Tanztheaterstar in der Elbphilharmonie Housewarming mit Sasha Waltz

Für ihre Raumerkundung der Elbphilharmonie ließ Starchoreographin Sasha Waltz ihre Truppe fröhlich wie eine Horde Kinder die 800-Millionen-Euro-Kulisse auskundschaften.

Bernd Uhlig

Nein, es war nicht die Eröffnung der Elbphilharmonie. Das Recht der ersten Nacht bleibt Dirigent Thomas Hengelbrock vorbehalten, der das neue Hamburger Wahrzeichen am 11. Januar offiziell mit dem neugetauften NDR Elbphilharmonie Orchester einweihen wird, live übertragen im Fernsehen. Bevor die erste Note erklingt, wird es bestimmt eine Menge Grußworte, Danksagungen und auch ein paar ironische Anmerkungen zur Bauzeit geben.

Nichts von alldem am Neujahrsabend in der Elbphilharmonie. Man ging von der Plaza, dem zugigen, schon seit einigen Wochen zugänglichen Zwischendeck des eleganten Baus, die geschwungenen Holztreppen hinauf ins gut geheizte Foyer - und schon war man mittendrin.

Das Publikum verteilte sich auf den hellerleuchteten Treppen und den Umgängen, die zum kleinen und großen Saal führen, als, zunächst unsichtbar, links hinten ein Chor erklang, von rechts kam die Antwort, dann bahnten sich die Sänger einen Weg durch die Menge, Tänzerinnen und Tänzer folgten in kleinen Gruppen.

Freundliche Übernahme

Keine förmliche Eröffnung, sondern eine freundliche Übernahme war das, was die Berliner Choreografin Sasha Waltz mit ihrem 36-köpfigen Ensemble Sasha Waltz & Guests, dem Vocalconsort Berlin, der Mezzosopranistin Luciana Mancini und neun Musikern da am Sonntagabend den rund 600 Zuschauern bot. Sie selbst nannte es "eine choreografische und musikalische Raumerkundung der Elbphilharmonie Foyers" und gab dem Ganzen den etwas pathetischen Titel "Figure humaine" ("Menschliches Antlitz"), nach einem von Francis Poulenc vertonten Gedicht von Paul Éluard.

Der Abend allerdings hatte nichts Bedeutungsschweres, sondern strahlte Witz und eine Leichtigkeit aus - als habe sich die 53-jährige international gefeierte Choreografin von der Neugier inspirieren lassen, mit der Kinder im Ferienhaus die Treppen hochstürmen, um sich sofort auszumalen, für welche Spiele es sich am besten eignet und wo die besten Verstecke sind. Die Zuschauer ließen sich vom Charme des Abends anstecken.

Die grau und schwarz gekleideten Tänzer (und einmal auch der Chorleiter Nicolas Fink) standen wie dunkle Statuen auf den mattschwarz lackierten Handläufen. Von den oberen Gängen grüßten Tänzerinnen mal wie Royals huldvoll winkend, mal beugten sie sich über die breiten hölzernen Balustraden, als sei in der Tiefe ihr Schicksal zu lesen. Dann bildeten sie, rauf und runter auf den Treppen liegend, eine menschliche Schlange. Und Nicola Mascia, eines der langgedientesten Ensemblemitglieder, lief kopfüber, gestützt von einem Kollegen, auf der niedrigen Decke im Zwischengeschoss herum, als sei er Spiderman.

Da lächelt der Bürgermeister

Überall gab es kleine Choreografien und neue Töne zu entdecken, das verwinkelte und verzweigte Treppenhaus führte zu immer neuen Ein-, Aus- und Durchsichten, manchmal wirkte es, als befände man sich in einem expressionistischen Film. So konnte man etwa der hochkonzentrierten Soloviolonistin Carolin Widmann zusehen, die unter anderem ein Stück ihres Bruders Jörg spielte, wie sie barfuß die Treppe zum zweiten Stock hinunterschritt, in ihrem Gefolge drei schwarz gekleidete Tänzerinnen, vorbei an einem stolz und zufrieden lächelnden Ersten Bürgermeister Olaf Scholz.

Sasha Waltz hat in ihrer "Dialog"-Reihe auch schon Museumsneubauten auf diese Weise erkundet, unter anderem in Rom und Berlin - aber man kann sich kaum vorstellen, dass es ein geeigneteres Gebäude gibt für diese Kunst im Raum als die Elbphilharmonie. Gemeinsam mit den Musikern und Tänzern eroberten die Zuschauer Treppe für Treppe, Gang für Gang das Gebäude und brachten Leben ins Haus. Wie essenziell das Publikum für Waltz' Konzept ist, wird beim Blick auf die menschenleeren, seltsam kalten Probenfotos deutlich.

Und dann, nach einer guten Stunde, war es so weit: Die Türen zum Großen Saal, dem Herzstück der Elbphilharmonie, öffneten sich. Auf der Bühne ein imposantes Xylophon und ein paar Notenständer, doch als die Musiker auftraten, hörte man: nichts. Zur Aufführung kam John Cages "4'33"", ein Stück, das aus vier Minuten und 33 Sekunden Stille besteht. Ein Witz, natürlich, der noch einmal darauf verwies, dass man Thomas Hengelbrock das Recht auf das erste offizielle Konzert im Großen Saal nicht streitig machen will - und doch viel mehr als ein Witz, weil die konzentrierte Stille im Saal förmlich zu spüren war.

Das Tanzensemble zeigte in einer Performance, dass sich die Sitze auch sehr gut zum Reinlümmeln eignen, und die Tänzer lieferten mit dem Hoch- und Runterklappen der Polster den Rhythmus für die Choreografie ihrer Kolleginnen, die sich das Bühnenrund inmitten der Zuschauerränge zunächst vorsichtig, dann immer raumgreifender und forscher eroberten.

Danach ging es noch einmal hinaus in die Foyers, bevor man zum Abschluss mit Glocken und tiefen Tönen aus der Posaune, die klangen wie eine Schiffshupe - ein Gruß hinüber in den Hafen - noch einmal ins untere Teil des Foyers geleitet wurde, zur Ode an die Freiheit, dem abschließenden Teil von Poulencs "Figure Humaine".

Am Ende großer Applaus, ein großer Rosenstrauß für Sasha Waltz und ein gelöstes Lächeln auf dem Gesicht der Choreografin, die sich während der zweieinhalb Stunden der Premiere immer wieder mit sehr ernstem, fast besorgten Gesicht zwischen den Zuschauern hindurchgeschlängelt hatte.


"Figure humaine": Wieder am 2., 3. und 4.1. in der Elbphilharmonie Hamburg - alle Vorstellungen ausverkauft



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