Turner Prize 2012: Meinen wir dasselbe?

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In einem starken Jahr gewinnt der stärkste Beitrag: Elizabeth Price wurde beim Turner Prize 2012 mit einem Video-Tryptichon über einen Warenhausbrand und die spätere Verständigung über die Katastrophe geehrt. Ihr Werk wirft Fragen nach den sozialen Bedingungen von Wissen auf.

Turner Prize 2012: Drei Nominierte und eine Gewinnerin Fotos
REUTERS

Klatsch. Hier ging es los. Klatsch. Schnipp. Noch bevor man in der diesjährigen Turner-Prize-Ausstellung zur Videoinstallation von Elizabeth Price kommt, dringt der Soundtrack zu ihrem Film-Tryptichon "The Woolworth Choir of 1979" zu einem vor. Klatschen und Fingerschnippen rhythmisieren die zwanzig Minuten Laufzeit, sie verbinden disparates Filmmaterial aus erneut abfotografierten Kirchenarchitektur-Fotos, einem Auftritt der Sxities-Girl-Band Shangri-Las und dem Brand in einer Woolworth-Filiale in Manchester 1979, in dem zehn Menschen umkamen.

Genauso funktionieren die Geräusche aber auch als beständiger, wenn auch irritierender Weckruf: mal lenken sie die Aufmerksamkeit der Zuschauerin auf bestimmte Details in den Bildkonstellationen, mal scheinen sie quer zum Gezeigten zu stehen. Spätestens wenn die Shangri-Las im zweiten Drittel des Films unvermittelt anfangen zu schmettern, stellt sich die Frage nach der Eigenständigkeit der Bilder, der Tonspur - und unseren ästhetischen Konventionen, mit denen wir beides zur Deckung zu bringen versuchen.

Zu Recht ist Elizabeth Price am Montagabend für "The Woolworth Fire of 1979" mit dem prestigereichen Turner Prize ausgezeichnet worden. Von der Kritik fast einstimmig als einer der stärksten Jahrgänge des Kunstpreises gelobt, kontrastiert die Ausstellung der vier nominierten Künstler, die noch bis zum 6. Januar in der Londoner Tate Gallery zu sehen ist, vier unabhängige Ansätze.

Über mehrere Räume erstreckt sich das heidnische Treiben von Spartacus Chetwynd, der ersten Performance-Künstlerin, die für den Turner Prize nominiert worden ist. Umgeben von Wänden, die mit künstlerischen und politischen Pamphleten der vergangenen 200 Jahre tapeziert sind, kann es einem passieren, dass ein als Alraune verkleideter Performer einen ins Spiel miteinbezieht. Oder dass ein aufblasbarer Raumteiler einen vorsichtig anstößt, während er sich automatisch mit Luft füllt. Ob und wie sich das inhaltlich zusammenfügt, gerät in der sinnlichen Unmittelbarkeit, mit der einen die Installation und die Performances einsaugen, fast zur Nebensache - was wiederum Chetwynds Ansatz des lustvoll-agitatorischen Dilettantismus genau in die Hände spielen dürfte.

Kackhaufen aus Marmor

Mit einem ähnlichen Spannungsverhältnis von Imersion und Expansion operieren die Arbeiten von Luke Fowler und Paul Noble. Noble lässt in riesigen Bleistiftzeichnungen die fiktive Stadt Nobson Newton entstehen, eine Art "Garten der Lüste", hätte Hieronymos Bosch sich der Mittel der Glas- und Beton-Architektur der achtziger Jahre bedient. In den verlassenen Bungalows und Treibhäusern von Nobson Newton sind keine Menschen zu erkennen, dafür unzählige Details wie einzelne Blätter oder winzigste Schraffuren - und wie in Nobles Raum in der Tate Gallery selbst überall kunstvoll inszenierte Kackhaufen.

In der Ausstellung sind die Haufen aus hochpoliertem schwarz-weißen Marmor gefertigt und ragen stolz und glatt in die Höhe. Wie in den leeren Stadtpanoramen fungieren sie als herrlich unpassende Erinnerung an menschliche Präsenz und Körperlichkeit, die sich weder in der Kunst noch im Museum wegtäuschen lässt. Dem klinisch-peniblen Gesamteindruck von Nobles Raum tut dies aber keinen Abbruch; zu erwartbar ist das Spiel mit der Fäkalsymbolik im für seine Unerschrockenheit weithin bekannten Turner Prize.

Zeitlich nimmt einen der Beitrag von Luke Fowler am stärksten in Beschlag, wobei seine künstlerische Sprache gleichwohl die zurückhaltendste und assoziativste ist. 93 Minuten dauert sein Film "All Divided Selves" über den schottischen Psychologen R.D. Laing (1927 - 1989). Es ist bereits Fowlers dritte Arbeit über den der Anti-Psychiatrie-Bewegung verbundenen Wissenschaftler, der insbesondere die landläufigen Konzeptionen von Schizophrenie radikal infrage stellte.

Nah an der Grenze zum Dokumentarischen verwebt Fowler behutsam eigene Aufnahmen mit Archivmaterial, etwa aus einer britischen Talkshow aus den späten Siebzigern, in der der charismatische Laing mutmaßlich angetrunken erscheint. Der Moderator ist empört, doch das Studio-Publikum schlägt sich unversehens auf Laings Seite und protestiert seinerseits gegen den spießigen Autoritarismus des Moderators. Eine tiefe Sehnsucht nach einer anderen Art des Intellektuellen und einer anderen Art des öffentlichen Diskurses spricht aus Fowlers Film, einer Suche nach anderen Fragen und Methoden auch der künstlerischen Erkenntnis wird hier für anderthalb Stunden nachgegangen.

Im Vergleich mit Price' Arbeit, die auf harte Setzungen und Schnitte zurückgreift, entsteht so zwischen den zwei Videoarbeiten der interessanteste Kontrast. In der Fragestellung abstrakter, aber in den Formen konkreter spürt Price ebenfalls der sozialen Gemachtheit von Wissen nach. Sie zeigt, wie sich Ornamente aus der gotischen Kirchenarchitektur in den Handbewegungen der Shangri-Las, aber auch in den Flammen eines brennenden Warenhauses wiederfinden. Wie ist so eine scheinbar ewige Form entstanden? Wann haben wir sie entdeckt und als solche benannt? Wie haben wir uns darüber verständigt, dass wir über dasselbe sprechen?

Price' große Leistung ist es, solche Fragen in der brillante Montage von Bild und Ton sinnlich dringend aufzuwerfen und nicht zuletzt an die anderen Kunstwerke in seiner Umgebung weiterzugeben. "The Woolworth Choir of 1979" zwingt zum Dialog, steht aber auch geschlossen für sich. Was will man mehr von einem Kunstwerk?

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1. Turner
captnali 04.12.2012
Was hat Turner verbrochen, dass sein Name mit derlei als Kunst betitelten Sperrmüll mißbraucht wird?
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