EM-Blog: Besser Merkel als Khedira auf der Tribüne

Im EM-Blog sammeln SPIEGEL-ONLINE-Autoren die schönsten Nebensachen zum Turnier. Diesmal: Wie sich die Niederländer über das Ausscheiden ihrer Nationalelf lustig machen - und die nicht ganz unwichtige Frage: Was ist aus den deutschen Timoschenko-Protesten geworden?

Nationalspieler Sami Khedira: Im Einsatz für den nächsten Griechen-Witz Zur Großansicht
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Nationalspieler Sami Khedira: Im Einsatz für den nächsten Griechen-Witz

21.6. Zurück in Danzig

Zurück aus der Ukraine, wieder in Danzig. Aus dem einen Gastgeberland ohne aktuellen EM-Teilnehmer ins andere Gastgeberland ohne aktuellen EM-Teilnehmer. Statt der Polen dürfen bekanntlich die Griechen weitermachen. Mit dem Kollateralschaden, dass wir dieser Tage von einer Monsterwelle an schalen Griechen- und Euro-Witzen überschwemmt werden. Ich schätze, Waldi Hartmann und die "Bild"-Zeitung befinden sich längst in einem harten internen Wettbewerb mit dem einen oder anderen passionierten Twitterer darüber, wer am häufigsten Pleite und Ouzo in einem Sinnzusammenhang nennen kann. Costa Cordalis, Costa Concordia. Das ganze Programm.

Man könnte in diesem kleinen Blog unter Umständen einen Versuch starten, einen flammenden Appell an das vernünftige Deutschland zu richten, bitte, bitte bis zum Deutschland-Spiel am Freitag auf jegliche Griechen-Kalauer zu verzichten. Plus Redeverbot für Rehakles. Der Aufstand der Anständigen. Aber es würde natürlich komplett zwecklos sein. Die Wortwitze werden auf uns niederprasseln wie die Frösche in dem Film "Magnolia".

Ich erzähle da lieber mal als Kontrapunkt einen Holländerwitz. Die sind ja ähnlich ruhmlos ausgeschieden wie unsere Gastgeber, und ein Freund aus Amsterdam hat mir dies zugeschickt: "Die niederländische Nationalmannschaft hat in der Ukraine ein Kinderheim besucht (was sie übrigens wirklich getan hat). 'Es war erschütternd, die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung in den leeren Augen zu sehen.' Sagte anschließend der fünfjährige Sergej." Ich fand das eigentlich lustig.

Die Niederländer sind mittlerweile alle wieder daheim, beziehungsweise auf irgendeinem Campingplatz an der Côte d'Azur, und ihr Spielort Charkiw ist dadurch wieder komplett orange-frei. Das dürfte auch den Machthaber Janukowitsch, den in Charkiw durchaus beliebten Präsidenten, beruhigen.

Was ohne große Überleitung zu der Frage führt, was eigentlich aus dem in den Vorwochen so aufgeregt diskutierten Protest der deutschen Fußballfamilie gegen die Haft der in Charkiw einsitzenden Julija Timoschenko geworden ist, als das DFB-Team letztens in der Stadt gegen die Niederlanden anzutreten hatte. Ist wohl unter der ukrainischen Sommersonne weggeschmolzen. Es war aber auch wirklich warm dort drüben.

Die Polen haben keine ähnlich gelagerten Wetterprobleme, bei ihnen funktioniert die Demokratie einigermaßen. Hier ist es den Juni über konstant kühl, das Team ist ausgeschieden - also alles Petitessen, die das sogenannte EM-Fieber nicht weiter berühren. Die Danziger Autofahrer fahren unbeirrt weiter tapfer ihre Polska-Fähnchen spazieren, als wäre nichts gewesen. Das ist eben Sommermärchen. So etwas ist nicht auszutreiben.

Und die deutsche Nationalmannschaft? Die Bundeskanzlerin hat angekündigt, dass sie am Freitag gegen die Griechen auf der Tribüne sitzen werde. Na, ja, besser sie als Khedira.

Peter Ahrens

20.6. Mixed Zone: Ab jetzt nur noch mit Strass!

Rechtsverteidiger Jérôme Boateng: Zwischen Blutgrätsche und Strassstein Zur Großansicht
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Rechtsverteidiger Jérôme Boateng: Zwischen Blutgrätsche und Strassstein

Ich oute mich: Ich habe genau so viel Ahnung von Mode, wie vom Kochen oder Tanzen. In der Küche habe ich schon einmal einen Tee aufgebrüht, im Klub gehöre ich zur Kopfnicker-Fraktion. Deshalb darf ich mir eigentlich nie, nie, nie ein Urteil über Klamotten oder Accessoires erlauben. Zudem echauffiere ich mich immer ungemein darüber, wenn irgendwer - geschlechterunabhängig - über Trikotgrößen und -farben, Frisuren oder "ästhetisch-erotisches" Gehabe (jap, zumeist geht's um Cristiano Ronaldo) von Fußballern lästert. In diesen Fällen spiele ich mich immer gerne als Verfechter des Sports auf und kritisiere dieses "bunte" Betrachten.

Doch heute schreibe ich mich zum Pharisäer.

Dabei ist der Grund nichtig: Ich breche mit meinen Überzeugungen wegen eines Rucksacks. Gesehen habe ich das Teil bereits mehrfach im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südfrankreich und zuletzt auch nach allen Spielen des DFB in der Mixed Zone.

Nach den Spielen gehen alle DFB-Akteure durch einen abgesperrten Bereich, in dem Journalisten auf sie warten. Die heilige Mixed Zone. Es ist ein wenig wie im Zoo. Auf der einen Seite stehen Menschen mit einem Aufnahmegerät, Stift und Papier. Auf der anderen Seite befinden sich die Attraktionen. Die Fußballstars gönnen sich dann ein paar Minuten, um zumeist sinnentleerte Aussagen auf noch sinnfreiere Fragen zu geben. Das hört sich dann so an: "Werden sie Europameister? Antwort: "Wir schauen nur von Spiel zu Spiel." Oder: "War Lars Bender heute der Matchwinner? Antwort: "Wir sind ein Team."

