Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Geld-und-Gier-Fotograf Ganor: "An der Wall Street arbeiten lauter Soziopathen"

Spiel mit der Perspektive: Banker und Badende Fotos
Elon Ganor

Hier werden Schafe geschlachtet und Säuglinge feilgeboten: Der israelische Fotograf Elon Ganor hat die Wall Street als Heimat grenzenloser Gier inszeniert. Und in seiner neuen Serie "The Box" sieht er die Welt wie ein Kind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ganor, was halten Sie von der Wall Street?

Ganor: Ich verachte die Wall Street. Ich glaube, dass da jede Menge Soziopathen arbeiten; Menschen, die alles tun würden, um Geld zu verdienen. Ich habe das selbst erlebt. Ich habe mehr als zehn Jahre als Vorstandsvorsitzender eines börsennotierten Unternehmens gearbeitet. Dabei bin ich auf unmoralisches und korruptes Verhalten von Investmentbankern gestoßen. Ihnen war nur eine Sache wichtig: Geld machen - um jeden Preis.

  • Elon Ganor wurde 1964 in der Schweiz geboren. Er ist in Israel aufgewachsen und studierte dort Medizin. Anfang der Neunziger gründete Ganor eine Kommunikationsfirma, die als Pionier im Voice-over-Internet-Protocol-Geschäft gilt. 2006 verließ er die Tech-Branche um Kunst zu studieren. Seinen Schwerpunkt legte er auf Fotografie.
SPIEGEL ONLINE: Auf einem Bild Ihrer Fotoserie "Wall Street" zeigen Sie eine Frau, die ihr Baby Bankern anbietet. Was soll uns das sagen?

Ganor: Die Frau bietet ihr Kind nicht an. Das Foto bezieht sich auf eine Szene, in der Maria Jesus Priestern vorstellt. Die Banker sind hier als die Priester zu verstehen, die zum Geld beten und nicht zu Gott. Das Bild heißt "Road Show," weil Vorstandsvorsitzende von Firmen, die einen Börsengang planen, ihr Baby den Bankern vorstellen. So eine Präsentation wird als Road Show bezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen auch, wie Männer ein Schaf schlachten.

Ganor: Das Bild habe ich "Initial Public Offering" also Börsengang genannt. Ein Wortspiel. "Offering" kann zum Beispiel auch "Opfer" in einem religiösen Sinn bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie denn mit Ihrer Fotostrecke ausdrücken?

Ganor: Die Serie war für mich eine Art, vor dem zu warnen, was kommen wird. Wenn so viele Soziopathen in einem Gewerbe arbeiten, musste ja etwas schief gehen. Dass etwa die Bank Lehman Brothers zusammenbrechen würde, war absehbar. Kunst wurde für mich zum Mittel, mit dem ich meine Gefühle zur Wall Street ausdrücken konnte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre neue Serie "The Box" hat nichts mit der Wall Street zu tun, eher im Gegenteil - Sie fotografierten zum Beispiel Badende am Strand. Wie das?

Ganor: Einmal habe ich in einem Restaurant am Meer im Norden von Tel Aviv einen Schrank entdeckt, der von zwei Seiten offen war, also eher eine Art Regal. Durch das hab ich mir Strand und Meer dann angeschaut. Und war fasziniert, weil ich dadurch ganz andere Perspektiven entdeckt habe.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ging es dann weiter mit dem Regal?

Ganor: Ich bin immer wieder zum Restaurant zurückgekehrt und habe Fotos durch das Regal gemacht. Schließlich wollte ich mein eigenes Regal zum Fotografieren verwenden. Das mit sich herumzutragen erschien mir aber nicht sehr praktisch. Also bat ich einen Schreiner darum, mir einen Satz an Holzkisten in unterschiedlichen Formen, Farben und Größen zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Ganor: Ich habe von unterschiedlichen Positionen aus und zu unterschiedlichen Tageszeiten durch die Kisten fotografiert. Fällt das Licht aus anderen Winkeln ein, ergibt das auch andere Bilder. Für mich sind Fotografen Bildhauer, deren Hauptmaterial das Licht ist.

