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31. Mai 2012, 09:17 Uhr

US-Fotograf Philipp Scholz Rittermann

Bilder eines gnadenlosen Booms

China zahlt für seinen Aufstieg zur Weltmacht einen hohen Preis: Mensch und Natur leiden. Mit spektakulären Großformat-Bildern macht Philipp Scholz Rittermann die radikale Modernisierung begreifbar. Im Interview schildert der US-Fotograf seine Sicht auf den Boom im Riesenreich.

Der US-Fotograf Philipp Scholz Rittermann macht mit riesigen Panoramabildern Chinas Wandel erfassbar. Seine Fotografien zeigen ein Land im Bauboom, bei dem Umweltschutz und vernünftige Arbeitsbedingungen auf der Strecke bleiben. Das Projekt "Emperor's River" führte ihn mehr als tausend Kilometer entlang des Großen Kanals, der das Land von Norden nach Süden verbindet - und wo Arm und Ultrareich, Tradition und Moderne, Ackerbau und Betonwüsten aufeinander prallen. Das Fotoportal seen.by, Kooperationspartner von SPIEGEL ONLINE, hat mit Rittermann über seine Arbeit gesprochen.

Frage: Herr Rittermann, Venedig ist berühmt für seinen Canal Grande, China eher für die große Mauer. Sie haben aber entlang des Großen Kanals fotografiert. Was ist an der Wasserstraße so spannend, dass Sie sie zweieinhalb Monate bereist haben?

Rittermann: Mit dessen Bau wurde schon 460 vor Christus begonnen. Ohne ihn wäre China wirtschaftlich und kulturell nie so weit gekommen. Er ist mit 1700 Kilometer Länge das größte Wasserbauprojekt der Welt und verbindet Peking im Norden und Hangzhou im Süden. 21 Städte liegen an seinem Ufer, die meisten haben Millionen von Einwohnern. Im Herbst 2009 war ich zu einer Foto-Biennale nach China eingeladen. Ich hatte so viel über dieses Land gehört, aber all diese gigantischen Zahlen über Wachstum, Export, Umweltverschmutzung waren so abstrakt. Bei der Recherche stieß ich auf den Kanal. An ihm konnte ich abbilden, was mich am meisten interessiert: wie der Mensch sich ausbreitet. Es ist mein Versuch, den Zahlenmassen einen visuellen Kontext zu geben.

Frage: Und wurden all die Zahlen für Sie fassbarer?

Rittermann: Fassbarer schon, allerdings ist die Realität vor Ort oft umwerfend. Manchmal erschien es mir so, als würde ich während eines Sandsturms mit einer Zahnbürste versuchen den Gehweg freizuhalten. Ich mache mir keine Illusionen, dass meine Bilder den Kurs der rasanten Entwicklung in China irgendwie ändern könnten. Aber ich finde es wichtig, so viel wie möglich darüber zu wissen.

Frage: Was begreifen Sie denn jetzt besser?

Rittermann: Zum Beispiel, dass all diese Statistiken ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln. Die Messung und Darstellung von Wachstums-, Verschmutzungs-, Energie-, und Zins-Daten suggerieren Übersicht und Kontrolle. Vor Ort aber ist von Kontrolle kaum etwas zu sehen - vor allem, was Umweltschutz und Arbeitsbedingungen anbelangt. Regierungen neigen dazu, ihre am häufigsten vorkommenden Ressourcen zu missbrauchen. In China ist es die Bevölkerung.

Frage: Und die Menschen dort machen das einfach mit?

Rittermann: Pauschal gesagt: Die meisten wünschen sich ein modernes Leben. Sie sind stolz, dass China wieder eine Weltmacht ist. Und vielen geht es besser als früher. Aber die sozialen Unterschiede werden größer. Die Arbeitsbedingungen sind teilweise katastrophal. Der Kapitalismus wuchert wie im Wilden Westen. Die Umwelt leidet enorm. Die Luft ist so verschmutzt, dass ich Atemprobleme bekam.

Frage: In einigen Ihrer Bilder sieht man im Hintergrund die Kohlekraftwerke emporragen, die die Luft verpesten. Wenn nicht die die Sicht auf den Himmel versperren, dann Fronten von Wolkenkratzern.

Rittermann: Irgendwann habe ich die gar nicht mehr wahrgenommen. Das chinesische Volk ist so hungrig nach modernem Leben, dass gebaut und gebaut wird - obwohl so viel leersteht. Dabei pumpt sich eine riesige Immobilienblase auf. Historische Bauten werden abgetragen und woanders aufgebaut - in einer Art Geschichtspark. Diesen Zyklus kennen wir gut. Alle industrialisierten Länder haben etwas Ähnliches durchlebt. Nur haben wir die Modernisierung eines Landes in dieser Größe und Geschwindigkeit noch nie gesehen.

Frage: Welche Auswirkungen hat das?

Rittermann: Die chinesische Gesellschaft war traditionell horizontal. Man lebte in kleinen Häusern eng nebeneinander. Jetzt sind es anonyme, vertikale Wohnsilos. Was dort aufkeimen wird an Vereinsamung, Entfremdung und Verbrechen, ist noch gar nicht abzusehen.

Frage: Konnten Sie alles frei fotografieren?

Rittermann: Ja, fast überall. Der Große Kanal ist aber kein heikles Projekt, auch wenn es eine Kontroverse um eine Wasserumleitung gibt, die ein Drittel des Wassers wieder zurück nach Norden pumpen soll, um Pekings chronischen Wassermangel zu dämpfen. Ich bin noch nie in einem Land gewesen, wo ich mich so fremd, und gleichzeitig so sicher gefühlt habe. Mit Hilfe meines Dolmetschers kam ich in viele Fabriken rein und auf viele Baustellen.

Frage: Ausgestellt sind Ihre Werke riesig. Das Bild der gigantischen Hochhausbaustelle etwa ist mehr als drei Meter lang, es gibt zig Details zu entdecken. Ist bewusst alles larger than life?

Rittermann: Wenn ich davor stehe, kann ich die Szene unmöglich in einem Blick einnehmen. Die Bilder haben einen Winkel, der weiter als das menschliche Sichtfeld ist. Das ist überwältigend - und soll es sein, weil es die Größenordnung von dem spürbar machen soll, was sich abspielt. Der Eindruck ist fast wie im Kino. Man begibt sich in die Bilder hinein. Es gibt nicht einen Mittelpunkt, sondern viele. Genauso komplex ist China.

Frage: Die Panoramabilder sind aus drei bis manchmal sogar 20 verschiedenen Aufnahmen zusammengestellt, die zeitlich versetzt sind. Wollen Sie nicht nur die Grenzen des Sehens, sondern auch die der Zeit außer Kraft setzen?

Rittermann: Genau. Ich empfinde es als Tyrannei, dass ich im Jetzt stecke. So, als ob ich die Welt nur durch einen Spalt in der Gardine sehen kann. Den Moment jetzt und den von vor zwei Minuten kann ich nicht beieinander haben, das ist unheimlich frustrierend. Ich will über meine Sinne hinaus sehen und empfinden können. Mit dieser Art der Fotografie schaffe ich das.

Frage: Was können wir eigentlich aus Ihren Bildern lernen?

Rittermann: Als ich in den siebziger und achtziger Jahren in Deutschland lebte, wurden Kohle- und andere Schwerindustrien langsam abgebaut. Das Ruhrgebiet ist heute grün. Wir im Westen tun so, als hätten wir alles saubergemacht, aber wir haben es einfach nach China rübergeschoben. Und es bläst alles zurück. Was wir tun, was wir kaufen, bestimmt, was dort, in der Werkstatt der Welt, passiert. Wenn wir die Produkte nicht haben wollten, würde China nicht so aussehen.

Frage: Wie geht es weiter in China?

Rittermann: Die Kommunistische Partei sitzt auf einem Pulverfass: Solange die Wirtschaft wächst und das Einkommen für Otto Normalverbraucher langsam steigt, können sie den Deckel draufhalten. Wenn das nicht mehr der Fall ist, bricht alles auseinander. In der Geschichte Chinas gab es viele blutige Revolutionen. Es ähnelt dem Römischen Reich, eine Demokratie wird das meiner Ansicht nach nie. Es bedarf einer eisernen Faust, die alles zusammenhält. Früher waren es Dynastien, jetzt ist es die Partei.

Das Interview führte Daniela Zinser

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