Wenn die Spieler durch die Mixed Zone laufen, sind sie meistens frisch geduscht, fein frisiert und verbreiten eine Duftwolke wie man sie sonst nur auf Geburtstagen von übermotivierten 16-Jährigen erlebt. Manche der Spieler bleiben bei den Journalisten stehen. Andere watscheln vorbei. Die, die vorbeigehen haben immer triftige Gründe. Mal haben sie nicht gespielt und wollen nicht über ihre Ersatzrolle sprechen. Mal fühlen sie sich, wie zuletzt Mats Hummels, ungerecht behandelt und zu sehr kritisiert. Die Spieler sind auf dem Fußballplatz häufig knallharte Grätscher und Kämpfer, im alltäglichen Leben sind sie zuweilen sehr gefühlige Seelen.

Eine solche scheint auch Jérôme Boateng zu sein. Der Münchner, der zuletzt der Blickfang des Boulevards war, ist sauer auf die Medien. Er unterscheidet dabei nicht, ob es ein großes Revolverblatt war, das seine nächtlichen Ausflüge abknipste oder ob jemand von einem seriösen Medium mit ihm über die Anforderungen an seine Rolle als Rechtsverteidiger sprechen möchte. Boateng schweigt sich die meiste Zeit bei dieser EM einfach aus. Er läuft zwar ebenfalls frisch geduscht, frisiert und parfümiert durch die Mixed Zone. Aber er ignoriert die meisten "Jérôme, Jérôme"-Rufe. Er geht viel lieber mit gesenktem Kopf an allen vorbei, hinein in den Bus, der ihn zum Flughafen bringt.

Und trotzdem bleibt Boateng jedem im Gedächtnis. Denn auf Boatengs Rücken hängt etwas, was man grob als "Rucksack" kategorisieren kann. Es handelt sich um ein schwarzes Stoff-Leder-Gemisch. Darauf genäht: STRASSSTEINE. Silberne, kleine, zumeist runde Steine, umgeben mehrere große, spitze Pyramiden. Boateng trägt zu diesem Rucksack zumeist kurze Hosen, Stutzen und Turnschuhe. Es sieht aus, als habe ein Pfadfinder einen Gutschein für Swarowski erhalten.

Und es wirft eine Frage auf: Kann sich irgendwer Jürgen Kohler, Klaus Augenthaler oder etwa Berti Vogts mit einem STRASSSTEINRUCKSACK vorstellen? Brutale, knallharte Verteidiger, deren Hauptziel es war, im Zweifel einen Beinbruch einem Gegentor vorzuziehen. Auch Boateng gilt als Raubein. Zuletzt stibitzte er im Spiel gegen Portugal Ronaldo einen einschussbereiten Ball vom Fuß. Hätte Boateng nicht das Spielgerät getroffen, hätte er Ronaldo wohl sein Bein stibitzt. Boateng ist kein klassischer Mitläufer, wie es so viele in der Nationalmannschaft sind. Er traut sich etwas, wirkt manchmal unbedarft unbequem. Einer mit Ecken und Kanten, wie er hier im Blog auch schon an anderer Stelle gelobt wurde.

Und so jemand trägt STRASSSTEINRUCKSÄCKE?

Es mutet komisch an. Wobei es wohl mehr über mich sagt als über Boateng. Es zeigt mir, welch suspekte Stereotypen in meinem Kopf vorherrschen. Ich denke immer noch, dass Abwehrspieler sich morgens mit einem Stock die Zähne putzen, nachmittags etwas rohe Leber essen und abends beim Spiel ihre Gegner "bis aufs Klo verfolgen" (so beschrieb einst Uli "die Axt" Borowka seinen Arbeitsethos). Doch die heutige Spielergeneration ist anders, kultiviert, bescheiden. Keiner will anecken, niemand lehnt sich aus dem Fenster, Abwehrspieler können, wie beispielsweise Hummels, die neuen Intellektuellen einer Mannschaft sein. Oder modische Trendsetter wie Boateng.

Das gibt mir zu denken. Deshalb habe ich mir am Flughafen eine "Vanity Fair" gekauft. Dort kann man sich bestimmt etwas Interessantes abgucken. Vielleicht kann man sich so einen Rucksack auch irgendwo bestellen. Oder bastelt man sich heute so etwas selbst, um die Individualität hervorzuheben? Zur Absicherung bestelle ich mir nun fünf Kilo chinesischer Strasssteine. Amazon führt diese für 9,69 Euro.

Rafael Buschmann

20.6. Hamburg: Die Ernüchterung zwischendurch

Tor geschossen, aber nicht begeistert: Wayne Rooney hat das Zeug zum EM-Maskottchen Zur Großansicht
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Tor geschossen, aber nicht begeistert: Wayne Rooney hat das Zeug zum EM-Maskottchen

Die Welt erscheint einem in einem neuen, schöneren Licht während großer Fußballturniere, hat der spanische Denker und Schriftsteller Javier Marías einmal anlässlich einer Weltmeisterschaft behauptet - als lege sich ganz automatisch ein grünes Band der Sympathie vor die Augen des Geistesmenschen, sobald der Ball rollt. Leider scheint dieser erfreuliche Zauber nicht immer zu funktionieren. Im Fall dieser Europameisterschaft lässt sich sogar sagen: Gurkenkicks wie das Spiel England gegen Ukraine, aber auch der ziemlich dröge deutsche Erfolg über die Dänen werfen uns aufs Gröbste zurück auf die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz.

Die Euphoriewelle, die den Fußballfan in der Regel ein paar Turnierwochen lang verlässlich trägt, hat am Ende dieser EM-Gruppenphase entschieden Pause. In Deutschlands Kneipen verbreiten zwar auch am Dienstagabend jede Menge Fernsehschirme ihr grünes Leuchten, wer aber, zum Beispiel im Hamburger Schanzenviertel, genauer hinsieht, der bemerkt ein bisschen verblüfft: Sehr viele Menschen gucken überhaupt nicht mehr hin. Klar, wenn mal ein Tor fällt, ist kurz Aufmerksamkeit da, die Glotze wird vom Nebenbeimedium zur Hauptsache. Der Spieler aber, dem man dann beim Torjubel betrachtet, ist kein strahlender Götterliebling, der Männer und Frauen zum Träumen animiert. Es ist der irdischste Fußballheld, den man sich vorstellen kann: Wayne Rooney. Der King der Proll-Coolness. Und eine passende Symbolfigur für die merkwürdige Katerstimmung, die uns in diesen Tagen heimsucht.

