Emanzipations-Kampf Gnadenschuss für die Hü-Hott-Mähre

Von der Gleichberechtigung sind wir Jahrhunderte weit entfernt. Doch es wäre naiv zu glauben, dass daran nur die dummen Männer Schuld sind. Es gibt einen weiteren, sehr mächtigen Feind der Emanzipation: Die dumme Frau.

Von Thea Dorn


Der F-Klassenfeind weltweit sind nicht die Männer. Es sind die dummen Männer, wie Marie von Ebner-Eschenbach bereits vor hundertfünfzig Jahren erkannte. Wobei der deutsche Feuilletonpascha, der lateinamerikanische Macho, der muslimische Frauensteiniger und der indische Witwenverbrenner nur unterschiedlich abstoßende Erscheinungsformen derselben Fratze sind. Und leider kann ich der derzeitigen deutschen geistig-politischen "Männer-Elite" die Frage nicht ersparen, warum ausgerechnet sie sich als Backlasher hervortun muss.

Das muslimisch-erzreaktionäre Marokko wird seit 1999 mit König Mohammed VI. von einem Mann regiert, der sich trotz Hasskampagnen der Bärtigen immerhin traute, den Harem seines Vaters aufzulösen und ein liberaleres Familienrecht einzuführen, wonach die kulturübliche Polygamie erschwert, das Heiratsalter auf 18 Jahre erhöht wird, und Frauen zum ersten Mal in der Geschichte des Landes Scheidungen einreichen können.

Das Geburtsland des Machismo, Spanien, hat mit seinem Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero einen Mann an der Spitze, der nach seinem Wahlsieg im März 2004 die schönen Worte sagte: "Wenn wir ein erneuertes demokratisches System schaffen wollen, das auf der Höhe der Demokratien des 21. Jahrhunderts ist, müssen die Frauen dieselben aktiven Rollen haben wie die Männer." Seinen schönen Worten ließ der Spanier schöne Taten folgen, indem er María Teresa Fernández nur zwei Tage nach Amtsantritt zu seiner Stellvertreterin ernannte und sieben der 14 Kabinettsstühle weiblich besetzte. Klar werden die deutschen Politiker jetzt einwerfen: "Was ist denn daran, bitte, so toll? Wir haben schließlich eine Frau zur Kanzlerin gemacht!"

Bemerkenswert an den spanischen Vorgängen ist, dass sie in einem Land geschehen, dass nicht bis 1945, sondern bis 1975 eine faschistische Diktatur war – in der Frauen ohne Zustimmung ihres Mannes keinen Pass beantragen durften; in der Ehemänner das Recht hatten, sich den Lohn ihrer arbeitenden Ehefrau aufs eigene Konto überweisen zu lassen; in der "Ehebruch" ein Delikt war, für das Frauen ins Gefängnis wanderten, wohingegen der männliche Seitensprung keinen Straftatbestand, sondern die von Don Juan inspirierte Alltagskultur darstellte. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde bei uns – vor allem dank der unbeugsamen Elisabeth Selbert, einer der vier Mütter des Grundgesetzes – 1949 in der Verfassung verankert, in Spanien geschah dies 1981.

Voll Hochachtung – und vielleicht auch mit ein bisschen Neid – muss man anerkennen, mit welcher Geschwindigkeit sich die Spanier und Spanierinnen in den letzten dreißig Jahren emanzipiert haben. In ihrem Buch So geht’s, Deutschland! hat die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Fokken errechnet, dass die Bundesrepublik Deutschland, wenn sie ihr bisheriges Emanzipationstempo beibehält, noch zweihundert bis dreihundert Jahre brauchen wird, um eine "Demokratie des 21. Jahrhunderts" im Zapateroschen Sinne zu werden.

Allerdings wäre es naiv und unfair zu behaupten, dass an dieser Misere einzig und allein die deutschen Männer Schuld sind. Es gibt einen zweiten mächtigen F-Klassenfeind: Die dumme Frau.

Möglicherweise kann man die Frauen in anderen Ländern und Kulturen nicht ganz so harsch verurteilen, die etwa in China gezielt weibliche Föten abtreiben; die in Afrika ihre Töchter festhalten, wenn diesen die Klitoris und/oder die Scheide verstümmelt werden; die in der muslimischen Hinterwelt glauben, "das Beste" zu tun, wenn sie ihre Jungs zu Tyrannen und ihre Töchter zu Sklavinnen erziehen – allzu oft haben sie kaum eine Chance, es besser zu wissen.

Für die Frau jedoch, die sich hier bei uns, ohne Not, dem Patriarchat unterwirft und damit seine Gesetze festigt, fehlt mir jegliches Verständnis. Jede Akademikerin, die sich von ihrem Ehemann aushalten lässt, weil ihr die Kämpfe da draußen irgendwie "zu anstrengend" sind, verhöhnt mit ihrem Verhalten die mutigen Frauen, die in anderen Teilen der Welt unter Lebensgefahr darum kämpfen, sich aus dem Burka-Tschador-Patriarchat zu befreien.

Jeder soll nach seiner Façon selig werden. Das ist wahr. Wahr ist aber auch, dass jeder mit seinem Verhalten die gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit prägt. In diesem Sinne wird die Devise des Alten Fritz durch den alten feministischen Spruch relativiert: Das Private ist das Öffentliche.

Die Werte der Aufklärung sind und waren: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Nicht Feigheit, Gleichgültigkeit, Bequemlichkeit. Dass die Aufklärung selbst ihre Werte immer wieder pervertiert hat, ist mittlerweile nicht nur denen bekannt, die Adorno und Horkheimer gelesen haben. Doch sollte uns die Dialektik der Aufklärung nicht dazu verleiten, dass wir ihre Ideale mit dem Holocaust auskippen. Bislang hat die Menschheit keine besseren gefunden.

