Elend in Istanbul: "Gott will, dass du mich fotografierst"

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Säufer, Bettler, Stricher: Nacht für Nacht sucht ein Istanbuler Taxifahrer die Verstoßenen seiner Stadt - um sie zu fotografieren. Seine Bilder haben ihn berühmt, aber nicht reich gemacht. Aber sie zerstören den Mythos der coolen, glitzernden Bosporusmetropole.

Seine Lieblingsrouten? Was für eine seltsame Frage. "Ich habe keine Lieblingsrouten", sagt Sevket Sahintas und dreht den Autoschlüssel um. "Was ich hier mache, hat nichts mit Liebe zu tun."

Es ist Freitagnacht, 23 Uhr, und Sevket steuert seinen knallgelben Fiat Tofas durch Istanbuls Vergnügungsviertel Beyoglu. Der kleine schmächtige Mann mit der Baskenmütze ist Taxifahrer. Er fährt Nachtschicht, solange er denken kann. Er ist einer von Tausenden, die sich damit in der 14-Millionenstadt über Wasser halten.

Doch wer glaubt, bereits alles über Istanbuls Taxifahrer zu wissen – über ihre Klatschsucht und Waghalsigkeit, über laute Musik und baumelnde Talismane am Innenspiegel und darüber, dass sie alle irgendwie einen Bruder oder Onkel in Deutschland haben – der kennt Sevket Sahintas noch nicht.

"Siehst du den da?", fragt er und bremst. Er deutet auf einen Obdachlosen mit braunem Kapuzenshirt und einem roten Säufergesicht voller Narben, der sich am Straßenrand niedergelassen hat. "Ich kenne diesen Mann, ich kenne seine Geschichte. Der war Beamter in einem anderen Leben. Der ist wahnsinnig geworden, als sein Haus verbrannte und seine ganze Familie starb."

Der düstere Abgrund von Istanbul

Normalerweise würde Sevket jetzt seine kleine silberne Kompaktkamera aus der Jackentasche kramen und den Obdachlosen fotografieren. Aber er kennt diesen Mann längst. Er hat unzählige Fotos von ihm. Außerdem ist es noch zu früh. "Die Straßen müssen erst leerer werden. Je später ich fotografiere, desto besser wird es", sagt er und fährt weiter.

Dass Istanbul eine pulsierende Metropole mit aufregenden Moscheen und hippen Nachtclubs ist, wissen Sevkets ausländische Fahrgäste. Sie haben es häufig genug zu hören bekommen. Was sie nicht kennen, ist der düstere Abgrund von Istanbul. Wenn sie mit Sevket fahren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn sehen.

Seit vier Jahren fotografiert der 43-Jährige das Elend in seiner Stadt. Er hat ein besonderes Auge für die Ausgestoßenen, die Säufer und Schnüffler, Bettler und Stricher – die es hier eigentlich gar nicht geben sollte. Eine Obdachlosenstatistik von Istanbul existiert ebenso wenig wie eine Berichterstattung über die Probleme in den Medien.

Die Schönheit einer gestrauchelten Hure

Stattdessen dokumentiert der gelernte Automechaniker, was er sieht. Nacht für Nacht. Fast immer in Schwarzweiß. Den alten Mann in Unterhosen, der auf einem Pappkarton kauert. Den grell geschminkten Transsexuellen, der seinen Hund ausführt. Die zahnlosen Straßenkinder, die Klebstoff schnüffeln.

In den dunklen Gassen von Tarlabasi und Dolapdere, den No-go-Areas von Istanbul, aber auch in Mecidiyeköy und Levent, den Bankenvierteln, wo nachts vielleicht eine Bushaltestelle oder ein Park zum Schlafen frei wird, kennen sie ihn – Sevket, der Barmherzige, der immer eine Zigarette anbietet, einen Hund streichelt oder die Schönheit einer gestrauchelten Hure lobt, bevor er ein Bild macht.

Und natürlich muss auch der Fahrgast zustimmen. Meist spürt Sevket, wenn sich ein Kunde fürchtet oder ekelt. In der Regel fotografiert er sowieso lieber, wenn er alleine ist, auf einer dieser langen einsamen Nachtfahrten.

Vernissage in St. Petersburg

Wie alles anfing? "Es gab da diesen Schlafenden, der auf dem Bürgersteig lag. Seine Finger waren rot und blau. Es war eine unsagbar kalte Nacht, aber niemand scherte sich um den armen Teufel", erzählt Sevket. "Damals beschloss ich zu fotografieren." Das Gerät dazu: eine altmodische Digitalkamera, das vier Jahre alte Geschenk eines Freundes. Er trägt sie stets bei sich, in seiner Lederjacke, oder verstaut sie im Handschuhfach.

Irgendwann wurde ein Fahrgast auf die erstaunlichen Bilder aufmerksam. Plötzlich landeten sie im Internet und in einem Archiv der Kunsthochschule in Ankara. Es gab Fernsehberichte über Sevket und Ausstellungen – zuletzt in St. Petersburg, wo sie ihm eine Vernissage widmeten über "zeitgenössische türkische Fotografie".

Doch von Ruhm will dieser nichts wissen. Und Geld, sagt er, habe er bis jetzt nur mit Taxifahren verdient. "Meine Freunde versuchen, mich zu überreden, Profifotograf zu werden. Aber ich bin froh, dass ich keine Ausbildung habe. Wahrscheinlich würde ich dann auch nur Models und Moscheen fotografieren."

Kurz vor dem Taksim-Platz hält Sevket erneut Ausschau nach dem Trinker im braunen Kapuzenshirt. Dann fällt ihm noch eine Geschichte ein. Wie ihn dieser Mann einmal fragte, ob er für die "gute" oder die "böse Sache" fotografieren würde. "Für die gute", sagte Sevket. Dann schloss der Verzweifelte seine Augen und betete. Als er die Augen wieder öffnete sagte er: "Gott will, dass du mich fotografierst."

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