Wo bleibt die Magie? Das ist der Grundjammer des großen Hangovers, den viele Fußballfreunde und viele Medienleute jetzt spüren. Das Erschrecken beim Anblick von Rooney, das Klagen über den so genannten Rumpelfußball dieser EM, die Abscheu gegenüber prügelnden Fans - all das ist eng verwandt mit dem Grauen beim Anblick von Waldemar Hartmann. Feinsinnige Menschen merken plötzlich, wie doof Fußball auch sein kann. Nun mag Waldi diesmal besonders dumpfbackig sein, das Spiel der meisten Teams außergewöhnlich reizlos, der Hass der Hooligans noch öder als je zuvor: Vermutlich ist es trotzdem nicht allein eine Qualitätsfrage, dass für den vorher so ausgiebig beschworenen Zauber der Ballkunst bislang diese EM der falsche Ort zu sein scheint.

Wo zum Beispiel ist die Begeisterung der Intellektuellen für den Fußballsport, die noch zur letzten WM praktisch alle Feuilletons füllte, diesmal abgeblieben? Im EM-Jahr 2012 muss niemand mehr behaupten, die Hipster des Geisteslebens und die reichen Leute seien im Begriff, den Proletarier- und Proletensport Fußball ganz für sich zu vereinnahmen. Diesmal schweigen die Dichter. Und den reichen Protzfans sind die Gastgeberländer der EM offenbar nicht komfortabel genug. Anders gesagt: Bei dieser EM gehört der Fussball wieder den eher schlichten Typen. Den Lads, die Zoten reißen wie Herr Hartmann. Den Rumpelkönigen vom Schlage Rooneys. Und den Muskeln von Mario Gomez. Denn auch in der Verehrung, die der Oberkörpermuskulatur des schwäbischen Schützenkönigs Gomez derzeit zuteil wird, offenbart sich letztlich eine heitere Form des prolligen Schwachsinns: Der Fußball ist diesmal kein Fall für "Lettre"-Leser, sondern für "Fit For Fun"-Abonnenten.

Sollen wir hoffen, dass der Kater bald vorbei ist? Dass möglicherweise doch noch Peter Sloterdijk oder Sibylle Lewitscharoff in pompöser Weise das Wort zur EM-Endrunde ergreifen? Dass uns alle die magische Verzückung doch noch packt? Fußball sei "wie eine riesige Theateraufführung, in der alle Arten von Schicksalsschlägen auftreten", hat Javier Marías gesagt. Das heißt: Man muss immer mit dem Schlimmsten rechnen. Man kann aber auch stets auf das Allerbeste hoffen.

Wolfgang Höbel

19.6. Hamburg-Eimsbüttel: Der wahre Super-Mario

Knalltüte Mario Balotelli: "Ich glaube, ich bin ein Genie." Zur Großansicht
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Knalltüte Mario Balotelli: "Ich glaube, ich bin ein Genie."

So, genug über das Vorrunden-Aus der Niederlande und das Weiterkommen der Deutschen gefreut? Ja? Dann ist nämlich jetzt Zeit für den Backlash, für den Ärger darüber, dass bei dieser EM eigentlich die falschen Mannschaften weiterkommen - oder zumindest die falschen Spieler. Wenn dieses Turnier nämlich etwas braucht, dann sind es Diven wie der Niederländer Arjen Robben, Spieler, die das Publikum spalten, die überzogene Erwartungen wecken und dann nicht erfüllen, Spieler, denen nicht nur Franck Ribéry eine reinsemmeln will.

Bislang dominiert bei dieser EM aber der Spielertypus "freundlicher Dienstleister", der einfach nur gut funktioniert und das bei Pressekonferenzen auch noch genau so rüberbringt. Haben Sie sich nicht insgeheim auch ein wenig gegruselt, als Sie Lars Bender nach dem Spiel gegen Dänemark gesehen haben? Wie souverän der 23-Jährige sein Siegtor erklärt hat, welchen entspannten Witz er für seinen Konkurrenten um die Position des Rechtsverteidigers, Jérôme Boateng, übrig hatte, wie er den versammelten Journalisten bei der Pressekonferenz zugezwinkert hat? Wie medienkompatibel kann man eigentlich noch sein?

Dass Bender nun die größten Chancen hat, ausgerechnet Boateng aus der Startelf zu verdrängen, ist symptomatisch für die neue Langeweiler-Fußballkultur, die kaum jemand so gut repräsentiert wie Jogi Löws Mannschaft. In diesem Team ist einfach kein Platz mehr für eine Diva, einen Charakterkopf, ein irgendwie doch geniales Arschloch. Bezeichnend, wie sehr sich Boateng dafür rechtfertigen musste, dass er vor dem Turnierstart einen Abend mit einer ehemaligen "Germany's Next Topmodel"-Kandidatin verbrachte. Die Freundin zu Hause, die gemeinsamen Zwillinge, alles wurde ihm vom Boulevard unter die Nase gerieben. Erst, als sich die vermeintliche Freundin zu Wort meldete und aufklärte, dass man sich schon längst gütlich getrennt hätte, war halbwegs Ruhe. Jogi Löw sprach trotzdem von sechs Spielen Bringschuld für Boateng - natürlich mit einem telegenen Schmunzeln auf den Lippen.

Nein, von der deutschen Mannschaft ist wirklich kein Funken Aufbegehren mehr zu erwarten. Denn wenn nicht gerade Löw einnordet, steht schon der strebsame Mehmet Scholl im Fernsehen bereit, der jedem eins mitgibt, der sich mal traut, nicht jede Minute mannschaftsdienlich zu spielen. Sogar frisurentechnisch wagt hier keiner mehr den Aufstand, Marco Reus' blonder Mittelstreifen ist bereits das wildeste der Gefühle.

