EM-Kolumne "Goosens Grätsche" Untreu und Spaß dabei

Mon dieu, diese Franzosen! Man erinnert sich an eine rassige Schöne - und sieht plötzlich eine Alte ohne Zähne auf dem Platz. "Ist nicht bald ein spielfreier Tag?", fragte sich Frank Goosen schon heimlich - bis er den Fremdgänger in sich entdeckte.


Nach dem Reißer gegen Österreich macht sich so etwas wie eine postkoitale Mattigkeit breit. Irgendwo, ganz weit hinten im eigenen Hirn, sitzt ein kleines, hässliches Männchen, mit Rübennase und Warzenkinn, und es fragt: "Gibt es nicht bald mal einen spielfreien Tag?" Das darf nicht sein! Wir dürfen nicht schlappmachen! Unsere Jungs können auch nicht in der Konzentration nachlassen! Um das hässliche Männlein zum Schweigen zu bringen, öffne ich den Kühlschrank und starre zehn Minuten die darin lagernden Bierflaschen an. Morgens um zehn schon eine aufzuploppen, erscheint mir als zu radikale Lösung, die ich mir für nächste Woche aufsparen möchte.

Bei dem ganzen europäischen Spitzenfußball, mit dem man tagein, tagaus bombardiert wird, tut es gut, sich mal wieder auf das Wesentliche zu besinnen. Vor ein paar Monaten hatte ich das große Vergnügen, in einem Very-low-almost-no-budget-Film mitmachen zu dürfen, in dem es um einen in seiner Existenz bedrohten, fiktiven Kreisligaverein geht. Na gut, das Ding spielt in Dortmund, aber als mich die Anfrage erreichte, ob ich da in einem Mini-Part mitmachen wolle und mir den Trailer auf www.gratis-film.com ansah, stellte ich alle Bedenken zurück.

Film voller "echter Fressen"

Unter der Regie von Johannes Klais, einem Studenten der Fachhochschule Dortmund, kommt der Film ohne professionelle Schauspieler aus, bietet aber etwas, das man heutzutage im deutschen Film nur selten findet: Gesichter und Typen, die man im Ruhrgebiet anerkennend als "echte Fressen" bezeichnet. Zudem wirkt der Trailer zu "Oh Fortuna" überhaupt nicht low budget. Die echten Fressen agieren in großartigen, stimmungsvollen, kinofähigen Bildern.

Nachdem ich also im Februar als Hausmeister einer Spedition in Trainingsjacke anne Bude Bier holen gehen durfte, während einer der Hauptdarsteller in "meinem" Büro nach irgendwas Belastendem suchte, kam mir nun die Ehre zu, den Text zum neuen Trailer, der demnächst auch im Stadion des Erstligavereins der oben genannten Gemeinde gezeigt werden soll, zu sprechen. "In einer Stadt, in der Fußball Religion ist, hat ein kleiner Verein ein großes Problem." Hört sich an wie der erste Satz einer Doku über den VfL Bochum (dieser Vereinsname MUSSTE jetzt einfach noch fallen!).

Also stehe ich um 14 Uhr bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad in einer Zwölf-Quadratmeter-Holzbox mit einem als "gebraucht" zu beschreibenden Kopfhörer auf den Ohren und brumme aus kürzester Entfernung in ein sehr teures Mikrofon. Beim Durchhören sagt der Regisseur tatsächlich: "Da war ja schon viel Schönes dabei!" Normalerweise folgt dann ein Satz wie: "Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an!", aber der unterbleibt diesmal.

Irgendwann Anfang nächsten Jahres soll der Film fertig sein. Bitte merken Sie sich das schon mal. Vor allem, wenn Sie im Ruhrgebiet leben und wie ich der Meinung sind, dass der Sound dieser Gegend viel zu selten authentisch zu hören ist.

Unlust greift um sich

Am Abend greift wieder die Unlust nach mir. Wer reißt mich da heraus? Der Fußballkulturimperator Ben Redelings will parallel zu den heutigen Spielen noch an seinem neuen Buch herumschrauben, das im Herbst kommen soll. Scotty hat sich bereits gegen 19 Uhr mit dem heimischen Sofa verschweißt und plant nicht, das noch mal zu ändern. Also lenke ich meine Schritte kurz vor Anpfiff mal wieder um zwei Ecken ins EM-Studio des Alex M. Der Kunstrasen am Boden seiner Garage ist noch immer gut in Schuss, der riesige Kühlschrank brummt optimal gefüllt.

