Eklat im Berliner Ensemble: Hochhuth vergleicht Wowereit mit Hitler

Nächster Akt im bühnenreifen Amoklauf eines Theaterurgesteins: Der Dramatiker Rolf Hochhuth stürmte das Theater am Schiffbauerdamm - und rechnete vor großem Publikum mit der Berliner Kulturpolitik ab.

Theaterurgestein Hochhuth: Dramatiker mit Leib und Seele Zur Großansicht
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Theaterurgestein Hochhuth: Dramatiker mit Leib und Seele

Berlin/Hamburg - Rolf Hochhuth verschaffte sich am Donnerstag Zutritt ins Foyer des Berliner Ensembles, das wegen Bauarbeiten geschlossen ist. Er beschimpfte die Berliner Kulturpolitiker Klaus Wowereit und André Schmitz (beide SPD) als "Proleten", die die Berliner Kultur "vernichten" - und das vor versammelter Presse.

Die hatte der Dramatiker höchstpersönlich eingeladen. Geplant war eine Pressekonferenz zu seinem Stück "Sommer 14" vor dem Theater am Schiffbauerdamm. Kurz vor Beginn entschied sich der 78-Jährige spontan um und beschloss, die Präsentation im Foyer des Theaters abzuhalten. "Ich wollte nicht, dass die Damen und Herren stehen müssen", erklärte Hochhuth SPIEGEL ONLINE einige Stunden nach dem Vorfall.

Der Auftritt des Dramatikers war bühnenreif: "Holt die Polizei, wenn man mich hier rausschmeißen will!", rief Hochhuth. Der Pförtnerin, die Hochhuth den Eintritt verweigerte, entgegnete er: "Ich bin der alleinige Besitzer dieses Hauses. Schließen Sie sofort auf, sonst fliegen Sie als Erste raus!"

Anschließend stürmte Hochhuth die Treppen zum oberen Theaterfoyer hinauf und stellte sich demonstrativ den Kameras und Fotografen auf dem Balkon des Berliner Ensembles.

Danach fuhr er wieder zu seinen eigentlichen Bühnenproben in das Veranstaltungszentrum Urania.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE holte Hochhuth noch weiter aus und donnerte vor allem gegen Berlins Regierenden Bürgermeister und Kultursenator: "Klaus Wowereit ist in Sachen Kunst der schlimmste Prolet, den ich in meinem ganzen Leben erlebt habe. Er ist der Mann, der sich erlaubt, was sich nicht einmal Adolf Hitler getraut hat", sagte Hochhuth.

Der Autor meint damit die Pläne des Politikers, das "Theater am Kurfürstendamm" und die "Komödie am Kurfürstendamm" abreißen zu lassen, die der jüdische Architekt Oskar Kaufmann unter anderem im Auftrag des ebenfalls jüdischen Theatergründers und -regisseurs Max Reinhardt entworfen hatte. "Hitler hätte nie gewagt, die Bühnen abzureißen", so der Dramatiker.

Auch ihn selbst wolle Wowereit "als Theaterautor vernichten - und das vorsätzlich".

Hochhuth ist der Gründer der nach seiner Mutter benannten Ilse-Holzapfel-Stiftung und damit quasi Eigentümer der Theaterimmobilie, die im Besitz der Stiftung ist. Vor einer Woche wurde ihm gerichtlich untersagt, das Gebäude für die Proben und Aufführungen seines Sommer-Stücks zu nutzen. Grund sind Bauarbeiten und ein Vertragsbruch Hochhuths. Er hatte sein Vorhaben nicht fristgerecht angekündigt.

Am Freitag entscheidet das Berliner Kammergericht in einer Berufungsverhandlung über den Streit - Vorhang auf für den nächsten Akt.

rox/ddp/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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1. Anderer Ton
kurzundknapp 20.08.2009
Zitat von sysopNächster Akt im bühnenreifen Amoklauf eines Theater-Urgesteins: Der Dramatiker Rolf Hochhuth stürmte das Theater am Schiffbauerdamm - und rechnete vor großem Publikum mit der Berliner Kulturpolitik ab. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,643936,00.html
Wowereit ist nicht der Bürgermeister den Berlin braucht, aber hier hat sich der alte Mann deutlich im Tone vergriffen. Eine Entschuldigung und das ist es dann....
2. Re:
dent42 20.08.2009
UUUH - Ein Hitlervergleich, wie......unoriginell. Die amerikansiche Rechte vergleicht auch Obama mit Hitler, es wird ständig irgendewer mit Hitler verglichen, dabei gibt es nur einen den man mit Hitler vergleichen kann: HITLER!....und vielleicht Charlie Chaplin.
3. Hitlervergleich?
Rainer Daeschler 20.08.2009
Was sensationell im Titel steht "Hochhuth vergleicht Wowereit mit Hitler", liest sich im Text ganz anders. Hochhuth hatte nach dem Spiegel-Artikel Wowereit keine Eigenschaften von Hitler zugebilligt, die ihn auf das selbe Niveau heben sollten, was man üblicherweise erwartet, wenn von Hitlervergleichen die Rede ist.
4. Alberner Theaterdonner
uchawi 20.08.2009
Hitlervergleich oder nicht: Was sich Hochhuth hier geleistet hat, ist an Arroganz kaum noch zu überbieten. Das ganze Spektakel bewegt sich auf Bildzeitungsniveau und dient offenbar nur einem Zweck: Rolf Hochhuth und seine nächste Inszenierung ins Gespräch zu bringen. Und die Presse greift diesen unsäglich albernen Theaterdonner dankbar auf.
5. Mal wieder tief im Sommerloch
Revisionist 20.08.2009
Eine Schlagzeile und nichts dahinter ....
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