Zum Glück sind aber noch andere Mannschaften und vor allem andere Spielertypen als die Deutschen im Turnier. Da ist zum einen Cristiano Ronaldo, der allein schon, wenn er sich nur zum Freistoß aufstellt, für tosende Empörungsstürme sorgt. Und dann ist da der Italienier Mario Balotelli - einer, den das Trikotanziehen überfordert, der Feuerwerkskörper auch mal im Haus anzündet und sich nicht zu schade ist, im Vorfeld der EM zu sagen: "Ich glaube, ich bin ein Genie."

Balotelli hat bereits mit diesem Hackentrick für eine der spektakulärsten Szenen der EM gesorgt. Gegen Irland erzielte er am Montagabend mit seinem Fallrückzieher nun auch noch eines der spektakulärsten Tore. Aber was machte sein Teamkollege Leonardo Bonucci? Jubelte erst mit Balotelli über dessen Tor - und hielt ihm dann den Mund zu. Wir können nur hoffen, dass das nicht die bezeichnende Szene dieses Turniers wird.

Hannah Pilarczyk

18.6. Auf den Straßen Hamburgs: Klärung der Höschenfrage

Mittelstürmer und Model Mario Gomez: "Kein Tattoo, nur schöne Haare" Zur Großansicht
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Mittelstürmer und Model Mario Gomez: "Kein Tattoo, nur schöne Haare"

Als Matthias Opdenhövel vor dem Anpfiff der Partie zwischen Dänemark und Deutschland auf den Schleichwerbewäsche-Vorwurf gegen den Dänen Bendtner zu sprechen kam, der nach seinem Tor gegen Portugal bei einem Jubel-Strip seine Unterbux (und damit ein Markenlogo) entblößt hatte, und der ARD-Moderator die Frage aufwarf, was man denn überhaupt drunter tragen darf, schnitt er das Thema des Tages an. Denn obwohl das Weiterkommen der deutschen Elf kurzzeitig gefährdet schien, war der Abend eher von Gelassenheit geprägt - und die lädt ja dazu ein, auch mal Stilfragen zu erörtern und den Fashionistas unter den Fußballfans zu ihrem Recht zu verhelfen.

Das gilt im Fernsehen genauso wie für Hamburger Straßen-Fußballgucker, unter die sich der Autor dieses Blog-Eintrags begeben hatte, nachdem das erste nachbarschaftliche Public Viewing vor der Haustür/ mitten auf der Straße gut gelaufen war. Die Zahl der Übertragungsgeräte war an diesem Spieltag auf drei Fernseher plus Laptop angewachsen, so dass sie nun sogar die der in der Straße parkenden Autos überstieg. Man guckte Jogi, grillte, spielte Open-Air-Darts und ließ sich die Laune auch von den Halbzeit-"Tagesthemen" nicht verderben, die ja über ernsthafte Entwicklungen berichteten: Wen haben die Griechen gewählt? Wie halten sie's mit Europa? Als Carmen Miosga vor einer hell angestrahlten Akropolis über das Schicksal des Euro orakelte, hätte das Desinteresse jedenfalls nicht größer sein können ("Und das ist jetzt aus der Ukraine, oder was?). Miosga wurde lediglich mit einer beiläufig verteilten Stilnote für ihr Oberteil bedacht, mehr nicht: "Cool, ist das rosa!?"

Aber dem TV-Publikum war es ja so vorexerziert worden, siehe Opdenhövel und seine Höschenfrage. Hier vertrat der ARD-Wäschefachmann eine angenehm freizügige Anything-goes-Position, verscherzte sich dann aber mit dem Spruch, sein Ko-Moderator Mehmet Scholl sei untenrum nackig, wofür der Ex-Teenieschwarm den Beweis vor laufender Kamera zum Glück schuldig blieb. Nach dem Schlusspfiff nahm das Duo diesen Faden wieder auf, wechselte jedoch von Textil- zu Frisurfragen, als die Regie einen Auftritt Wayne Rooneys einspielte. Woher der Engländer plötzlich wieder Haare habe, wunderte sich Opdenhövel und schob maliziös nach, dass Scholl diesbezüglich ja kein Glück widerfahren sei. Der vorzeitig Verglatzende konterte souverän. Er habe in der Summe gar keinen Haarverlust zu beklagen, denn was ihm auf dem Haupt verloren gehe, werde durch Zuwuchs auf dem Rücken kompensiert. Wofür der Ex-Teenieschwarm den Beweis vor laufender Kamera zum Glück schuldig blieb.

So plapperten die zwei also über Looks ober- und unterhalb der Gürtellinie. Und - wer weiß es schon genau? - vielleicht verdankte sich diese Schnatterei ja einer Nachricht, die im Vorfeld der EM-Begegnung so manchen Medienarbeiter elektrisiert haben mag. Kai Diekmann, der als Chefredakteur der "Bild"-Zeitung im deutschen Journalismus mit einem ähnlichen Image kämpft wie FC-Chelsea-Trainer Roberto Di Matteo im europäischen Fußball (Team spielt oft eher hässlich, aber erfolgreich), hatte sich in eigener Sache zu Stilfragen geäußert. Der Boss des Boulevardblattes hat sich von seiner über 27 Jahre (!) zur Eigenmarke kultivierten Halblang-nach-hinten-gekämmt-Frisur getrennt, deren tadelloser Sitz stets der Verwendung eines Frisurfestigers zugeschrieben worden war. Nun aber verriet Diekmann der Nachrichtenagentur dapd, und zwar entgegen der "Legende" (wie er sich ausdrückte): "Ich habe noch nie in meinem Leben Gel benutzt!"

