"Entartete" Kunst: Kirchner-Gemälde wieder in Privatbesitz

Die Stadt Berlin hat ein Gemälde des Brücke-Malers Ernst Ludwig Kirchner an die Erbin einer vom NS-Regime verfolgten jüdischen Familie zurückgegeben - noch bis Sonntag ist es im Brücke-Museum zu sehen.

Berlin - Die Verhandlungen für die Rückgabe des Ölgemäldes "Berliner Straßenszene" liefen seit Oktober 2004. Jetzt hat man sich entschieden: Das Berliner Brücke-Museum gibt eines der bekanntesten Gemälde des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner aus dem Jahr 1913 an die Erbin einer von den Nazis verfolgten jüdischen Familie zurück. Das teilte die Senatskulturverwaltung am Donnerstag mit. Der Schätzwert beträgt mindestens zehn Millionen Euro. Bis Sonntag ist das Werk im Brücke-Museum zu sehen; danach wird es abgehängt und geht in Privatbesitz über.

Kirchner-Gemälde "Berliner Straßenszene" (1913): Rückgabe an die Erbin der ursprünglichen Besitzer
DDP

Kirchner-Gemälde "Berliner Straßenszene" (1913): Rückgabe an die Erbin der ursprünglichen Besitzer

Kirchner war einer der kreativsten Expressionisten der Brücke-Künstler. Die mit leuchtend-impulsiven Farben gemalte "Berliner Straßenszene" ist eine Reminiszenz an die Stadt, in der er einige Jahre lebte. Das Land Berlin habe mit der Rückgabe eine schnelle und faire Lösung getroffen, hieß es aus der Senatskulturverwaltung. Trotzdem sei es ein großer Verlust für die Stadt.

Der Experte für moderne Kunst vom Auktionshaus Villa Grisebach, Bernd Schultz, sprach von einem der herausragendsten Gemälde Kirchners in der Gruppe der "Straßenszenen". Er schätzte den Wert des Ölgemäldes auf mehrere Millionen Euro. Im vergangenen Jahr war die "Berliner Straßenszene" einer der Publikumsmagneten der Ausstellung "100 Jahre Brücke - Expressionismus in Berlin". Das Gemälde wurde 1933 als Teil einer Kunstsammlung einer von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Familie in die Schweiz gebracht und war anschließend in der Kunsthalle Basel sowie im Kunsthaus Zürich zu sehen, wie die Senatsverwaltung zur Herkunft des Bildes erklärte.

Von den Nazis für "entartet" erklärt

Auf Anweisung der Eigentümer versandte das Kunsthaus Zürich 1936 sieben Gemälde an den Kölnischen Kunstverein, darunter auch die "Berliner Straßenszene" von Kirchner. Etwa 1937 erwarb ein Kunstsammler das Werk für 3.000 Reichsmark. Ob der Kaufpreis in die Hände der Eigentümerfamilie gelangt sei, konnte nicht geklärt werden, erklärte die Senatskulturverwaltung. Die Familie des neuen Eigentümers schenkte das Kirchner-Gemälde nach dem Zweiten Weltkrieg dem früheren Direktor des Kunstmuseums Frankfurter Städel. Von dessen Witwe erwarb das Land Berlin 1980 "gutgläubig", wie es hieß, das Werk. Zum damaligen Zeitpunkt sei die genaue Herkunft des Gemäldes noch nicht bekannt gewesen.

Kirchner wurde 1880 in Aschaffenburg geboren. 1905 schloss er sich unter anderem mit Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel zu der Dresdner Künstlergemeinschaft "Die Brücke" zusammen. In dieser Zeit entwickelte sich Kirchner vom impressionistisch beeinflussten Maler zum Expressionisten. 1911 zog er für einige Jahre nach Berlin. Zusammen mit dem Werk "Potsdamer Platz" gilt die "Berliner Straßenszene" als das zentrale Gemälde für die Stadt."Berliner Straßenszene""Berliner Straßenszene"."Berliner Straßenszene". Nach dem Machtantritt der Nazis wurde Kirchners Kunst für "entartet" erklärt, 639 Werke wurden aus den Museen entfernt und beschlagnahmt. Verzweifelt über die Entwicklung in Deutschland und von Krankheiten angegriffen, nahm sich Kirchner 1938 das Leben.

Susann Kreutzmann, AP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback