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Erinnerung an NS-Bücherverbrennung: Rau sieht freies Denken auch heute in Gefahr

Mit einer Gedenkveranstaltung haben in Berlin mehrere Autorenverbände und die Akademie der Künste an die nationalsozialistische Bücherverbrennung vor 70 Jahren gedacht. Bundespräsident Rau warnte auch heutige Regierungen davor, "dass im Kampf gegen Terrorismus nicht alle Mittel erlaubt sind".

Anschlag auf das freie Denken: Eine von zahlreichen Bücherverbrennungen in Deutschland am 10. Mai 1933
DPA

Anschlag auf das freie Denken: Eine von zahlreichen Bücherverbrennungen in Deutschland am 10. Mai 1933

Berlin - 70 Jahre ist das für die deutsche Kulturgeschichte mehr als beschämende Ereignis her. Am 10. Mai 1933 wurden auf Geheiß der Nazis auf dem Berliner Bebel-Platz mehr als 20.000 Bücher und Schriften führender deutscher Autoren auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Doch nicht nur in Berlin, sondern auch in Städten wie Bonn, Göttingen, Greifswald, München, Würzburg oder Marburg fanden ähnliche Aktionen statt, mit denen die Nationalsozialisten so denunzierte "undeutsche" und "entartete" Literatur verbrennen ließen.

Zuvor waren Listen von Autoren veröffentlicht worden, die aus Bibliotheken verbannt und verbrannt werden sollten. Darunter waren Werke von Karl Marx, Heinrich Heine, Sigmund Freud, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky und Alfred Kerr. Außerdem wurden von den nationalsozialistischen Machthabern so genannte "Feuersprüche" erstellt, die beim Verbrennen der Bücher gerufen werden sollten. In Berlin leitete der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, die von langer Hand vorbereitete Aktion, der die unmittelbare Verfolgung von unliebsamen Schriftstellern folgen sollte.

Als Ehrengast einer Gedenkveranstaltung mit dem Motto "Literatur auf dem Scheiterhaufen, der Geist im Feuer" in Berlins Akademie der Künste, bezeichnete es Bundespräsident Johannes Rau am Freitag als eine Lehre aus der Geschichte, dass Meinungsfreiheit zu den wichtigsten demokratischen Errungenschaften gehöre und niemand wegen seiner Anschauungen verfolgt werden dürfe. Dem Recht auf Meinungsfreiheit, wie es seit 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten ist, müsse "überall in Europa und überall in der Welt" Geltung verschafft werden, appellierte der Bundespräsident.

Zu der Veranstaltung hatten unter anderem das deutsche P.E.N.-Zentrum, der Verband deutscher Schriftsteller und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eingeladen. Mehrere Intellektuelle, darunter Erich Loest, Christa Wolf, Katja-Lange Müller, Klaus Staeck, Rolf Hochhuth und Walter Jens, trugen zeitgenössische Erinnerungen einiger in der Nazizeit verfolgter Autoren vor, die entweder die Bücherverbrennung als Augenzeuge miterlebt hatten wie Kurt Tucholsky oder ihre schwierigen "Schicksalsreisen" ins Exil beschrieben wie Anna Seghers oder Alfred Döblin.

Rau erinnert an Verfolgungen der Jetztzeit

In seiner Rede erinnerte Rau daran, dass auch heute noch viele Schriftsteller und Journalisten aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt würden. Allein im vergangenen Jahr seien weltweit 1153 Fälle bekannt geworden, in denen Schriftsteller "verschwunden" oder getötet, verhaftet, unter Hausarrest gestellt, ins Exil gezwungen oder auf andere Weise bedroht worden seien.

Laudatoren: Bundespräsident Johannes Rau und Akademiepräsident György Konrád
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Laudatoren: Bundespräsident Johannes Rau und Akademiepräsident György Konrád

Die Bücherverbrennungen, die 1933 in vielen deutschen Städten stattfanden, sowie der nachfolgende "Exodus des freien Geistes" seien für die deutsche Gesellschaft eine Katastrophe gewesen, "die Jahrzehnte nachgewirkt hat und die in Manchem bis heute spürbar ist", sagte Rau. Er bezeichnete es als schwer nachvollziehbar, dass die Vernichtung von Kunstwerken, das Verbrennen von Büchern so viele Menschen in Deutschland gleichgültig gelassen habe. "Was hat Professoren und Schriftsteller dazu gebracht, sich aktiv an der Vertreibung ihrer jüdischen oder sozialdemokratischen Kollegen aus Ämtern und Funktionen zu beteiligen", fragte der Bundespräsident.

Indirekte Mahnung an die USA

Die Bücherverbrennung stehe als ein Symbol für "den Versuch, das freie Denken zu verbieten", sagte Rau. Freies Denken sei aber die Grundlage dafür, "dass sich der Mensch aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit lösen kann". Doch nicht nur fundamentalistische Regimes würden versuchen, Menschen durch Verbote und Verfolgung in die Unmündigkeit zurück zu zwingen. "Ich finde es erschreckend und ich bin besonders besorgt darüber, dass die Verfolgung von Schriftstellern nach dem 11. September 2001 weltweit zugenommen hat. Darum bin ich der Meinung, dass wir immer darauf hinweisen müssen, dass auch im Kampf gegen den Terrorismus nicht alle Mittel erlaubt sind", sagte Rau - ohne die offensichtlich gemeinten USA beim Namen zu nennen.

Abschiedsrede von Akademiepräsident György Konrád

Der scheidende Präsident der Akademie der Künste, György Konrád, sagte, er sei vor 70 Jahren "unter einem Unheil verkündenden historischen Stern geboren worden". Die Verfolgung kritischer Geister habe in all diesen Jahren nicht aufgehört. Vor zehn Jahren habe er sich an der Spitze des Internationalen P.E.N davon überzeugen können, "dass mein früherer Argwohn gegenüber den Diktaturen begründet, jedoch nicht klar genug gewesen ist", sagte der ungarische Schriftsteller. Meist kämen die Menschen "erst mit Verspätung zur Vernunft". Dabei sei "die alte Geschichte manchmal klüger, als wir es sind", appellierte Konrád, bei der Bewertung von Terror-Regimen und Dikaturen aus der Geschichte zu lernen.

Konrads Nachfolger als Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste soll am Samstagnachmittag von der Mitgliederversammlung der Akademie gewählt werden. Als derzeit aussichtsreichster Kandidat gilt der schweizerische Schriftsteller Adolf Muschg. Als Gegenkandidat wurde der bildende Künstler Jochen Gerz nominiert.

Holger Kulick

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