Endzeit-Theater Yoda in den Alpen

Was wäre wenn? Wenn zum Beispiel Lenin die Schweiz revolutioniert hätte? Armin Petras adaptiert Christian Krachts Erfolgsroman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" für die Bühne. Ein gelungenes Spiel mit Genres und Stilen.

Niklas Ritter

Lenin hat den Zug verpasst, und das hat ernste Folgen: Statt im versiegelten Waggon 1917 nach Russland zu fahren, hat er die Schweiz revolutioniert, und diese Schweizerische Sowjetrepublik ist jetzt, wir schreiben das Jahr 2013, seit fast einhundert Jahren im Krieg mit ihren Nachbarländern, allen voran dem faschistischen Deutschland.

Das ist das Szenario, von dem Christian Krachts 2008 erschienener Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" ausgeht. Meint der Autor das wirklich ernst? Ist sein Roman eine negative Utopie oder eher eine Groteske? Die Kritiken waren sich nicht einig; der Schriftsteller - 1995 mit seinem Roman "Faserland" berühmt geworden, besteht allerdings darauf, dass er alles ernst meint: "Ich bin Moralist, schlussendlich." (Schon bei Krachts Debütroman "Faserland" waren die Meinungen auseinander gegangen; man fragte sich, ob die genau beschriebenen Oberflächen nun oberflächlich seien oder ob durch die Oberflächen hindurch die deutsche Mentalität nicht so genau wie selten zu erkennen sei.)

Auch der umtriebige Theatermacher Armin Petras, 46, der Krachts dritten Roman nun in Stuttgart auf die Bühne bringt, sieht in "Im Sonnenschein und im Schatten" mehr als nur ein originelles Gedankenspiel. "Es geht vor allem darum, was Krieg mit Menschen, aber auch mit der Landschaft und mit der Schriftkultur macht", sagt Sarah Israel, 27, Dramaturgin der Produktion.

Riesige Alpenfestung

Erzählt wird die Geschichte eines aus Afrika stammenden Schweizer Parteikommissärs, der auf die Suche nach dem ominösen Oberst Brazhinsky geschickt wird und diesen bis ins Réduit verfolgt, eine riesige, in die Alpen gebohrte Festung. Gespielt wird der Kommissär von Michael Klammer, einem farbigen Schauspieler aus dem Ensemble des co-produzierenden Gorki-Theaters (das Petras leitet, wenn er nicht gerade in Stuttgart, Bochum oder München inszeniert). Brazhinsky wird dargestellt vom Stuttgarter Schauspieler Till Wonka; Jenny Schily, Gast von der Berliner Schaubühne, spielt die Frau, die zwischen diesen beiden Männern steht.

Ansonsten gibt es nur noch einen Puppenspieler auf der Bühne: Oliver Köhler hat alle übrigen Romanfiguren, die bei Petras vorkommen, als Handpuppen entworfen. Mit dieser verfremdenden Ästhetik versuchen der Regisseur und sein Team, den verschiedenen Ebenen der Vorlage gerecht zu werden. Denn natürlich ist Krachts Buch, egal was er behauptet, nicht nur finster und bedrohlich, sondern auch voll von Krachts intelligentem, sehr speziellen Humor. Es gibt einige merkwürdige Szenen und Figuren im Text; "überschraubt" nennt die Dramaturgin Israel sie. Da ist zum Beispiel der Zwerg Uriel, eine Figur "zwischen Yoda und biblischer Gestalt", wie Israel ihn beschreibt. "Kracht spielt in seinem Roman mit Genres, wir spielen auf der Bühne mit verschiedenen Arten, Theater zu machen", sagt sie.

Solche Übersetzungen sind eine Spezialität des routinierten Romanadapteurs Armin Petras. Die Bühne sei fast leer, erzählt Israel, allein durch Musik, Videos und Licht wolle der Regisseur die Atmosphäre des Romans einfangen. Schon die Regisseurin Corinna von Rad, die "Im Sonnenschein und im Schatten" in einer anderen Fassung vor gut einem Monat in Basel uraufgeführt hat, setzte vor allem auf die unheimlich-seltsame Atmosphäre, mit einer bedrohlich tief hängenden Decke im Réduit und Liedern, in denen mühelos zwischen Schweizer und afrikanischem Idiom gewechselt wurde.

Auf den Videos in Stuttgart werden unter anderem Schneelandschaften zu sehen sein, aber auch Bilder mit afrikanischen Assoziationen. "Wir wollen die sprachliche Schönheit der Vorlage in unsere Bildästhetik übersetzen", sagt Israel.

Das ist beim Meister Kracht kein geringer Anspruch.


Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Premiere am 2.7. im Depot des Staatstheaters Stuttgart. Auch am 4., 5., 8., 9. und 11.7., Tel. 0711/20 20 90;
Berliner Premiere am 26.11. im Gorki Studio.



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