Die anti-autoritäre "Erziehungs"-Regel "nichts verbieten", das sozialpädagogische Verständnis für alles und jedermann und multikulturelles Laissez-Faire sind keine moralischen Haltungen. Sie sind der Krückstock, mit dessen Hilfe derjenige aufrecht zu gehen glaubt, der kein moralisches Rückgrat mehr hat. Wer sich als verantwortliches Individuum begreift und seiner eigenen Freiheit selbst Grenzen setzt, wird sich auch wieder trauen, anderen Grenzen zu setzen.

Unser Staat und unsere Gesellschaft müssen Immigranten klarmachen, was sie von ihnen verlangen – nicht dass sie Eisbein essen, Udo Jürgens hören und Lodenmäntel tragen, sondern dass sie unser Grundgesetz, und damit auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau, respektieren.

Eltern müssen ihren Kindern klarmachen, was sie von ihnen verlangen – nicht dass sie bei Tisch artig schweigen, ihre Hemdchen nicht schmutzig machen und brav knicksen, sondern dass ihrem eigenen Welteroberungsdrang dadurch Grenzen gesetzt sind, dass es noch andere Menschen gibt, die diese Welt bewohnen möchten.

Und auch die Geschlechter müssen sich wechselseitig klare Zeichen geben, was sie voneinander erwarten. Bridget Jones, die sich nicht entscheiden kann, ob sie lieber den netten Langweiler Mark Darcy oder den coolen Hund Daniel Cleaver haben will, sollte nicht der heiteren Identifikation dienen. Sondern der Abschreckung. Die Männerwelt hat ausnahmsweise mein uneingeschränktes Verständnis, wenn sie nicht begreifen kann, welcher Teufel solche Frauen reitet, und deshalb, wie der Journalist Hannes Stein, vermutet, die Frauen müssten an einem "Darcy-Cleaver-Syndrom" leiden: "Der perfekte Mann sei, bitte schön, immerfort beides: Gut und böse, Däne und Italiener, Gentleman und Tamerlan. Und wehe dem Mann, der beim Flirten durchblicken lässt, dass er der Dame seines Herzens jederzeit heißen Kakao ans Bett bringen würde (was für ein Weichei). Wehe aber auch dem Mann, der durchblicken ließe, dass er dazu nicht bereit wäre (was für ein gemeiner Kerl)."

Bitte, liebe Geschlechtsgenossinnen, redet euch nicht damit heraus, die Soziobiologen hätten euch erklärt, eure ganze Verwirrung käme einzig und allein daher, dass eure Gene an den fruchtbaren Tagen den Zuchtstier und an den sonstigen den Stallochsen wollen. Auch Frauen sind nicht wirklich attraktiv, solange sie noch mit einem Arm am Baum hängen.

Den Männern ist allerdings vorzuhalten, dass auch sie an einer entsprechenden Krankheit leiden: Dem "Doris-Day-Sharon-Stone-Syndrom". So wie die Frau nicht Rambo und Softi in einem haben kann, können auch die Herren der Schöpfung nicht Heimchen und Vamp gleichzeitig bekommen. Aus der Tatsache, dass die Männer dieses Syndrom besser in ihren Alltag integriert kriegen – indem sie ihr Hirn nicht hauptsächlich damit auslasten, zu überlegen, für welche der beiden sie sich nun entscheiden sollen, sondern im Regelfall beim Eheweib bleiben und die Geliebte nebenher laufen lassen - aus dieser männlichen Begabung können Frauen zwei Schlüsse ziehen: Sie müssen in der Frage "Ehebruch" gleichfalls skrupelloser werden. Oder sie sollten sich als "Ehefrauen" beziehungsweise "Geliebte" weigern, das Spiel länger mitzuspielen.

Am allersinnvollsten wäre es aber, der abgehalfterten Hü-Hott-Mähre den Gnadenschuss zu geben und sich auf die Suche nach emanzipierten, vernünftigen Männern zu machen, die Stärke nicht mit Machotum und Sensibilität nicht mit Waschlappigkeit verwechseln. Ebenso möchte ich die Herren animieren, weniger nach Frauen mit langen blonden Beinen oder Muttis Ausschau zu halten, sondern Frauen zu bevorzugen, die ihnen loyale Verbündete und ebenbürtige Partnerinnen sein können.

Vielleicht wird der Mann als Samenspender eines gentechnischen Tages tatsächlich nicht mehr gebraucht. Oder die Frau als Gebärende. Und was dann? Dann kommt im Geschlechterkampf das Armageddon, in dem die Frauen die Männer oder die Männer die Frauen ausrotten?

Solche Gedankenspiele zeigen nur eins: Auf welchen Holzweg uns die vulgäre neo-darwinistische Sichtweise der Welt führt. In Zeiten, in denen religiöse Fundamentalisten die dritte Morgenluft schnuppern und versuchen, das Fortschrittlich-Humane mit dem Koran, der Bibel oder der Thora totzuschlagen, ist es verheerend, wenn die Säkularen Die Entstehung der Arten zu ihrer heiligen Schrift machen. Was die Welt braucht und immer brauchen wird, sind starke Persönlichkeiten, Individuen, die einen unverwechselbaren eigenen Charakter ausgebildet haben. Und erst in zweiter Linie Männer oder Frauen sind. Hören wir endlich auf, historisch und kulturell gewachsene Geschlechterdummheiten für gott- oder naturgegeben zu halten. Dann hat auch dieses Land eine Chance, noch vor dem Jahr 2250 im 21. Jahrhundert anzukommen.

Diesen Auszug aus dem Buch "Die neue F-KLasse" von Thea Dorn hat SPIEGEL ONLINE mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags übernommen



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