Das Bekenntnis sorgte für großes Rätseln unter meinen Kollegen: Wie war dieser Look alternativ zu erreichen? Einer, beruflich in Asien, verwies via Facebook darauf, dass man in seinem "Umfeld" oft "Oliven-, Mandel- oder Senföl" verwende. Ein anderer tippte auf ein bekanntes Haarpflegeprodukt, das laut Eigenwerbung "im Herz der Rezeptur immer noch unverändert und die einzige noch erhältliche deutsche Frisiercreme aus den 1950ern" ist. Der Einsatz dieses Mittels aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts scheint immerhin plausibel, zumal es in gewisser Hinsicht der Linie von Diekmanns Blatt entspräche, dem Kritiker ja bisweilen Wertkonservatismus vorwerfen, etwa in Geschlechterfragen.

Das gilt ähnlich für "Waldis Club" in der ARD, dem auch in diesem Blog bereits bescheinigt worden ist, dem fröhlich fidelen Fußball-Machismo eine ideologische Heimstatt zu geben. Als bei Waldi nach dem Dänemark-Spiel unter kerligem Gelächter der Rat eines Zuschauers an Mesut Özil verlesen wurde, "doch mal Gina-Lisa aufs Zimmer zu nehmen", dann bessere sich das schon mit der Leistung, passte das ins Bild. Andererseits zeigten sich an diesem Spieltag selbst Gastgeber Hartmann und seine Gäste interessiert an Stylingfragen. Als die Herrenrunde die per Vote als mies eingestufte Leistung vom Mario Gomez erörterte, nölte Waldi, dieser nun wahrlich unerwartete Stilgott ex machina, Gomez habe ja auch "kein Tattoo, nur schöne Haare". Das rief den selbst großflächig gestochenen Ex-Handball- und Hochglanzmagazin-Star Stefan Kretzschmar auf den Plan, der Gomez zur Seite sprang: "Der sieht wahrscheinlich für die meisten Männer ein bisschen zu gut aus, deswegen beleidigen sie ihn auch."

Woraufhin Waldi seinen Wunsch kundtat, sich "noch einen mit schönen Haaren anschauen" zu wollen - er meinte den Portugiesen Ronaldo. Showmaster-Veteran Frank Elstner schwärmte schließlich vom deutschen EM-Team von 1972, als die Kicker "viel schönere Frisuren" hatten, bis Waldi schlussendlich sogar vom Stil- in den Sexualitätsdiskurs wechselte und freimütig Zweifel an seinem männlichen Selbstverständnis preisgab: "Es gibt Zeiten, da gucke ich Frauen noch nach, aber ich weiß manchmal nicht mehr, warum."

Das lassen wir jetzt mal so stehen und ergänzen nur: Das niederländische Team lief in Schwarz auf. Die absolut angemessene Farbwahl bei jeder Beerdigung, auch der eigenen.

Thorsten Dörting

17.6. Der Jan-Test

Sehen Sie? Sie sehen keinen Jan. Warum ist das so? Zur Großansicht
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Sehen Sie? Sie sehen keinen Jan. Warum ist das so?

Lust auf einen kleinen Test? Sie haben zwei Minuten Zeit für die folgende Aufgabe. Sie ist nicht leicht, Sie dürfen deshalb ausnahmsweise sogar Google benutzen oder einen Ihrer Freunde fragen, die immer behaupten, sie wüssten alles über Fußball: Nennen Sie einen deutschen Nationalspieler, der bei einer Fußball-WM oder EM im DFB-Kader stand und mit Vornamen Jan hieß. Geht los! 1:59, 1:58, 1:57.

Während Sie jetzt suchen oder suchen lassen, ein kleiner Ausflug in die Geschichte deutscher Nationalteams. Die Mannschaften waren ja immer auch Spiegelbilder der Gesellschaft, Malocher in den Fünfzigern, viele Langhaarige und ein paar Hippies in den Siebzigern, viele Schnauzbartträger und ein paar Intellektuelle in den Achtzigern. Wohlerzogene Söhne von ehemaligen Hippies in die Neunzigern.

(1:40, 1:39, 1:38, na? Kommen Sie voran? Marcell Jan - sen zählt nicht. Carsten Jan - cker auch nicht. Jan muss der Vorname sein.)

Nun trugen diese Kicker nicht nur Rückennummern, sondern auch Vornamen. Und auch die waren stets ein Spiegelbild der Gesellschaft, denn die beliebtesten deutschen Vornamen tauchten mit zwei Jahrzehnten Verzögerung in schöner Regelmäßigkeit in den Nationalmannschaften auf und holten Titel um Titel.

Hans, Werner und Horst führten zum Beispiel die Hitlisten der meistvergebenen Jungennamen Mitte der Zwanziger bis in die dreißiger Jahre hinein an. 1954 wurden Hans Schäfer, Hans Bauer, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel Weltmeister.

In den Vierzigern und Fünfzigern war der Name Hans noch immer sehr beliebt, weshalb es nicht verwundert, dass im 74er-Weltmeisterkader gleich drei vertreten waren: Hans-Hubert Vogts, Hans-Josef Kapellmann sowie Hans-Georg Schwarzenbeck.

(1:11, 1:10, 1:09. Sie werden mittlerweile vielleicht auf Jan Schlaudrauf gestoßen sein, aber der zählt nicht, weil der Mann von Hannover 96 nie im DFB-Kader bei einem Großereignis stand)

Thomas und Stefan lösten den Hans in den Sechzigern dann ab und fanden sich schließlich auch in dem Team wieder, das 1990 Weltmeister wurde: Als Thomas Häßler, Thomas Berthold und Stefan Reuter. Drei Spieler hießen Andreas (Möller, Köpke und Brehme) - sie trugen den drittbeliebtesten Vornamen der sechziger Jahre.

(0:48, 0:47, 0:46. Immer noch nichts? Kleiner Tipp: Das kann Gründe haben.)

Wir sind auch gleich durch. Fehlen noch die 96er Europameister. Ganz weit vorne im maßgeblichen Geburtszeitraum: Christian, Stefan, Andreas, Thomas. Die Namen finden sich alle im Titelteam wieder, ergänzt um ein Oliver-Trio (Reck, Kahn, Bierhoff). Oliver war zwar nicht so beliebt unter den jungen Siebziger-Eltern (nur Platz 11), aber zwei von drei sind auch Torhüter geworden, und einer davon Oliver Kahn.

