Legendärer Historiker: Eric Hobsbawm ist tot

Mit seinen Studien über das 19. Jahrhundert wurde der Brite Eric Hobsbawm zu einem der berühmtesten Historiker der Welt. Als überzeugter Marxist, der keine Selbstkritik scheute, war er zugleich Vordenker und Vorbild für mehrere Generationen von Wissenschaftlern. Jetzt starb Hobsbawm mit 95 Jahren.

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Einer der bedeutendsten Historiker der Welt: Der Brite Eric Hobsbawm

London - Eric Hobsbawm ist tot. Wie seine Tochter Julia am Montag mitteilte, starb der gefeierte Historiker in der vergangenen Nacht im Londoner Royal Free Hospital an einer Lungenentzündung. Hobsbawm wurde 95 Jahre alt.

Geboren 1917 in Alexandria, Ägypten, war Hobsbawms Leben von den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet. Als Sohn einer jüdischen Familie wuchs er in Wien auf. Nach dem Tod seiner Eltern holte ihn ein Onkel nach Berlin, das er im Jahr von Hitlers Machtübernahme aber verließ und nach London übersiedelte. Seine akademische Laufbahn begann er am Kings College in Cambridge, wo er Geschichte studierte und mit einer Studie über die sozialistische Intellektuellenbewegung Fabian Society promovierte. In seiner Studienzeit trat er der britischen Communist Party bei und blieb ihr bis zu deren Auflösung 1991 treu.

Hobsbawms politische Überzeugungen hatten direkten Einfluss auf sein Leben: Als ausgewiesener Marxist wurde er im Zweiten Weltkrieg nicht an der Front eingesetzt. Auch sein späterer Arbeitgeber, das Birkbeck College der University of London, holte ihn zwar 1959 als Lecturer, gestand ihm aber erst 1971 eine Professur für Wirtschaft- und Sozialgeschichte zu, die er bis zu seiner Emeritierung 1982 innehatte.

Als Historiker machte sich Hobsbawm vor allem mit seiner Geschichte des "langen 19. Jahrhunderts" einen Namen. Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg reichend, manifestierten die Bände "The Age of Revolution", "The Age of Capital" und "The Age of Empire" seinen Ruf als einer der führenden Geschichtswissenschaftler des Jahrhunderts. 1994 erschien der ergänzende Band "The Age of Extremes" über "das kurze 20. Jahrhundert", in dem Hobsbawm den Zerfall der Sowjetunion analysierte. Als überaus einflussreich erwies sich auch seine Studie "The Invention of Tradition" (1983), in der er die Rolle von vermeintlich angestammten Traditionen für die Herausbildung und Festigung von Nationalstaaten herausstellte.

Auch nach seiner Emeritierung war Hobsbawm als Gastprofessor an einigen der weltweit renommiertesten Hochschulen aktiv und veröffentlichte weiterhin politische und historische Bücher, zuletzt im Jahr 2011 den Band "How to Change the World: Tales of Marx and Marxism". 2003 erschien Hobsbawms Autobiographie, die das ihn kennzeichnende Understatement im Titel trug: "Interesting Times".

hpi/ap

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