Street Photographer Eric Kim: Ich schieße Sie mal ab, okay?

Street Photographer Eric Kim: Hingehen, lächeln, abdrücken Fotos
Eric Kim

Hingehen, lächeln, abdrücken: Eric Kim fliegt um die Welt, flaniert durch die Straßen der Metropolen und fotografiert die Menschen dort. Meist fragt er sie nicht um Erlaubnis, was dem Street Photographer auch mal Ärger einbringt - oder einen Handkantenschlag in den Nacken.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kim, Street Photography heißt: Raus auf die Straße, schnelles Bild eines Fremden schießen, vielleicht ein Danke, fertig. Um was geht's dabei eigentlich?

Kim: Darum, im Alltäglichen das Wunder, die Schönheit und manchmal auch die düsteren Seiten des Mensch-Seins zu finden. Da die Fotos meist heimlich geschossen werden, wirken sie viel authentischer und für den Betrachter ist es leichter, eine emotionale Verbindung zu dem Dargestellten aufzubauen. Die besten Street-Photography-Fotos treffen direkt ins Herz.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie auf die Leute zu? Fragen Sie nie um Erlaubnis?

Kim: Normalerweise nicht. Ich gehe hin, schieße ein Foto, lächle und sage Danke. Manchmal plaudere ich noch. Die meisten reagieren positiv, weil sie merken, dass ich kein Paparazzo oder Stalker bin. Wenn ich schon vorher fürchte, jemand könnte negativ reagieren, frage ich, ob ich fotografieren darf, und erkläre, warum ich das möchte: Wegen des farbenfrohen Outfits, der tollen Accessoires oder weil sie ein interessantes Gesicht haben. Die meisten fühlen sich geschmeichelt. Es kommt sehr auf die eigene Körpersprache an, du musst selbstbewusst und überzeugt auftreten. Wenn du nervös und zappelnd hingehst, sagen die meisten nein.

SPIEGEL ONLINE: Es gab also negative Erfahrungen?

Kim: Klar. Manche versuchten, mir die Kamera wegzunehmen oder haben die Polizei geholt. Aber in den meisten Städten ist es absolut legal, Fotos von Menschen auf der Straße zu schießen. In Australien stand ich eine halbe Stunde lang neben einer Frau und wartete auf die Polizei, die dann nur sagte: Der darf das. In Toronto hat mir ein alter Asiate auf dem Fahrrad eine Art Karate-Handkantenschlag in den Nacken gegeben. Aber das tat ihm wohl mehr weh als mir.

SPIEGEL ONLINE: Was suchen Sie auf der Straße?

Kim: Meist habe ich ein übergeordnetes Thema, im Moment sind das Menschen in Anzügen. Ich selbst war so einer, hatte eine tolle Stelle in einem Medienunternehmen. Aber der Druck wurde immer größer, produktiver zu sein, schneller aufzusteigen, mehr Geld zu verdienen. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich frei. Wenn ich jetzt Leuten im Anzug begegne, sehe ich ihre Sorgen und fotografiere sie in diesen Momenten von Traurigkeit und Melancholie. Ich habe Soziologie studiert und mein Ziel ist es, Fotos zu machen, die etwas über die Gesellschaft aussagen. Ich hoffe, dass meine Bilder verändern, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn gerade keiner im Anzug da ist?

Kim: Dann ziehe ich wie ein Flaneur durch die Straßen. Ziellos, bis etwas meinen Blick auf sich zieht, meist ein Ausdruck im Gesicht oder in der Haltung eines Fremden. Oder es ist der entscheidende Moment, in dem alles passt, etwa ein Paar am Flughafen, das sich nach langer Zeit umarmt und ganz im Augenblick versinkt. Ich habe meine Kamera immer dabei, denn die besten Gelegenheiten entstehen an ganz normalen Orten, beim Gemüsehändler, in der Reinigung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in den meisten großen Städten weltweit fotografiert - welches ist die beste für Street Photography?

Kim: Ich habe Paris oder Tokio immer romantisiert und Los Angeles, meine Heimatstadt, für sehr langweilig gehalten. Aber nach zwei Jahren reisen merke ich, dass ich woanders der Tourist bin und eher Klischee-Fotos mache. Los Angeles kenne ich so viel besser und ich denke, meine besten Aufnahmen sind dort entstanden. Aber es gibt zwei Städte, die völlig unterschätzt sind: Über Beirut denken alle, es sei gefährlich und voller Terroristen. Quatsch! Einer der freundlichsten Orte der Welt mit einer starken Street-Photography-Community. Ebenso Manila auf den Philippinen. Warm, sonnig, die Menschen sind es ebenso. Ich fühlte mich sehr sicher dort.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch in Berlin fotografiert. In Deutschland ist es nicht so einfach ohne Erlaubnis.

Kim: Ich war vorher auch etwas besorgt wegen der recht strengen Gesetze. Aber einige Fotografen aus Berlin erklärten mir, das Gesetz habe ziemlich viele Grauzonen. Man darf fotografieren, aber die Bilder nicht ohne Erlaubnis publizieren. Und Szenen mit mehreren Menschen sind gar kein Problem. Ich habe die Berliner als sehr offen und freundlich wahrgenommen. Sie ließen sich gerne fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für Sie eine moralische Grenze?

Kim: Ich vermeide es, notleidende Menschen zu fotografieren. Die Frage ist immer: Schieße ich ein Foto, um auf soziale Probleme aufmerksam zu machen - oder geht es mir um ein starkes Bild? Ich fürchte, meistens träfe das Letztere zu, also lasse ich es lieber. Oder ich versuche, diese Menschen in einem anderen Licht zu zeigen: lächelnd, voller Kraft, voller Leben, statt traurig und elend.

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, welches Foto Sie behalten?

Kim: Bei Street Photography ist es schwer, ein Foto zu schießen, das die Zeit überdauert und in Form wie Inhalt stark ist, weil du so wenig kontrollieren kannst - weder, was im Hintergrund ist, noch wie der Dargestellte sich verhält. Normalerweise mache ich um die tausend Fotos pro Monat und wenn ich ein richtig gutes Bild kriege, bin ich froh. Und ein herausragendes Bild pro Jahr macht mich glücklich.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Situation würden Sie gerne von einem Fotografen erwischt werden?

Kim: Während ich einen Fremden fotografiere, mich gut mit ihm unterhalte. Er ist gut drauf, ich bin gut drauf. Nichts macht mich glücklicher als den Leuten, die ich fotografiere, ein gutes Gefühl zu geben und sie zum Lächeln zu bringen.

Homepage von Eric Kim

Das Interview führte Daniela Zinser für das Fotoportal seen.by

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Wie verdient man damit Geld ?
tomgarn 25.03.2013
Schöne Sache eigentlich, das ... aber wer bezahlt einen dafür ? Tips ?
2. 25 Jahre alt, reist seit mindestens zwei Jahren als
ironbutt 25.03.2013
Street Photograph, hat mal studiert und war auch mal einer von den Anzugträgern ... klingt irgendwie recht unglaubwürdig, oder?
3.
mindmonkey 25.03.2013
Streetphotography kann man auch gut und gerne in den Semesterferien betreiben... Ich verfolge Eric Kim seit 1-2 Jahren auf fb.. seine Bilder sind technisch nicht die besten, aber ich denke seine Stärke liegt eher in dem Konzept und dem pädagogischen Teil seiner Workshops. Er ist halt ein netter Kerl, der immer mit einem grinsen durch die Welt geht.
4. Unterdurschnittliche Fotos...
mulhollanddriver 25.03.2013
...für jemanden, der das regelmäßig macht, oder schlechte Auswahl.
5. Finde die Fotos jetzt nicht soo toll...
tocorec 25.03.2013
ich kenne jemanden, der wesentlich bessere Streetshots macht: inesnjers.500px.com . Sie ist bei Google , da finden sich auch aktuellere Arbeiten. Über die müsstet ihr mal berichten!
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Zur Person
Eric Kim, 25, lebt in Los Angeles, wenn er nicht gerade rund um die Welt reist, um in Workshops Street Photography zu lehren. Er hat an der UCLA Soziologie studiert und sich das Fotografieren selbst beigebracht. Nachdem er vor knapp zwei Jahren seinen Job in einer Medienfirma verlor, widmete er sich ganz seiner Kamera und der Straße, wo er die besten Motive findet. Mit 18 Jahren hat Kim erstmals Menschen auf der Straße fotografiert. Damals hatte er Angst, verprügelt zu werden oder Ärger mit der Polizei zu bekommen. Inzwischen hat er erkannt: Die meisten Menschen freuen sich, wenn sie fotografiert werden. Die richtige Herangehensweise, die ideale Ausrüstung, das beste Motiv - davon erzählt er in seinem Blog und bei Workshops, die der international bekannte Fotograf gibt. Die Kurse führen ihn und seine Kamera um die Welt, etwa nach Dubai, Hong Kong, Chicago, Toronto, Istanbul, Bangkok, Kyoto und Berlin.