Der EM-Titel 1996 war der letzte Turniersieg eines DFB-Teams. So eine titellose Durststrecke gab es zwar immer mal wieder, aber der Grund dafür ist diesmal möglicherweise kein sportlicher. Sondern Jan. Jan ist seit Mitte der Achtziger der beliebteste deutsche Vorname. Er hat Christian abgehängt und er hat die Neunziger dominiert. Schon längst müsste es einen Jan in der Nationalmannschaft gegeben haben, der um einen großen Titel mitspielt.

(0:03, 0:02, 0:01, Aus.)

Aber da war NIE einer. Und wer jetzt glaubt, es sei ja noch Zeit und da würde schon bald einer kommen, der irrt: Bis hinunter in die U15 des DFB gibt es offenbar nur einen einzigen Jan. Jan Kirchhoff heißt er, ist 21 und Abwehrspieler bei Mainz 05. Ein Talent, mehr noch nicht. Aber auch die Hoffnung für 2014. Dann ist WM, die nächste Chance, die Durststrecke zu beenden. Bei dieser EM wird es aus genannten Gründen ja wieder nichts mit einem Titel. Oder kann man diesen Jan vielleicht noch nachnominieren?

Christian Gödecke

16.6. Berlin: Sturm in Donezk, Tröpfeln in Kreuzberg

Die Zeit feilt alle Wunder. Diese EM, es muss leider mal festgestellt werden, ist lahm, langweilig und öde. Machen wir uns nichts vor: Es hat sich Routine eingeschlichen. Zum Beispiel hier: Alle zwei Jahre jetzt seit 2006 schleppen die Kneipen- und Spätkaufbesitzer hier im Kreuzberger Graefekiez ihre Flachbild- und sonstigen TV-Geräte aus dem Hinterzimmer auf eine Bierbank draußen auf der Straße, der ganze Kiez summt und brummt während des Turniers, es ist Sommer, es ist diese herrliche Fußballstimmung, unsere Jungs liegen vielversprechend im Rennen, es könnte wunderbar sein, aber es ist seltsamerweise alles ziemlich egal.

Da kann man noch so viel "Schwarz-Rot-Geil" herbeischreiben, es ist nicht mehr dasselbe. Wir haben uns gewöhnt an die konstant guten Leistungen der DFB-Elf, können uns mit ihr identifizieren, haben ihre nun auch nicht mehr ganz so neue Spielphilosophie mit Freuden nicht nur akzeptiert, sondern internalisiert, und könnten Löw und seinen Leuten nicht einmal mehr so richtig böse sein, wenn sie mal verlören, weil sie ja alles richtig machen, schon seit Jahren. Noch nicht einmal mehr über Oliver Bierhoff kann man sich aufregen, also müssen irgendwelche TV-Moderatoren herhalten, die irgendwas gesagt haben, was angeblich doof ist, und überhaupt, diese ZDF-Kulisse auf Usedom! Gähn.

Vor dem "Tire Bouchon" sind noch jede Menge Plätze frei, dabei spielt doch gerade Frankreich gegen die Ukraine, beziehungsweise: Sollte spielen, wenn da nicht dieses Unwetter das Stadion von Donezk überfluten würde. Béla Réthy vom ZDF müht sich redlich, dem feuchten Nichts, das sich gerade auf dem Bildschirm abspielt, eine lustige Seite abzukommentieren, aber es mag ihm nicht gelingen. Sturm in Donezk, in Berlin tröpfelt's nur. Seufzend denken wir an Günther Jauch und Marcel Reif und das zusammengebrochene Champions-League-Tor 1998 in Madrid, das waren noch Zeiten, aber heute, na ja, wir wenden uns ab. Der Kumpel, ein Fotograf, erzählt, dass er jedes Mal weniger Fan-Meilen-Fotos verkaufen kann, die Redaktionen winken ab, diesmal geht er schon gar nicht mehr hin, lohnt sich nicht.

Was tun? Wir beschließen kurzerhand, es dem Stadion von Donezk gleichzutun und uns so richtig schön volllaufen zu lassen. Das Spiel läuft mittlerweile auch schon wieder, wir gucken aber nur aus den Augenwinkeln, glaubt sowieso kein Mensch, dass irgendeiner aus der Gruppe D Europameister wird, viel interessanter ist es, darüber zu reden, ob nicht Roger Sterling den guten Don Draper als Role Model abgelöst hat in "Mad Men", und schau mal, ist das nicht auffällig: Hier sitzen viele Jungs zusammen, die sich offensichtlich nicht so besonders für Fußball interessieren, dafür aber sofort die Augen aufreißen, wenn eine schöne Frau Anstalten macht, sich in die Nähe zu setzen. Macht aber keine Anstalten.

Halbzeit, hier ist nix los, wir machen daheim weiter, erst mal noch ein paar Biere holen, und als wir wieder nachschauen, haben wir zwei Tore verpasst. Na so was aber auch. Überhaupt, die Zeit, sie ist ein Problem. Da gibt man eine Menge Geld monatlich an die Telekom für ihr tolles Entertain-Paket, das Fernsehen kommt übers Internet, alles in HD, alles angeblich live, aber leider mit mindestens zehn Sekunden Verspätung. Das ist normalerweise kein Problem, aber bei geöffneten Fenstern in Kreuzberg schon. Die Kneipenwirte arbeiten offenbar alle mit DVBT-Empfängern, die sind etwas schneller als IPTV (obschon längst nicht so schnell wie das gute alte Analog-Signal), was bedeutet, dass man bei jeder interessanten Spielsituation in Strafraumnähe schon weiß, wie sie ausgeht, weil die Ahs und Ohs und gegebenenfalls der Jubel von draußen schon zu hören sind, während sich daheim der Ball noch im Mittelfeld befindet.

