Verunglückte Italien-Analyse Warum di Lorenzo die Erwartungen nicht erfüllt

Großer Anspruch, wenig dahinter: Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und Bestsellerautor Roberto Saviano versprechen, in ihrem neuen Buch Italien zu erklären - liefern aber vor allem Klischees.

Giovanni di Lorenzo
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Giovanni di Lorenzo

Von Margherita Bettoni


Ich gestehe: Ich bin Italienerin. In meiner Familie zählt deshalb "vor allem der Schein". Außerdem bin ich wahnsinnig stolz auf mein Land, und "wehe jemand wagt es, etwas gegen Italien zu sagen." Ach so, noch etwas: Ich komme dazu auch noch aus dem Trentino und bin deswegen - so viel ist klar - "diszipliniert und wortkarg".

Dieses platte Bild von mir zeichnen zumindest Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo und der italienische Publizist Roberto Saviano in ihrem neuen Gesprächsband "Erklär mir Italien! Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?".

Zwei Jahre hat der Halbitaliener di Lorenzo den Autor des Weltbestsellers "Gomorrha", Roberto Saviano, getroffen und befragt. Der Titel des Buches, so schreibt di Lorenzo im Vorwort, solle "Programm" sein. Aber wer es mit der Erwartung liest, die Komplexität des Landes Italiens besser zu verstehen, vom alpinen Norden bis zur südlichsten Spitze Siziliens und allem, was dazwischenliegt, wird leider enttäuscht.

Roberto Saviano: Sein Italien ist das Italien der Mafia
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Roberto Saviano: Sein Italien ist das Italien der Mafia

Di Lorenzo und Saviano reden sehr viel über die Mafia und Savianos Biografie: Das Buch erzählt unter anderem von Savianos Kindheit in Casal di Principe, einer Stadt nördlich von Neapel, in der die kampanische Mafia Camorra das Sagen hat.

Es erzählt, wie Saviano mit elf den ersten Toten sah, auf einem Bürgersteig. Wie er mit 27 sein Buch "Gomorrha" schrieb, das sein Leben für immer verändern sollte - seit kurz nach der Erscheinung 2006 muss Saviano unter Polizeischutz leben. Sein Italien ist das Italien der Mafia. Und tatsächlich drehen sich sechs der 15 Kapitel um dieses Thema, und in vielen der restlichen spielt es immer wieder eine Rolle.

Natürlich gibt es dieses Italien. Es gibt derzeit laut der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission über 2000 Journalisten, die von der Mafia bedroht oder eingeschüchtert werden. Es gibt fast 300 Stadträte, die in den vergangenen 25 Jahren wegen Mafia-Infiltrationen aufgelöst werden mussten. Es gibt die mafiöse Mentalität vieler Italiener, die sich schon darin zeigt, dass man eher durch Bekanntschaften als durch Verdienst versucht, an einen Job zu kommen.

Über das Italien, auf das man stolz sein kann: kein Wort

Es ist das Italien des Südens, in dem der Staat abwesend ist, aber auch das Italien des Nordens, der viel zu spät verstanden hat, dass die organisierte Kriminalität keine geografischen Grenzen kennt.

Dass man in einem Buch über Italien von der Mafia sprechen muss, ist klar - aber andere Facetten der Problematik werden kaum beleuchtet. Erst auf Seite 143 ist von der Anti-Mafia-Bewegung die Rede, allerdings reduziert auf das Engagement weniger Staatsanwälte. Überhaupt nicht angesprochen wird die zivile Anti-Mafia, etwa der Verein "Libera Terra": Der Bund aus rund 370 Kooperativen bewirtschaftet heute Ländereien, die der Staat einst beschlagnahmte - oft arbeiten die Mitarbeiter unter Lebensgefahr, weil die jeweiligen Mafia-Gruppierungen auf Rache sinnen.

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Roberto Saviano und Giovanni di Lorenzo:
Erklär mir Italien! Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?

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Auch die Universitätsstudenten aus dem norditalienischen Reggio Emilia, die 2009 die Anti-Mafia-Web-TV "Cortocircuito" gegründet haben und über die mafiösen Infiltrationen in Behörden berichten, werden nicht erwähnt. Und selbst die alltägliche Zivilcourage der Menschen, die sich täglich weigern, Erpressungsgelder zu zahlen, kommt nicht vor. Über dieses Italien, auf das man durchaus stolz sein kann: kein Wort.

Klischee Mafioso
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Klischee Mafioso

Im Vorwort verspricht di Lorenzo ein Buch, "in dem das Anziehende und das Abstoßende zusammenkommen". Doch selbst in den wenigen Kapiteln, in denen sich der Blick allgemeiner auf italienische Politik weitet, setzt sich ein trostloses, flaches Bild durch: Italien sei ein Land, das es "nicht verdient, dass man sich politisch engagiert", ein Land, in denen "andere Mächte regieren" als die Politik, etwa "die Industrie, die Medien, die Richter - und manchmal eben auch die Mafia", sagt Saviano.

Dass Roberto Saviano, der seit über zehn Jahren gezwungen ist, unter Polizeischutz zu leben, eine düstere Vision dieses Landes hat, kann man nachvollziehen. Aber warum greift sein Gesprächspartner kaum ein in diese Version?

Auch weil er von di Lorenzo so schlicht nicht die Chance dazu bekommt, wird nur selten deutlich, wie scharfsinnig der Autor seine Heimat auch analysieren kann: Seine Diagnose etwa, dass Städte und Gemeinden gegeneinander arbeiten, gefangen sind in einem Konkurrenzkampf, der jeden Fortschritt lähmt, ist durchaus treffend - eine tiefergehende Analyse, wie es zu dieser Kultur des Übertrumpfens kam, bekommt aber kaum Platz.

Erst im vorletzten Kapitel scheint di Lorenzo aufzufallen, wie einseitig diese Italien-Version ist. Schnell werden noch ein paar positive Beispiele gesucht - das Engagement der Ehrenamtlichen, die in Erdbebengebieten tätig waren. Oder das der Bewohner Lampedusas. Das ist viel zu spät.

"Erklär mit Italien" zeigt, dass man die Komplexität eines Landes nicht nur anhand der Erfahrungen einer Einzelperson erfassen kann. Wie kann man ein Land lieben, das einen häufig zur Verzweiflung bringt? Auf diese Frage, die ich mir, wie viele Italiener, regelmäßig stelle, habe ich auch nach der Lektüre keine Antwort.



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