Erinnerungen an den Sommer Übers Wetter weinen, das Leben meinen

Was ist aus den Sommern unserer Kindheit geworden, was aus den Menschen, die Hitze und Langeweile so genießen konnten? Traurige Erwachsene, die nur noch davon träumen, dass früher alles besser war.

  Mit dem Auto der Sonne entgegen
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Mit dem Auto der Sonne entgegen

Eine Kolumne von


Vergangene Woche schrieb Jörg Kachelmann, der mir sehr angenehm ist, weil er, was er tut, so ernst nimmt und weil Menschen, die für ihr Spezialgebiet brennen, immer interessant sind, über den Sommer. Der sei so wie Sommer in unseren Breitengraden eben sind.

Das ist sicher faktisch vollkommen richtig. Aber.

Das Wetter. Das gemeine Wetter für Nicht-Wetter-Profis ist doch eine emotionale Angelegenheit. Früher redete man darüber. Erinnern Sie sich? Das war, bevor die Menschen im Netz explodierten. Weil sie endlich mal sagen wollten, was man nicht mehr sagen darf. Weil jedes Wort politisch korrekt sein muss. Früher regte man sich über das Wetter auf. Die Leute standen auf der Straße und meckerten. Zusammen.

Ein Mecker-we-feeling war das. Nicht über Merkel, die da oben, die Presse, die Eliten, die Homosexuellen, die Gutmenschen wurde sich aufgeregt, sondern über etwas, das irgendwo weit entfernt vom Fußboden stattfand... Waren das nicht gute Zeiten? So wie die Sommer.

Meine Güte, der Sommer und die selektive Wahrnehmung, die Menschen dazu bringt, Negatives zu vergessen, wenn es sich nicht gerade um den Verlust von Körperteilen handelt. Man denkt an früher, an die Ferien, und es war heiß. Und meistens irgendwie auch Kindheit, Jugend und Unendlichkeit. Die Sommer dauerten gefühlte Jahre und bestanden aus Unsterblichkeit. Er war Urlaube mit Hitze und Langeweile, Wandern oder am Meer mit den Eltern, und nur darauf warten, dass die endlich, endlich weg sind. Oder zu Hause hängen und von der Straße ein Scheißball, der gegen eine Wand donnert, und das Gefühl, es würde nie aufhören, nichts.

Nichts ist mehr Zauber

Der Sommer ist den meisten doch irgendein Geruch. Heu oder Teer oder Obst, das leise vergammelt. Ist Barfußlaufen und Seen, und die waren immer fleischwarm und eine Aufregung, weil sie so unheimlich erschienen, größer als man selbst. Der Sommer war im Zweifel: verliebt sein in irgendwen, der nichts davon wusste. Besser nicht. Wurde auch nie was draus, und wenn doch, war es peinlich und ratlos, und da wurde was in einen Baum geschnitzt, und ein Kuss fand statt, und der war nicht so toll.

Liebe war in der Vorstellung damals immer besser als die Realität, später vielleicht auch - aber vergessen. Der Sommer war: im Auto hinten sitzen und kotzen müssen und denken, boah, Alter. Aber irgendwann war da ein Ausland, und so Ausland wurde es später nie mehr. Es gab in dem Ausland interessante junge Menschen und halb heruntergelassene Rollladen und Wassermelonen und Gassen und die Eltern, wann würden die endlich weg sein.

Das ist es mit dem Sommer in der Erinnerung, und daran denkt der Mensch und sitzt dann in seinem Leben, und nun sind die Eltern nicht mehr da, und da wird es recht einsam, wenn man auf einmal so eine Erwachsenendarstellung abliefern soll und nie auf dem Boden liegen und heulen kann, und nichts ist mehr unendlich, nichts ist mehr in so einer aufregenden Art langweilig, nichts liegt mehr vor einem, außer das Alter, und dann ist man selbst die Eltern, die verschwinden sollen, und der Sommer findet nicht statt, der findet nie mehr statt, da ist es grau draußen, und wenn man irgendwohin fliegt, muss man erwachsen sein, und es ist zu voll und zu heiß.

Alle sollten über das Wetter weinen und ihr Leben damit meinen, diese alberne Zumutung, aufrecht gehen zu müssen und sich korrekt zu kleiden und gewählt zu reden, und es regnet immer noch, und nichts, nichts ist mehr Zauber.

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insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
lachina 05.08.2017
1.
Glühend heiße Sonntagnachmittage der Achziger , Flimmern über dem Asphalt - und nichts, aber auch nichts geschah. Dieses Nichts literarisch beschrieben, ein schöner Text. (ich sitze gerade in Kiel vorm PC , es ist August und ich TRAGE eine JACKE!!!!!)
rahelrubin 05.08.2017
2. Wow
Das ist gut. Wirklich gut und wahr. Dicker Kloß im Hals.
syssifus 05.08.2017
3. Typisch
Zitat von lachinaGlühend heiße Sonntagnachmittage der Achziger , Flimmern über dem Asphalt - und nichts, aber auch nichts geschah. Dieses Nichts literarisch beschrieben, ein schöner Text. (ich sitze gerade in Kiel vorm PC , es ist August und ich TRAGE eine JACKE!!!!!)
Typisches Merkelwetter,eben Klimakatstrophe pur.
IMOTEP 05.08.2017
4. Traum
Ja, liebe Frau Berg, so ist es wenn man Älter wird. Die Erinnerung als man jünger war, ein leises ziehen bleibt. Zum Trost zitiere ich: Das Leben ist ein Traum, in einemTraum. (Jap. Haikku 16.Jh. m.f.G.
p.o.t. 05.08.2017
5.
Sehr schöner Text, trifft es genau
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