Von Karin Schulze
Wer sich in der konsumseligen Weihnachtszeit mal ein verdienstvolles schlechtes Gewissen verschaffen will, sollte sich unbedingt diese unschöne Bescherung anschauen: Mitten im Saal türmt sich da ein meterhoher Müllberg auf, mit allem, was sich in den Meeren an Kunststoffschrott so ansammelt. Ein rotes Plastikboot surft obenauf. Darunter knäueln sich Autoreifen, Stühle, ausgeblichene Flip-Flops, löchrige Badeenten - lauter Dinge, die immer mehr Menschen immer schneller wegwerfen. Ein Friedhof der Massengüter.
Zusammengeklaubt wurde die Schwemmguthalde am Strand der hawaiischen Insel Kahoolawe, auf Fehmarn und auf Sylt. Mit ihr illustriert die Ausstellung "Endstation Meer? Das Plastikmüllprojekt" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe anschaulich die Misere der Kunststoffproduktion: So viel wie die museale Abfallkippe anhäuft, gelangt alle 10 bis 15 Sekunden ins Meer. Und mit 6,4 Millionen Tonnen eingespültem Müll pro Jahr wird die maritime Plastiksuppe immer gehaltvoller.
Schrott als Nahrung
Schon heute gibt es keinen Kubikmeter Meerwasser mehr, der frei wäre von Kunststoff. Und in den Ozeanen haben sich sogar Strömungsgebiete gebildet, in denen Unmengen von Plastikteilen unablässig umherkreisen. Die mächtigste wasserbasierte Kunststoffhalde, der Great Pacific Garbage Patch, wird auf die Größe Mitteleuropas geschätzt. Wasserwirbel wälzen dort bis in 30 Meter Tiefe gigantische Plastikmengen aus allen Pazifikanrainerstaaten um.
Nun hat Kunststoff ja viele Vorteile. Er ist preiswert, leicht, formbar und variabel. Die meisten Kunststoffe aber haben auch einen entscheidenden Nachteil: Sie zersetzen sich nicht in biologisch abbaubare Stoffe, sondern werden durch Reibung und Licht nur in immer kleinere Bestandteile zerlegt. Diese Pellets, beschönigend auch "Tränen der Meerjungfrau" genannt, kommen in manchen Meeresabschnitten schon in größeren Mengen vor als Plankton. Und durch die Nahrungskette können sie zurück auf unsere Teller wandern. Miesmuscheln etwa können Polyethylenpartikel in ihrem Gewebe einlagern.
Das Hamburger Museum hat das Plastikmüllprojekt vom Zürcher Museum für Gestaltung übernommen. Dort war man durch einen Plastikstrudel-Artikel im Magazin der "Neuen Zürcher Zeitung" auf die Idee gekommen, das Thema populär und didaktisch aufzuarbeiten. Sinnvoll, wenn sich Designmuseen unseren Produkten nicht nur unter dem Aspekt der guten Form widmen, sondern auch mit Bezug auf Entsorgungs- und Umweltfragen. Von Hamburg zieht die Ausstellung weiter nach Finnland, Dänemark und Frankreich. Die Exponate werden dabei ressourcensparend auf den Transportkisten präsentiert, in denen sie samt dem Plastikschwemmberg weiterreisen.
Stoff für Öko-Small-Talk
Eine Hälfte der Schau erläutert meeresökologische Aspekte. Infotafeln und Videoclips machen die Plastikstrudel vorstellbar. Dass Tiere Zivilisationsschrott mit Nahrung verwechseln, zeigen Flaschen mit Zahnabdrücken von Haien oder Meeresschildkröten. Und eindringliche Fotos belegen, dass Seevögel wie Albatrosse Plastikbrocken verschlucken, die sie innerlich verletzen oder gar verhungern lassen, weil die Kunststoffteile ihren Magen ausfüllen.
Im zweiten Ausstellungsabschnitt geht es um Plastik im Alltag. Hier wird an den Verpackungsirrsinn bei Take-away-Food erinnert, wenn etwa in Salat-Plastikboxen nicht nur das Dressing seinen eigenen Napf hat, sondern auch noch Ei und Gabel in Folien gewickelt sind. Weniger bekannt ist, dass Kunststoff auch aus unseren Waschmaschinen und Badezimmern herausstrudelt. Aus Fleece-Textilien lösen sich bei jeder Wäsche bis zu 1900 Kunststofffasern. Und viele kosmetische Peeling-Cremes enthalten Polyethylenkügelchen. Die sind - wie die Fleece-Fasern - so winzig, dass sie ungefiltert in Flüsse und Meere gelangen.
Tja, und was soll man dagegen tun? Vielleicht auf den deutschen Chemiker Michael Braungart und den US-Designer William McDonough hören. Ihr "Cradle to Cradle"-Konzept ("von der Wiege zur Wiege") votiert für einen neuen Wirtschaftskreislauf, bei dem zum Beispiel jedes Produkt den Nährstoff für neue Rohstoffe liefern muss.
Leuten vom Fach bietet die Schau vermutlich nichts Neues. Aber zusammen mit dem Beiprogramm aus Filmen, Debatten und Führungen (in Klärwerken oder Wertstoffsortieranlagen) bereitet sie für erwachsene Laien oder für Schüler (in Zürich kamen 400 Schulklassen) die Plastikschwemme leicht fassbar und undogmatisch auf. Viele Besucher dürften sich erstmals ins Thema verbeißen, aus einigen werden dann ja vielleicht Umweltaktivisten oder Meeresforscher. Andere werden künftig zumindest ab und an auf ihr Kaufverhalten achten.
Und der träge Rest? Könnte auf Partys, während man mit seiner Plastikgabel lässig auf seinen Plastikbecher tippt, ein bisschen Öko-Small-Talk machen: "Ach, wusstet du, dass die Kunststoffmenge, die bis heute produziert worden ist, ausreicht, um den gesamten Erdball sechsmal in Plastikfolie einzupacken?"
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