Krise bei spanischer Qualitätszeitung: "El País" entlässt erste Mitarbeiter

Drastische Einsparmaßnahmen bei "El País": Fast ein Drittel der Mitarbeiter sollen gehen. Die Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Leitung sind gescheitert. Jetzt wurden die ersten 52 Kündigungen ausgesprochen. Viele Mitarbeiter sehen darin einen Abschied vom einstigen Qualitätsgebot.

Die Angestellten stehen im Regen: Spaniens auflagenstärkste Zeitung "El País" in der Krise Zur Großansicht
AP

Die Angestellten stehen im Regen: Spaniens auflagenstärkste Zeitung "El País" in der Krise

Hamburg/Madrid - "Ich stehe auf der Liste", twittert der Journalist Ramón Lobo, sein Kollege Manuel Cuéllar schreibt: "Nach 17 Jahren bin ich nur noch eine Nummer." Sie haben am Sonntag eine E-Mail erhalten, so wie 50 weitere Mitarbeiter der auflagenstärksten spanischen Tageszeitung "El País" - die Nachricht enthielt ihre Kündigung.

Insgesamt will der Medienkonzern Prisa, zu dem die Zeitung gehört, fast ein Drittel der Stellen bei "El País" abbauen. Das hatte die Leitung in der letzten Wochen bekanntgegeben. Neben den am Montag bekanntgegebenen 52 Entlassungen sollen im nächsten Jahr 77 weitere folgen. 20 Mitarbeiter werden in den Frühruhestand versetzt. Insgesamt will der Medienkonzern bei "El País" 14 Millionen Euro einsparen - denn zum ersten Mal seit Entstehen der Zeitung rechnet Herausgeber Juan Luis Cebrián zum Jahresende mit Verlusten.

"El País" war 1976 gegründet worden, kurz nach dem Tod von Diktator Francisco Franco. Die Berichterstattung der Zeitung prägte die Umbruchsphase im Land und begleitete den Prozess der Demokratisierung. "El País" steht seitdem für kritischen Qualitätsjournalismus - Werte, die die Redakteure der Zeitung nun in Gefahr sehen.

Der Konzern will insgesamt 2500 Stellen abbauen

Das Prisa-Management begründet den Kürzungsbedarf mit der Wirtschaftskrise. Damit verbunden sei ein Einbruch auf dem Werbemarkt und ein Rückgang der Auflage. Die Mitarbeiter haben allerdings eine andere Erklärung: Viele glauben, dass sie für Verluste des Mutterkonzerns in anderen Geschäftsfeldern einstehen müssen. Prisa wird seit 2010 von einer Holding des deutsch-amerikanischen Investors Nicolas Berggruen kontrolliert. Der schon damals hochverschuldete Konzern hatte Anfang 2011 angekündigt, insgesamt 2500 Stellen zu streichen.

Die letzte Frist für eine gütliche Einigung zwischen dem Betriebsrat und dem Prisa-Management war in der vergangenen Woche ergebnislos verstrichen. Der Vorschlag der Mitarbeiter, den möglichen Fehlbetrag der Zeitung durch gestaffelte Gehaltskürzungen bei allen Mitarbeitern sowie durch einen freiwilligen Vorruhestand zu erzielen, sei nicht einmal geprüft worden, sagte der Betriebsratsvorsitzende González.

Auch ein dreitägiger Streik der Belegschaft konnte die Entscheidung nicht mehr beeinflussen.

usp/AFP

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