Enttarnung von Elena Ferrante Kein Ruhm für Stalker

Die Identität der unter Pseudonym arbeitenden Bestsellerautorin Elena Ferrante ist ausgeforscht und publiziert worden. Das ist ein Akt der Gewalt: Niemand hatte das Recht, Ferrantes Privatsphäre zu verletzen.

Unbekannte Frau
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Einer der berühmtesten Texte übers Schreiben ist "A Room of One's Own". Virginia Woolf beschreibt darin, dass es für das Erschaffen von Literatur bestimmte Voraussetzungen gibt: Geld zum Leben und ein Zimmer für sich allein. Der erste Punkt sichert materielle Unabhängigkeit, der zweite geistige Unabhängigkeit - und wäre unter anderem mit "Privatsphäre" gut umschrieben. Eigentlich sind beide Punkte so grundlegend, dass sie selbstverständlich sein müssten, aber offenbar sind sie es keineswegs.

Denn nun hat ein Investigativreporter sich monatelang bemüht, die Identität der italienischen Bestsellerautorin Elena Ferrante zu klären, von der man bisher vor allem wusste, dass sie seit über zwei Jahrzehnten unter Pseudonym arbeitet und großen Wert darauf legt, das auch weiterhin tun zu können. Claudio Gatti kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine in Rom lebende Übersetzerin handeln muss, nachdem er Grundbücher und Honorarrechnungen durchwühlt hat wie ein - nun ja, entweder wie ein Kriminalbeamter, ein Privatdetektiv oder wie ein ekelhafter Stalker.

Gattis Geschichte wurde nicht in einem schäbigen kleinen Klatschblatt veröffentlicht, sondern in vier renommierten internationalen Medien gleichzeitig, unter anderem in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und auf der Seite der "New York Review of Books". Dabei wäre es Aufgabe seriöser Medien gewesen, diese Informationen weder zu bestellen noch zu veröffentlichen. Sie zu drucken, ist nichts anderes als ein Akt von Gewalt, wie die Musikerin Sophie Hunger schrieb.

Als "das größte literarische Rätsel unserer Zeit" beschreibt faz.net die Identität von Elena Ferrante, und das ist natürlich Schwachsinn. Ein literarisches Rätsel ist vielleicht das Gleis "neundreiviertel" bei "Harry Potter" oder die Frage, was genau in "Herr der Ringe" mit Gandalf passiert, als er mit dem Balrog in die Schlucht stürzt. Aber die Identität einer Autorin ist kein literarisches Rätsel, sie ist schlicht Bestandteil ihrer Privatsphäre, auf die sie ein nicht zu hinterfragendes Recht hat.

Claudio Gatti plaudert über die Höhe von Honoraren, die Ferrantes Verlag in den vergangenen Jahren an besagte Übersetzerin gezahlt haben soll - sehr hohe, obwohl Übersetzen ja "eine bekanntermaßen schlecht bezahlte Tätigkeit" sei. Er beschreibt, dass die Übersetzerin im Jahr 2000 eine Sieben-Zimmer-Wohnung "in einer teuren Gegend von Rom und im Folgejahr ein Landhaus in der Toskana gekauft hat" und dass ihr Mann in diesem Sommer eine Elf-Zimmer-Wohnung "im obersten Geschoss eines eleganten Vorkriegsgebäudes in einer der schönsten Straßen von Rom" gekauft habe, womöglich von ihrem Geld, was dem Ehepaar "signifikante Steuervorteile" beschert haben könnte. Ferrante sei gar keine waschechte Neapolitanerin, sondern habe vor allem in Rom gelebt und ihre literarischen und familiären Wurzeln in Wirklichkeit in Deutschland, von wo ihre Mutter als Kind einer jüdischen Familie geflohen sei, das betont auch Andreas Platthaus in seinem kurzen Text zur Ankündigung auf faz.net.

Aus all diesen Enthüllungen triefen die Missgunst und übergriffige Sensationsgeilheit einiger Journalisten, die sich benommen haben wie dämliche Kinder, die gucken wollen, ob der Schmetterling von innen auch so schön bunt ist.

Und nicht nur das. Wenn Gatti schreibt, Ferrante sei "mutmaßlich beeinflusst von Theorien, die in den späten Sechzigerjahren von den französischen Literaturwissenschaftlern Roland Barthes und Michel Foucault formuliert worden sind", dann klingt das so, als hätte sie sich unter dem Einfluss dubioser Thesen dazu verleiten lassen, ihre Identität zu schützen, und als sei es nicht schlicht ihr verdammtes Recht, das zu tun.

Elena Ferrante schrieb einmal in einem ihrer Romane: "Ich habe nichts gegen Lügen, ich finde sie fürs Leben nützlich, und ab und an bediene ich mich ihrer, um mich vor der Außenwelt zu schützen."

Diese Aussage dient Claudio Gatti als Rechtfertigung für seine Recherchen: "Mit der Ankündigung, dass sie gelegentlich lügen werde, scheint uns die Autorin ihr Recht aufgegeben zu haben, hinter ihren Büchern zu verschwinden", schreibt er. "Vielmehr hat sie Kritiker und Journalisten geradezu herausgefordert, nach ihrer wahren Identität zu suchen." Nichts könnte absurder sein als diese Schlussfolgerung. Sie ist so unwürdig und ekelhaft wie die Behauptung eines Verbrechers, sein Opfer habe ihn zu der Tat gereizt und geradezu darum gebettelt überfallen zu werden, durch einen vermeintlich zu kurzen Rock oder indem es sich so niedlich gesträubt habe.

Es ist nicht neu, dass von Frauen, die eine gewisse Berühmtheit erreicht haben, so gesprochen wird, als hätten sie bestimmte Rechte - auf Privatheit, Selbstbestimmung oder schlicht Ruhe - dadurch verwirkt. "Wer ist Elena F.?", so lautet der Titel der "FAS"-Veröffentlichung, so, als sei Ferrante eine Verbrecherin, die überführt werden soll. Gatti zeichnet ein Bild einer unersättlichen Frau, die sich zu viel rausnimmt - zwei Wohnungen und ein Landhaus! - und die andere manipuliert, weil sie Lügen verbreitet, und die Nein sagt, obwohl sie Ja meint.

Doch weder die Wahl eines Pseudonyms noch das zurückgezogene Leben sind auf irgendeine Art verwerflich, sie sind sogar für das Entstehen vieler literarischer Werke überhaupt die Voraussetzung gewesen. Für Frauen hat die Wahl eines Pseudonyms eine zusätzliche Bewandtnis, da bei ihnen das Risiko, dass Menschen durch das nichtliterarische Drumherum besonders abgelenkt werden, größer zu sein scheint als bei Männern. Es gab Frauen, die unter Männernamen veröffentlicht haben, um ernst genommen oder überhaupt gelesen zu werden oder um nicht aufgrund ihres Geschlechts unter den Verdacht von gefühliger Trivialliteratur zu fallen. Hinter den Autorennamen George Eliot und George Sand standen Autorinnen und die drei Brontë-Schwestern wählten ebenfalls männliche Pseudonyme.

Autoren, die kaum Interviews geben und sich nur sehr selten fotografieren lassen, wie Patrick Süskind oder Thomas Pynchon oder seinerzeit J.D. Salinger, gab es ebenfalls schon immer und bisweilen steigerte ihre Zurückgezogenheit noch den Genialitätsverdacht, unter dem sie standen. Über Salinger schrieb die "New York Times", er habe Privatsphäre zu einer Kunstform erhoben.

Über Ferrante aber sagte Gatti im BBC-Interview: "Ich, als Journalist, mag keine Lügen." Einer Politikerin würde man Lügen ja auch nicht durchgehen lassen. Dabei geht es um so bumsbanale Dinge wie, dass die Mutter der Autorin gar keine Schneiderin, sondern Lehrerin war: Too much information.

In Italien - aber wahrscheinlich auch in jedem anderen Land der Erde - gibt es ernsthaft andere Machenschaften aufzudecken als ausgerechnet die Einnahmen und Ausgaben einer Belletristik-Autorin, die niemandem etwas weggenommen hat.

Der Text liest sich wie eine stellvertretende Rache für all die Redaktionen, denen nie die Ehre zuteil wurde, eine Home Story bei Elena Ferrante zu machen und zu erzählen, ob sie dabei Kaffee oder Grappa serviert, ob sie hässliche Hausschuhe trägt oder wie ihre Schildkröte heißt. Dabei hat Ferrante ja durchaus Interviews gegeben, aber eben schriftlich. Sie wollte nicht als Person im Mittelpunkt stehen, sondern traute ihren Lesern und Leserinnen zu, ihr Werk auch so zu verstehen. Ferrante erklärte, ein Buch brauche seine Autorin nicht, um erfolgreich zu sein - und sie brachte selbst den Beweis dafür. Sie hat trotzdem über ihre literarischen Vorbilder und Einflüsse gesprochen sowie über den Schreibprozess selbst, sie hat sich über das Leben und die Liebe geäußert, und was will man mehr?

Immer wieder hat sie betont, die Anonymität sei Voraussetzung für ihre Arbeit und sie aufzugeben würde schmerzhaft sein.Sie fürchte den Moment ihrer Enthüllung nicht, werde aber dann aufhören zu publizieren.

Einer der Verlagseigentümer sagte Gatti, als er von dessen Recherche erfuhr: "Wir sind ziemlich verärgert über einen solchen Eingriff ins Privatleben, unseres und das von Ferrante." Gatti veröffentlichte die Geschichte trotzdem.

Üblicherweise gibt es keine Steigerung des Wortes "falsch". Es wäre falsch gewesen, Ferrantes Verlag mit unzähligen Interviewanfragen zu nerven. Es wäre falsch gewesen, Ferrantes Bücher zu verreißen, weil sie anonym bleiben will. Es wäre falsch gewesen, sie öffentlich dazu aufzufordern, aus ihrem selbstgewählten Schatten zu treten. Aber am allerfalschesten war es, Informationen über die Autorin gegen ihren Willen zu veröffentlichen.

In einem Interview mit der "New York Times" erklärte Ferrante einmal, Frauen seien immer wieder versucht, ihre Deckung fallen zu lassen - "aus Liebe, Überdruss, Anteilnahme oder Freundlichkeit" -, aber sie sollten es nicht tun: "Wir können von einem Moment auf den anderen alles verlieren, was wir erreicht haben." Diese Botschaft sei es, mit der sie diejenigen erreichen wollte, die ihre Bücher lesen. Gattis Investigativteam hat diese Botschaft nicht erreicht und das ist ein bitteres Elend. Die Redaktionen, die diesen Text veröffentlicht haben, hätten nichts anderes verdient als einen Boykott durch all diejenigen Autorinnen und Autoren, die wollen, dass ihre Lebens- und Arbeitsweise respektiert wird, sowie durch die Leser und Leserinnen, denen es um Literatur geht und nicht um schmierige Detektivgeschichten.


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insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
KV491 04.10.2016
1.
Hier stimme ich Frau Stokowski ausnahmsweise mal vollkommen zu. Vielleicht ein ergänzender Gedanke: Bislang dachte ich, dass pseudonym bleibt, wer es bleiben will und dass man Homestories und solchen Scheiß stets ablehnen kann - also eine gewisse Unterstellung denen gegenüber, die alles andere als ano- oder pseudonym sind und das öffentlich beklagen. Diese ekelhafte Schnüfflerei scheint aber tatsächlich denen Recht zu geben, die solche Klagen führen. Eine "Kulturszene", an der frau oder man mit Klarnamen teilnehmen muss, ob man will oder nicht - ekelhaft.
www.yzx.de 04.10.2016
2. Gute Kolumne!
... dass ich das bei Frau Stokowski mal schreiben würde ...
Sonia 04.10.2016
3. Widerlich, Gatti
Eine Schande für seriösen Journalismus. Offensichtlich e6n von Neid getriebener Mensch. Etwas Gutes hat es: Millionen werden weiter ihre Bücher lesen. Gatti bleibt e6n unbedeutender Mensch.
aleamas 04.10.2016
4. Ja, die Öffentlichkeit hat es...
...zu akzeptieren, wenn ein Künstler, eine Künstlerin sich hinter ein Pseudonym zurückzieht. Er ist das ureigenste Recht des Einzelnen, selbst darüber zu bestimmen, was er der Welt von seiner Person preisgibt. Dieses Recht wird nicht dadurch verwirkt, dass jemand erfolgreich Bücher schreibt. Es ist mir rätselhaft, warum Journalismus sich überhaupt in diese Niederungen begibt, wenn doch unsere Zeit ganz andere, ernstere Fragen zu beantworten hat. Nein, diese 'Enttarnung' ist wahrhaft keine Ruhmestat.
atbach 04.10.2016
5. Spätestens
wenn sie den Nobelpreis für Literatur bekommt, wäre ihre Identität bekannt geworden. Und den bekommt sie noch.
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