Ekstatisches Fotoprojekt "Ich, ich, ich - daher kommt der Hass"

Entfesselter Rausch, totale Hingabe: Der Weg dahin führte Kunstberserker Jonathan Meese durchs Tal der Lächerlichkeit und der Scham. In drei 24-stündigen Sitzungen ließ sich der Maler-Star von Peter Hönnemann fotografieren. SPIEGEL ONLINE sprach mit beiden über die Grenzerfahrung.


SPIEGEL ONLINE: Herr Hönnemann, Sie haben sich für das Projekt insgesamt drei Mal für jeweils 24 Stunden in einem Fotostudio eingeschlossen. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Arbeit?

Hönnemann: Als ich Jonathan im Rahmen eines Wohltätigkeitsshootings kennengelernt habe, herrschte vom ersten Moment an eine ungeheure Energie zwischen uns, die schnell rauschhaft wurde. Ich habe ihm deshalb vorgeschlagen, 12 Stunden miteinander zu arbeiten, Jonathan sagte, 24 Stunden fände er noch besser.

Künstlermodell Meese, SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Hoch, Fotograf Hönnemann: "Es geht gar nicht ums Charisma!"
Matthias Fahsold

Künstlermodell Meese, SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Hoch, Fotograf Hönnemann: "Es geht gar nicht ums Charisma!"

SPIEGEL ONLINE: Warum gerade 24 Stunden?

Meese: Weil es was Ganzes ist. Ich gebe mich wahnsinnig gerne in die Hände von Chefs - wie einem Fotografen, einem Regisseur oder meiner Mutter. Dann kann ich freier spielen.

Hönnemann: Wir haben uns Requisiten besorgt: Spielzeug, Farben, Kunstblut, Masken, Hüte und so. Aber eigentlich hatten wir keine Zielvorstellungen.

Meese: Mir war nicht klar, was das bedeutet. Ich dachte, ich krieche ein bisschen auf dem Boden herum, wie in meinen Performances und spiele mit irgendwelchem Zeug. Stattdessen musste ich totale Präsenz vor diesem Kameraauge zeigen. Auf der Bühne gehe ich auch mal zwischendurch aufs Klo, aber hier ging das nicht. Ich war schon nach fünf Minuten total verunsichert, weil das erste Bild scheiße war.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie alleine oder hatten sie ein Team?

Hönnemann: Wir waren sieben Leute insgesamt, Haar- und Make-Up-Leute, Assistenten und so weiter.

Meese: Diese Verantwortung! Ich habe immer gedacht: Jetzt haben die mich eingeladen, das ist alles so teuer hier und ich bring's nicht. Ich bin ja gar nicht so charismatisch! Aber im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, es geht gar nicht ums Charisma, es geht ums Loslassen, ich musste durchs Tal der Lächerlichkeit und durchs Tal der Scham.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hönnemann, Sie sind Modefotograf und bekannt für Ihre Prominenten-Porträts. Wie war es für Sie, mit einem Künstler wie Jonathan Meese zusammenzuarbeiten?

Hönnemann: In der Modefotografie spielt man das Spiel mit dem Begehren. Doch irgendwann habe ich mehr und mehr Porträts gemacht. Ich wollte die Menschen lassen, wie sie sind, und sie nicht so zurechtrücken, um irgendwelchen Vorstellungen zu entsprechen. Gerade die Schattenbereiche, wie man nicht sein darf, die habe ich besonders hervorgekitzelt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das auch bei Jonathan Meese versucht?

Hönnemann: Ich habe den Dalai Lama porträtiert und erlebt, wie es ist, wenn es kein Du und kein Ich mehr gibt. Der guckt dich an und du bist im Rausch. Ich konnte die Kamera nur bedienen, weil ich das seit 20 Jahren drauf hatte. All das war für mich eine Art von Vorbereitung für das, was mit Jonathan passiert ist, weil es da plötzlich über das individuelle Porträt hinausging. Auf den Bildern ist das zwar Jonathan, aber gleichzeitig auch nicht. Wir haben die Fähigkeit, uns gemeinsam hinzugeben. Woher das kommt, weiß ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: War es nicht so, dass Sie als Fotograf die Kontrolle hatten?

Hönnemann: Klar habe ich gesagt, zieh mal das an oder mach mal das, aber dann hat sich die Geschichte verselbstständigt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Meese, wie empfanden Sie diesen Zustand des Nicht-Mehr-Denkens, nur noch Machens?

Meese: Schutzmechanismen funktionieren nicht mehr. Du kannst dich nicht auf ein Rezept zurückziehen, sondern du musst die Maske finden, die richtig ist. Und Zeit haben. Hätten wir nur eine Stunde gehabt, wäre überhaupt nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: Was gab denn den Ausschlag, dass es plötzlich funktionierte?

Hönnemann: Die Form. Künstlerisch hatte ich keine Orientierung mehr, ich wusste nicht, ob es gut war oder schlecht. Aber dann fing Jonathan an, seine Form wie ein Korsett aufzubauen: Schwarze Hose, weißes Hemd, Koppelgürtel, eine Gerte in der Hand. Er stand da wie ein Jedi-Ritter und hatte plötzlich wieder Spannung. Die Form gibt ihm Sicherheit.

Meese: Ich weiß noch ganz genau, dass ich mir gesagt habe, konzentrier' dich auf "Clockwork Orange", du spielst jetzt Alex DeLarge.

SPIEGEL ONLINE: Steht das Bild, auf dem Sie einen Panzer aus Geldscheinen tragen, für Ihre Rolle auf dem Kunstmarkt?

Meese: Für mich ist das ein schwieriges Motiv. Geld soll Spielgeld sein, Kunst sagt: Geld, du bist Spielgeld; Blut, du bist Kunstblut. Waffe, du bist Spielzeug. Die Realität sagt's immer anders. Das mag ich nicht, da komme ich nicht mit klar. Das Geld, das man mir angeklebt hat, hat mir sofort die Kraft weggesogen, da war ich sofort wieder total verunsichert. Vor diesem Bild habe ich Angst, trotzdem muss es gezeigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Angst bekommen, wie überwinden Sie die?

Meese: Weitermachen, das ist ja gute Angst. Man ist halt Mensch. Aber eigentlich kann die Bühne keine Angst machen, weil dort alles verarbeitet werden kann. Die Bühne kann besser mit Horror und Schrecken umgehen als die Realität. Die Realität macht daraus immer nur mehr Horror und zwar realen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Dinge sollen denn in der Realität stattfinden?

Meese: Nur Liebe, Kuscheln, sich Freuen, Respekt, Demut…

Hönnemann: In der Realität gibt es nur noch harte Kontraste. Die einen leben nur noch im Second Life, die anderen pumpen sich mit Drogen voll, und die Mehrheit schaut denjenigen zu, die wilde Sachen machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie brauchen keine Drogen?



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