So macht das keinen Spaß, wir geben auf, raus auf den Balkon, und reden weiter über den Euro und den eleganten Trick der Opposition mit der Abstimmung über das Betreuungsgeld, und noch ein Bier auf, und da unten auf der Straße läuft jetzt Schweden gegen England, da unten auf der Straße ist jetzt offensichtlich der Teufel los. Jubel, immer wieder Jubel, dazwischen gespannte Stille, dann erneuter Jubel, aber von anderen Leuten, da geht es hin und her, da ist Leben, was machen wir hier oben eigentlich, los runter, irgendwo ist sicher noch ein Platz frei, vielleicht sogar zwischen einer Schwedin und einer Engländerin, jetzt keine Zeit verlieren! Bis später, wir müssen los. Doch, schon geil, so eine EM.

Stefan Kuzmany

16.6. Wodka-Tanker und Blase-Rausch

Ukrainische Fans in Lwiw: Fanmeilen bringen alle Menschen auf dieser Erde zusammen Zur Großansicht
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Ukrainische Fans in Lwiw: Fanmeilen bringen alle Menschen auf dieser Erde zusammen

Ich habe das Opfer gebracht. Ich habe es mir angetan. Das volle Brett. Ich bin auf die Fanmeile gegangen.

Es war eine Art Akt tätiger Reue. Ich musste Buße tun. Schließlich hatte ich noch am Tag des Holland-Spiels einen kritischen Artikel über Bastian Schweinsteiger veröffentlicht, und das macht man nun mal nicht. Vor Turnierbeginn hatte ich zudem öffentlich meine Überzeugung kundgetan, dass Miroslav Klose in jedem Fall zur Startelf gehören werde, und Per Mertesacker als Abwehrchef galt mir auch als todsichere Sache. Ich hatte das Recht des Sportjournalisten auf Irrtum in extenso ausgedehnt. Es gab also genug Grund zur Strafe.

Sozusagen die Höchststrafe: eine ukrainische Fanmeile, wenn die Ukraine spielt. Auf der Leinwand Ukraine gegen Frankreich, vor der Leinwand Ukraine gegen den guten Geschmack.

Es mag die verschiedensten Kulturen auf der Welt geben, es gibt Euro-Geberländer und Pleitestaaten, es gibt so vieles, was uns voneinander unterscheidet - aber Fanmeilen bringen alle Menschen auf dieser Erde zusammen. Zumindest bringen sie sie auf ein gemeinsames Niveau. Da ist es egal, ob Heiligengeistfeld auf St. Pauli oder Svoboda Projekt in Lemberg.

Ich kenne nicht den ukrainischen Ausdruck für Vuvuzela, aber es muss ein hässliches Wort sein. Vermutlich Vuvuzela. Der sie direkt in meinen Gehörgang bläst, ist ein Dicker, der offenbar schon zum Frühstück ordentlich getankt hat. Wodka am hellichten Tag in Osteuropa, das ist natürlich nur ein albernes Klischee. Hier wird auch Wodka getrunken, wenn der Tag nicht so hell ist. Das ist prinzipiell ja auch gar kein unsympathischer Zug. Im Gegenteil: Die Stimmung in deutschen Büros wäre sicher um einige Deut besser, wenn man zu Mittag schon mal einen Prosecco lüpfen würde statt einer humorlosen Bionade. Aber im Übermaß genossen macht es die Leute doch ein wenig aufdringlich.

Also singt die Vuvuzela schon eine Stunde vor dem Anpfiff unablässig ihr trauriges Lied über den Platz im steten Versuch, die Livemusik, oder was man als solche bezeichnet, von der Showbühne gegenüber zu übertönen. Der Dicke steigert sich dabei in einen regelrechten Blase-Rausch. Ein Problem der Ukraine ist möglicherweise, dass hier einfach die falschen Leute eingesperrt werden.

Die Fans haben sich frohgemut ihre blau-gelben Nationalfarben auf die Wangen gemalt. Einige haben dazu nicht die übliche Theaterschminke verwendet, sondern Eddingstifte. Offenbar rechnen die Anhänger damit, dass ihr Team noch lange im Turnier verbleibt.

Der Ort für die Fanmeile ist so ausgesucht worden, dass direkt gegenüber der Großleinwand ein Denkmal steht. Es heißt tatsächlich Schewtschenko-Denkmal. Auch wenn nicht der ukrainische Fußball-Held damit gemeint ist, sondern der Nationaldichter des Landes. Aber es hätte als Anekdote so gut zu einem ukrainischen Sieg gepasst.

Aber es gibt keinen Sieg. Stattdessen Platzregen. Das Spiel in Donezk wird schon nach wenigen Minuten wegen Überschwemmung vorläufig geschlossen. Das hätte man mit der Fanmeile auch tun sollen.

Ich habe dann schnell das Weite gesucht. Letztlich ist ein kritischer Schweinsteiger-Artikel auch nicht so schlimm, finde ich.

Peter Ahrens

15.6. Und nun das Wetter

Fußballfan sein heißt heitere Regression: Vor allem männliche Erwachsene lernen während eines EM-Turniers ganz frisch das Staunen über die Welt, als sähen sie mit den Augen von Neugeborenen oder von Kleinkindern auf die Beschaffenheit des Erdendaseins. So rücken jetzt sehr elementare Dinge plötzlich in unser Bewusstsein, Dinge, die wir sonst achselzuckend akzeptieren. Der männliche Fußballfan erkennt jäh, was er vollkommen verdrängt hatte, und es überkommt ihn ein merkwürdiges Schaudern - erstens: Es gibt zwei Geschlechter. Und zweitens: Es gibt Wetter.

Das Staunen über die Sache mit den zwei Geschlechtern erklärt das sogenannte Müller-Hohenstein-Bashing, den doch sehr schroffen Umgang mit einer weiblichen Fachkraft in der EM-Berichterstattung, wie man ihn auch in diesem EM-Blog erleben konnte. Wir wollen aber heute das Wetter durchnehmen: Großartig, wie bei jedem wichtigen Fußballturnier ganz frisch entdeckt werden muss, dass nicht alle Tage Sonnenschein ist auf dem Platz! Leute, es gibt Regen, vor allem in Danzig und Umgebung, das war die Sensation des EM-Mittwochs. Ein nasser Ball spiele sich völlig anders als ein trockener, das war die Wahrheit, die Mehmet Scholl vor dem Spiel der Spanier gegen die Iren mit dramatischem Tremolo in der Stimme verkündete. Es liege an der "gummiartigen Oberfläche" des Spielgeräts, dass ein Pass im polnischen Regen anders geschlagen werden müsse als in der Gluthitze der östlichen Ukraine.