Es wird ein melancholischer Abend. Zur Mattigkeit kommt das Gefühl, einer alten Liebe über den Weg gelaufen zu sein, die in die Jahre gekommen ist und keinen guten Eindruck macht. Als der deutsche Fußball sich spätestens nach dem trügerischen EM-Sieg 1996 im freien Fall befand und den Anschluss an den Weltfußball verlor, verliebte ich mich 1998 Hals über Kopf in das elegante, schnelle Spiel der Franzosen unter Zizou. Schon vier Jahre später war die Sache eigentlich schon durch: Ohne ein Tor zu erzielen schied meine Amour fou bei der WM in der Vorrunde aus. Vor zwei Jahren dann ein letztes Aufbäumen. Irgendwie kamen sie ins Finale. Ich brachte den Kindern den Anfeuerungsruf "Allez les bleus!" bei. Zizou trat ab in einem letztlich doch großen Moment.

Und heute? Man erinnert sich an eine rassige Schönheit und sieht ein altes Gesicht ohne Zähne. Per Elfmeter und abgefälschtem Freistoß kommen die Schönlinge aus Italien weiter. Zu meiner Stimmung auf dem Heimweg passt am besten "Point blank" von Bruce Springsteen.

Auch der nächste Tag vergeht größtenteils mit ungewohntem Nachdenken. Der Vorteil, aber auch das Problem einer Existenz als Freiberufler ist ja die Möglichkeit, sich komplett auf eine Sache konzentrieren zu können. Und tatsächlich krieg ich auch gar nichts anderes hin. Mit Scotty hetze ich am Telefon ein wenig über die Fernsehübertragungen der Spiele. Klar, das Gerede der Reporter ist eine Sache.

Eine ganz andere ist die Bildregie. Ständig werden Wiederholungen zum falschen Zeitpunkt gezeigt. Man sieht noch, wie der Ball am Tor vorbeikullert, während im Hintergrund schon die Fans den nächsten Angriff bejubeln. Scotty nerven in Sonderheit die vielen Nahaufnahmen. Das soll uns wohl näher ans Spiel bringen, emotionaler sein, tatsächlich aber geht es einem mit maximaler Wirkung auf den Wecker, weil man, im wahrsten Sinne des Wortes, den Überblick verliert. Außerdem hasse ich es, wenn man mir Emotionen aufzwingen will.

Zu viel Überblick ist aber auch blöd. Als in irgendeinem Vorrundenspiel eine hochkarätige Torchance zuerst nur von der Schwebekamera über dem Spielfeld gezeigt wurde, waren in meinem Bekanntenkreis einige kurz davor, das Gerät aus dem Fenster zu werfen wie ein zugedröhnter Rockstar.

Gruppe D? Kein Sex-Appeal

Am frühen Abend stellt Frau Redelings eine niederschmetternde Frage: "Ist heute schon wieder Fußball? Und dann auch noch diese blöde Gruppe?" Die Gruppe D strahlt irgendwie keinen Sex-Appeal aus, da hat sie schon recht. Gruppe A hat die Exotik der Schweiz und die Eleganz der Portugiesen, das ewige Versprechen der Tschechen und die Leidenschaft der Türken. B ist "unsere" Gruppe. C muss man nix zu sagen: Niederlande, Italien, Frankreich. Rumänien zur Abrundung.

Aber D? Die hilflosen Griechen, die schon vor vier Jahren nie das Turnier hätten gewinnen dürfen. Die überalteten Schweden, die Ibrahimovic mit seinem kaputten Knie spielen lassen müssen, bis er auseinanderfällt. Die Spanier, mit ihrem scheintot wirkenden Trainer, denen man letztlich doch nicht zutraut, über ein ganzes Turnier hinweg zu brillieren. Und die schwer einzuschätzenden Russen. Die fast durch die Bank aussehen wie Jugendliche. Meint jedenfalls meine Frau, als wir uns am Abend erstmals zu viert, also inklusive komplettem Nachwuchs vor dem Fernseher plazieren.

Und wie Kinder spielen sie auch. So aufgedreht und, nun ja, man sagt wohl "unbekümmert". Und schnell, schnell, schnell. Traumhaft sichere, rasante Kombinationen, welche die Schweden aussehen lassen wie Oppa Heinz am Rollator. Vier, fünf Stück hätten sie den Skandinaviern einschenken müssen. Herrlich!

Jetzt wollen wir mal nicht so weit gehen, von einer neuen Liebe zu sprechen, aber ein bisschen fremdgehen ist mit diesen Russen schon drin.



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