SPIEGEL ONLINE: 80 Prozent Ihrer Bilder bestehen jetzt nur aus den Innenwänden der Kisten. Das eigentliche Motiv sieht man nur durch den Spalt.

Ganor: Für mich ist beides das Motiv, die Holzkiste und der Spalt - beide ergänzen sich. Es ist ein Spiel mit der Perspektive. Das ist wie bei Kindern, die manchmal Motive mit ihren Fingern einrahmen. Darum geht es bei der Holzkiste, außer dass die Kisten in einer viel größeren Bandbreite an Formaten verfügbar sind. Mit ihnen kann ich die Betrachter irritieren.

SPIEGEL ONLINE: Und das funktioniert wie genau?

Ganor: Viele Leute nehmen an, dass meine Bilder an einem bestimmten Standort gemacht wurden - einige denken an Bunker, wie man sie an der Küste der Normandie sieht. Sie fragen sich, wo das Bild aufgenommen wurde. Dabei ist die Frage doch nicht, wo die Aufnahmen gemacht wurden, sondern wie sie entstanden sind. Und die Schönheit, die aus so einer Kiste kommt ist schon oft sehr poetisch.

Das Interview führte Marc Erwin Babej für das Fotoportal seen.by.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Unbegreifliches sichtbar machen
munterwegs 22.07.2014
Kompliment an Ganor und den Autor. Auch so kann man sich mit Finanzmarktthemen auseinandersetzen. Vielleicht begreifen einfache Menschen so eher, was in den Tempeln der Finanzwelt passiert. Noch besser wäre es natürlich, wenn sich die Angesprochenen darin wiedererkennen und ihr Verhalten hinterfragen.
2. Soziopathen überall
cato-der-ältere 22.07.2014
Psychologen wissen: Soziopathen sind oft charmant, manchmal sogar charismatisch. Sie vermitteln das Gefühl warmherzig und am Gegenüber interessiert zu sein. Sie sind schlau genug um zu wissen dass das ihrem Erfolg gut tut. Sie wickeln gutgläubige Menschen ein, die sich nicht die Mühe machen ihr tatsächliches Handeln genau zu analysieren. Fallen einem da nicht jede Menge bekannte Leute ein? Man sollte mal untersuchen wie viele Soziopathen erfolgreich auch in der Politik tätig sind. Das könnte ein Grund sein warum die Soziopathen im Finanzsektor immer noch nicht unter Kontrolle gebracht wurden. Es gibt natürlich nicht nur DEN Soziopathen und den gesunden Rest. Sondern fließende Übergänge des Mangels an Mitgefühl und Altruismus das den Soziopathen auszeichnet. Kann man aber messen...
3. Beeindruckt vom Fachwissen der Foristen und Fotografen
optaeck 22.07.2014
Wahrlich beeindruckend, dass die Foristen hier so genau wissen, was in der Finanzbranche passiert. Wahrscheinlich beruhen ihre Aussagen auf jahrelangen Erfahrungen in den Bankentürmen der Wall Street, der City und Frankfurts. Das gilt natürlich auch für den Fotografen selbst. An der Wall Street arbeiten also nur Soziopathen. So so, interessant, dass der Mann die alle kennt. Kann ich aber weder bestätigen noch widerlegen. Allerdings habe ich in der Branche jede Menge seriöse und kompetente Menschen getroffen. Aber wahrscheinlich bin ich auch ein Soziopath. Und die erkennen sich gegenseitig als solche nicht. Das muss es sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Der Fotograf und Autor
Marc Erwin Babej, geboren 1970 in Frankfurt am Main, lebt heute in New York City. Geschichtsstudium an der Brown University in Providence, Rhode Island, Masterstudium an der Columbia School of Journalism. Schreibender Reporter für "Forbes", Veröffentlichungen unter anderem in "Die Zeit" und "Guardian". Kunstfotograf; fotografische Arbeiten aus Myanmar, dem südlichen Afrika, Rio de Janeiro.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: