Empörung über "taz" "Schwarze sind für die Deutschen Aliens"

Rassistisch oder witzig? Amerikanische Blogger prangern den umstrittenen "taz"-Titel "Onkel Baracks Hütte" als ignorant an, andere verteidigen die Zeile als "Satire". Die härtesten Kritiker sind jedoch die deutschen Leser.


Hamburg - Sind die Deutschen wirklich rassistisch oder verstehen sie einfach die Bedeutung von Satire nicht?, fragen sich amerikanische Blogger. Die "tageszeitung" hatte gestern im Zusammenhang mit dem US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama das Weiße Haus spöttisch als "Onkel Baracks Hütte" bezeichnet, und damit Schwarze und Exil-Amerikaner in Deutschland provoziert. Nun hat sich die Debatte auch in US-amerikanischen Online-Foren entzündet.

"taz"-Titel: Spiel mit Vorurteilen

"taz"-Titel: Spiel mit Vorurteilen

Die Leser der größten amerikanischen Zeitung "USA Today" rätseln, ob sich die "taz" gegenüber den Amerikanern aufspielen will: "'Onkel Toms Hütte' handelt von Sklaverei, aber die USA haben sich seitdem verändert", schreibt ein Forumsteilnehmer namens "na", "ich glaube, die Deutschen machen sich über Amerika und seine Geschichte der Sklaverei und des Rassismus lustig. Schickt ihnen doch mal ein paar neue Geschichtsbücher."

Auch im einflussreichen Polit-Blog "wonkette.com" herrscht die Meinung vor, die Deutschen seien ignorant. Die Überschrift habe ihn nicht überrascht, schreibt '"Strangely Brown", "die meisten Deutschen wissen nicht, dass 'Onkel Tom' eine rassistische Konnotation hat und sehen ihn eher als einen Helden (so wie die Amerikaner früher)." In gewisser Weise verteidigt der Schreiber die "taz": "Die Überschrift war wahrscheinlich auf diese bizarre deutsche Art als Kompliment gedacht."

Doch die umstrittene Zeile befeuert auch anti-deutsche Ressentiments: "Um die Deutschen zu verstehen, muss man sich den weißesten Ort in Amerika vorstellen und ihn noch mal 50 Prozent weißer machen", schreibt "Strangely Brown" weiter, "schwarze Menschen sind für die Deutschen wie Aliens."

Auch die amerikanischen Leser von SPIEGEL ONLINE schimpfen über die "taz". "Mein Magen hat sich umgedreht, als ich darüber gelesen habe", schreibt eine Leserin aus New York, die sich selber als "Indian-American" bezeichnet. "Obama legt Wert darauf, sich nicht über seine Hautfarbe zu definieren, aber der Titel impliziert, dass er sogar als Präsident vor den weißen Machthabern acht geben müsste." Der Titel habe die Amerikaner tief beleidigt, schreibt ein anderer New Yorker namens Hendrik Sadi: "Besonders eine deutsche Publikation sollte sich der rassistischen Vergangenheit Deutschlands bewusst sein."

"Politisch korrektes Gezeter"

Alles nur ein großes Missverständnis, versucht ein "taz"-Redakteur zu erklären, der sich ins Forum von "wonkette.com" eingeloggt hat. Mit der Überschrift habe die Redaktion dem Erfolg Barack Obamas Tribut zollen wollen, der als "Onkel Obama" aufs Weiße Haus zu marschiert sei und damit das Gegenteil des unterwürfigen Sklaven aus "Onkel Toms Hütte" dargestellt habe. "Wir dachten, es sei völlig klar", schreibt er, "aber offensichtlich haben das viele Leute nicht so verstanden, weil sie die Anspielung auf 'Onkel Tom' rassistisch finden."

Die liberale Wochenzeitung "Village Voice" hat für das gescholtene Blatt Verständnis. Dort tut ein Blogger die Debatte als "politisch korrektes Gezeter" ab. "Der Spitzname wurde Obama in einer Geschichte verliehen, die ihn ganz klar nicht 'Onkel Tom' genannt hat", verteidigt User "Harkavy" die seiner Meinung nach "satirische Überschrift".

Die schärfsten Kritiker der "taz" sind jedoch ihre eigenen Leser. Im Blog der Zeitung empört sich "Nelly G.": "Obama mit Onkel Tom zu vergleichen stellt meines Erachtens einen handfesten Skandal dar!" Von Satire könne keine Rede sein. Ironisch schließt sie mit einem Kommentar zur deutsch-amerikanischen Völkerverständigung: "Danke an die 'taz', dass sie das negative Bild (Nazis, Rassismus) von uns Deutschen nur weiter unterstreicht. Ich schäme mich für sie!"

Die gestrige Titelseite war nicht die erste Anspielung in der "taz" auf den umstrittenen Roman "Onkel Toms Hütte". Als Condoleezza Rice vor vier Jahren zur US-Außenministerin ernannt wurde, titelte die Zeitung "Onkel Toms Rice". Die Überschrift hat in Deutschland für Empörung in afro-deutschen und amerikanischen Kreisen gesorgt.

pha



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