahezu alles verkaufen, etwa Luft in Tüten als Einhornfurz, besonders wertvolle Start-ups werden ebenfalls als Einhörner bezeichnet. Was sagt das über unser Gesellschaft aus?

Reckwitz: Aha, jetzt verstehe ich, warum Sie mir als Soziologen diese Frage stellen. Das Einhorn repräsentiert etwas Einzigartiges. Danach sehnt sich unsere Gesellschaft, mehr noch: sie wird vom Imperativ des Singulären regiert.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Reckwitz: Die klassische, industrielle Moderne setzte noch auf die Logik des Allgemeinen. Spätmoderne Gesellschaften hingegen feiern Einzigartigkeit - ob in der Netzwelt, auf dem Arbeitsmarkt oder beim Konsum. Güter etwa werden kulturalisiert: weg vom rein Funktionalen hin zur besonderen Marke, dem einmaligen Kleidungsstück oder Möbel. Wichtig ist dabei ihr Erlebnis- und Symbolwert. Oft handelt es sich auch gar nicht mehr um materielle Güter, sondern um Dienstleistungen, mediale Formate oder Ereignisse.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie mal ein Beispiel.

Reckwitz: Die Architektur in der Industriegesellschaft war noch geprägt von der Standardisierung, dem sogenannten Internationalen Stil, der auf Replikation setzte, auf das Bauen in Serie, auf Massenwohnungen oder Einfamilienhäuser in den Vorstädten, Heute sehen wir in den Großstädten eher eine Solitärarchitektur: etwa spektakuläre Einzelgebäude, Flagship Stores, Museumsbauten oder Konzerthäuser mit zuweilen befremdlich originellem Stil, etwa die Elbphilharmonie in Hamburg.

Elbphilharmonie: "Möglichst jedes Stück ein Einzelstück"
Maxim Schulz

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SPIEGEL ONLINE: Wie kam es zu diesem Wandel?

Reckwitz: Die zentralen Triebkräfte sind wirtschaftlicher, kultureller und technologischer Art. Dazu zählt der Wertewandel nach 68, die Kulturalisierung der Märkte und natürlich auch die Digitalisierung seit Ende der Achtziger. Außerdem vollzog sich in den Ländern des Westen in den vergangenen Jahrzehnten eine nie dagewesene Bildungsexpansion und brachte eine neue hochqualifizierte Mittelklasse von Akademikern hervor. Heute haben wir ein Drittel Akademiker in Deutschland, während sie in den Fünfzigern noch eine kleine Elite von fünf Prozent waren. Diese neue Mittelschicht treibt einen Wertewandel voran, weg von der Norm hin zu Selbstentfaltung und Liberalisierung.

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Andreas Reckwitz:
Die Gesellschaft der Singularitäten

Suhrkamp Verlag; 480 Seiten; 28 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was sind Statussymbole dieses Milieus?

Reckwitz: Design, die zusammengewürfelten Stühle um einen Tisch herum zum Beispiel - ein sorgfältig kuratierter Wohnstil, bei dem möglichst jedes Stück ein Einzelstück sein sollte. Ich habe in meinem Buch auch Fotos von dem Blog "Freunde von Freunden" ausgewertet. Dort werden Personen aus kreativen Berufen in ihren Wohnungen vorgestellt. Vom Einkommen her sind sie häufig sehr unterschiedlich, wohlhabende Sammler ebenso wie Künstler mit geringerem Einkommen. Der Einrichtungsstil jedoch ähnelt sich immer. Es geht darum, das Einzelstück gut zu kombinieren. Und das machen alle gleich.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht paradox?

Reckwitz: Diese Paradoxie zwischen einheitlichen Mustern und Individualität lässt sich nicht auflösen und zieht sich durch alle Lebensbereiche. Nehmen wir etwa Serien auf Netflix: Ausgerechnet die Serie, ein seriell produziertes Massenphänomen, wird auf paradoxe Weise singularisiert. Eine eigene narrative Welt mit bestimmten Figuren und Themen, die von den Fans als ein singuläres Universum wahrgenommen wird, in das man immer wieder eintauchen kann. Singularität muss keinesfalls das Einzelstück sein, viele singuläre Produkte werden durchaus millionenfach produziert oder, wie bei der Serie, angeschaut.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen dieses kulturellen Kapitalismus, wie Sie ihn in Ihrem Buch nennen?

Reckwitz: Ein Standardgut wie eine Waschmaschine hat immer ihren Absatz, bei kulturellen Gütern weiß man aufgrund der Unberechenbarkeit aber nie genau, ob sie als singulär anerkannt werden oder nicht. Das führt zu einem Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung, wobei die Märkte von einer The-Winner-takes-it-all-Logik geprägt sind, in denen eine Handvoll kapitalintensiver Firmen personalisierte Kunden exklusiv adressieren.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Verlierer dieser Entwicklung?

Reckwitz: Vor allem bei zwei Gruppen lassen sich Abstiegsprozesse beobachten: Es entsteht eine neue Unterklasse, Geringqualifizierte in prekären Anstellungen für simple Dienstleistungen wie etwa Lieferdienste. Und in subtilerer Hinsicht wird auch die alte Mittelklasse entwertet. Zum Beispiel erscheint routinierte Arbeit, die für die industrielle Moderne so wichtig war, in einer Gesellschaft, die so auf die Hochqualifizierten ausgerichtet ist, als abgewertet.

SPIEGEL ONLINE: Sie erklären auch das Erstarken des Rechtspopulismus mit ihrer Theorie des Singulären.

Reckwitz: Bemerkenswerterweise setzt der Rechtspopulismus auch auf das Register des Besonderen, etwa, in dem das eigene Volk und die Zugehörigkeit zu einer Nation betont wird, er kehrt dabei aber gleichzeitig die Ideale des Liberalismus der neuen Mittelklasse um. Wo sie für Globalisierung, Öffnung der Märkte und Identitäten steht, setzt der Rechtspopulismus auf Schließung und Regulierung, trennt zwischen innen und außen, betont das Eigene gegenüber dem Fremden. Das ist auch die Reaktion auf die Entwertungstendenzen.

SPIEGEL ONLINE: Also ist es die alte Mittelklasse, die jetzt AfD wählt?

Reckwitz: Jedenfalls ein Teil von ihr. Durch die kulturelle Entwertung und Kränkungserfahrung gerät die alte Mittelklasse gegenüber der neuen gebildeten kosmopolitischen Schicht in die Defensive und befürchtet, nicht mehr mithalten zu können. Diese Trauer um das Verlorene bedient die Ideologie des Rechtspopulismus

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump ist das Gegenteil dieser kulturellen Elite, erscheint aber trotzdem wie ein Gewinner.

Reckwitz: Auch das ist ein Paradox, mit dem wir leben müssen. Sein "America first" ist ein singularistisches Konzept, hier wird die eigene Nation gegen die andere Nation gestellt. Und in gewisser Weise ist Trump auch als Person singulär.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere an ihm?