Es gibt viele Schlager und Gedichte über die Schönheit des Regens, in der poesiefernen Realität eines Fußballturniers macht Regen die Menschen und die Dinge eher hässlich. Selbst Joachim Löw sieht irgendwie bedröppelt und verkniffen aus, wie er am Mittwoch im polnischen Landregen auf dem Trainingsplatz steht. Der Kollege Trapattoni wirkt spätestens nach dem dritten Tor gegen seine Iren wie ein Mann, der weint. Dabei ist an allem vermutlich nur der EM-Ball schuld. Seine Iren kämen mit Regen gut zu Rande, hatte Trapattoni noch vor dem Spiel erklärt, sie seien es gewohnt, auf patschnassem Rasen zu spielen. Doch offenbar hatten Sie die Rechnung ohne die spezielle Beschaffenheit des EM-Balls gemacht.

Der offizielle Spielball der EM heißt Tango 12. Immerhin schon seit vergangenen Dezember kennt ihn die Welt, denn da hat ihn die Firma Adidas der neugierigen Öffentlichkeit vorgestellt. Bei Wikipedia lernen wir, dass der Tango 12 aus "thermisch verklebten sogenannten 3D-Panels" besteht, und diese wiederum zu 70 Prozent aus Polyurethan und zu 30 Prozent aus Kunstleder. Laut Adidas ist der Ball 432 Gramm schwer und hat einen Umfang von 68,9 Zentimetern, "die Sprunghöhe (bei einem Fall aus 2 Metern Höhe auf ideal harten Boden) liegt bei 142 Zentimetern. Auch in Sachen Rundheit, Luftdruckverlust und Wasseraufnahme entspricht der Tango 12 den Vorgaben der FIFA."

Experten wie Mehmet Scholl aber verkünden uns staunenden Fans: Jeder Ball hat seine eigenen Tücken - und dieser Ball ist rutsch. Besonders bei Regen. Nun ist das schöne deutsche Wort Ball ja ohnehin nah verwandt mit dem nicht minder anmutigen griechischen Wort phallos, das etwas "Anschwellendes" beschreibt. Die Eigenheiten des Tango 12 aber haben nicht mit einer etwaigen Wasseraufnahme der Außenhaut zu tun, sondern mit seiner Ästhetik. Der EM-Ball ist eine Schöpfung voller südländischem Temperament.

Bei der Optik des Balls orientierte man sich am klassischen Design des Tango-Urmodells, das erstmals bei der Fußball-WM in Argentinien 1978 verwendet wurde "Die Tango-typischen schwarzen Flächen werden beim Tango 12 von bunten Linien in den Farben der EM-Gastgebernationen Polen und Ukraine umrandet", heißt es in der Adidas-Prosa. Alles klar. Der Regen mag den Iren den Rest gegeben haben, aber im Grunde ist der EM-Ball schon prinzipiell der falsche. Iren können trinken, Iren können feiern und manchmal, mit anderen Bällen, sogar Tore schießen. Aber Iren können wirklich niemals je den Tango tanzen.

Wolfgang Hoebel

EM-Blog vom 15. Juni: Der Ball ist rutsch
Blog-Einträge vom 11. bis 14. Juni: Männer, die auf Ziegen starren
Blog-Einträge vom 7. bis 10. Juni: Die Frisur sitzt

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Fleißarbeit....
matthes schwalbe 21.06.2012
....dieses Artikels von einem Freelancer? Bewertung:"Viel zu lang!"
2.
andydevine 21.06.2012
Zitat von matthes schwalbe....dieses Artikels von einem Freelancer? Bewertung:"Viel zu lang!"
ähm, das ist ein Blog, bestehend aus einzelnen Artikeln, die wiederum durch unterschiedliche Datumsangaben und Überschriften voneinander getrennt sind.... Ist eigentlich so ähnlich wie mit ner Klopapierrolle, täglich ein paar Blatt, sonst wird man ja nie fertig.
3.
frubi 21.06.2012
Zitat von sysopREUTERSIm EM-Blog sammeln SPIEGEL-ONLINE-Autoren die schönsten Nebensachen zum Turnier. Diesmal: Wie sich die Niederländer über das Ausscheiden ihrer Nationalelf lustig machen - und die nicht ganz unwichtige Frage: Was ist aus den deutschen Timoschenko-Protesten geworden? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,840106,00.html
Lasst doch verdammt nochmal die Politik aus dem Sport. Ich will auch im TV keine Politiker oder Funktionäre auf den Tribünen sehen. Wie wäre es, wenn man sich in der Sportredaktion von SPON ein wenig mehr mit Spielsystemen, Pass-Stafetten und Raumdecken beschäftigen würde?
4. Timoschenko? Wie wäre es mit Putin oder Hu Jintao?
supernovaiswatching 21.06.2012
Merkel und co. - warum boykottieren sie nicht mal Putin oder Hu Jintao? So viele Oppositionspolitiker, die dort unter schlimmsten Bedingungen einsitzen oder einfach 'weg' sind, quasi nach Verhaftung unauffindbar... wieso in aller Welt sind sie, Frau Merkel, mit denen SO DICKE und tun nicht einmal den Mund auf, aber bei der rechtskräftig und legal verurteilten Timoschenko machen sie uns und aller Welt fast die EM kaputt? Wozu dieses Schauspiel? Timoschenko hat so viel Dreck am Stecken, hat nachweislich in die eigene Tasche gewirtschaftet und sie stehen so einer bei? PFUI. Merkel, machen sie den Mund erst bei Putin und Jintao auf und dann erst dürfen sie weiter reden und sich für Timoschenklo einsetzen! Heuschlerisch und pure Wahlkampfwerbung in eigener Sache, Frau Merkel, pfui pfui...!
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