Reckwitz: Er ist nicht austauschbar - ein groß sprechender Milliardär, der gleichzeitig intellektuell ein wenig eingeschränkt scheint, dazu diese gewöhnungsbedürftige Frisur. In der Spätmoderne lebt auch die Politik von der Inszenierung und der Performativität. Die einzelne Person spielt wieder eine überraschend große Rolle. Das ist auf der Gegenseite nicht anders - denken sie nur an den Hype um Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
syracusa 25.12.2017
1. die Zivilisierung des Menschen
Das ist nichts anderes als der normale Prozess der Zivilisierung des Menschen. Natürlich sind gut gebildete Menschen sich selbst und ihrer Position in ihrer Umwelt besser bewusst als andere, und ganz logischerweise entwickeln sie dabei auch mehr individuelle Eigenheiten, und natürlich hat das enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gesellschaft. Mehr individuelle Freiheit geht mit mehr individueller Selbstbestimmung einher, und diese mit individuellerer Gestaltung des eigenen Lebens. Die Aufgabe besteht nun darin, trotz der Individualisierung des Menschen die Gesellschaft zusammen zu halten, und die Empathiefähigkeit womöglich sogar noch zu steigern. Das ist nicht unmöglich, bedingt aber logischerweise eine Schwächung der bisher den gesellschaftlichen Zusammenhalt definierenden Kräfte von Familie, Religion, und sozialer Herkunft. Und das gefällt natürlich nicht jedem, sondern stärkt die Kräfte der Reaktion.
osus 25.12.2017
2. "Alle sehen hier gleich aus ...
... irgendwie individuell", hat Rainald Grebe mal schön getextet. Ist wirklich interessant zu beobachten, wie Leute nach Individualität streben und damit letztlich auch nur wieder gesellschaftlichen Forderungen nachkommen. Schönes Interview ... auch wenn die Erkenntnisse für soziologisch Gebildete und generell für Leute, die an Kultur und Gesellschaft interessiert sind, nicht ganz neu sind.
ruhepuls 25.12.2017
3. Regulations statt Relations?
Zitat von syracusaDas ist nichts anderes als der normale Prozess der Zivilisierung des Menschen. Natürlich sind gut gebildete Menschen sich selbst und ihrer Position in ihrer Umwelt besser bewusst als andere, und ganz logischerweise entwickeln sie dabei auch mehr individuelle Eigenheiten, und natürlich hat das enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gesellschaft. Mehr individuelle Freiheit geht mit mehr individueller Selbstbestimmung einher, und diese mit individuellerer Gestaltung des eigenen Lebens. Die Aufgabe besteht nun darin, trotz der Individualisierung des Menschen die Gesellschaft zusammen zu halten, und die Empathiefähigkeit womöglich sogar noch zu steigern. Das ist nicht unmöglich, bedingt aber logischerweise eine Schwächung der bisher den gesellschaftlichen Zusammenhalt definierenden Kräfte von Familie, Religion, und sozialer Herkunft. Und das gefällt natürlich nicht jedem, sondern stärkt die Kräfte der Reaktion.
"Früher" basierte der Zusammenhalt auf Beziehungen, wurde dann durch gemeinsame Sozialisierung definiert, welche im Rahmen der Individualisierung zunehmend durch Regeln (Gesetze usw.) ersetzt wird. Die Frage ist nur, haben Regeln die gleiche Bindungskraft wie Beziehungen? Oder werden sie nicht eher als lästige Einschränkung der Selbstverwirklichung erlebt?
Peer Pfeffer 25.12.2017
4. Normal
Naja, die Beobachtung, dass das Individuum, welches nach Einzigartigkeit strebt, sich in seinem Streben wiederum gleichmacht mit allen anderen, ist nun Ende 2017 auch wieder nicht brandneu und bedurfte, bei allem respekt, auch keine akademische Betrachtung, um sie zu entdecken. Bestes Beispiel schon seit Jahrzehnten sind die Punks, die in ihrer Ablehnung gesellschaftlicher Konformität einen extrem individuellen Kleidungs- und Lebensstil entwarfen, der nicht nur aus anderer Perspektive völlig uniform wirkt, sondern sogar wiederum wiederum in Form von punk fashion von dem eigentlich abgelehnten Lager, dem angepassten Mittelstand kopiert wird. Bestes, absurdestes Beispiel sind hier vielleicht die derzeit modernen Risse in Hosen über den Knien, deren Tragen einen wiederum auszeichnet als völlig angepasstes Mitlgied der Gesellschaft. Anderes Beispiel sind die seit ein paar Jahren modernen Hipster-Vollbärte. Wobei, man will ja indivualistisch sein, Hipster immer die anderen, nie man selbst ist. In Anlehnung an normal sind immer die anderen, nie man selbst, diese Weltschau zu haben ist allerdings völlig normal
helmut_s 25.12.2017
5.
Je zahlreicher wir Menschen über die Erde wimmeln, desto "einzigartiger" sind wir alle. Na klar. ;)
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